Stolperstein in Ludwigshafen für Fridolin Braun

Gegen das Vergessen

Seit acht Jahren werden in Ludwigshafen Stolpersteine verlegt. Anfang der Woche sind 13 neue dazugekommen. Damit wird an 179 Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Urheber der Aktion ist der Kölner Künstler Gunter Demnig. Wir haben ihn und Mitglieder des Vereins begleitet, der die Verlegung der Mahnmale in der Stadt koordiniert. 

Etliche Bürger verfolgen die Arbeit des Künstlers Gunter Demnig und steuern bei den Stationen passende Anspra- chen sowie Musik zur Verlegung der Stolpersteine bei. FOTO: KUNZ

Nachdem er den Erinnerungsstein für Fridolin Braun gesetzt hat, nimmt Gunter Demnig in der Friesenheimer Straße rote Pflastersteine, um die Lücke im Straßenbelag zu füllen. Bisher hat er stets graue verwendet. Jetzt deutet er auf das Wort „Widerstand“ auf der Messingplatte des Steins. Der Künstler setzt so einen weiteren Akzent zum Gedenken an den 1925 geborenen Sozialdemokraten. Der Lehrer und Schulleiter wurde im März 1933 vor den Augen seiner Schüler von Nationalsozialisten verhaftet.

Nun liegt in Oppau der erste Stolperstein des Tages. Als Erinnerung an einen Verfolgten des Nationalsozialismus. Im Stadtgebiet sind 179 dieser Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir eingelassen. An diesem Dienstag kommen 13 sogenannte Stolpersteine hinzu. Der Verein „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ betreut die Aktion. Wieder sind Monika Kleinschnitger, Johannes Graßl und Gerhard Kaufmann, der Vereinsvorsitzende, dabei. Und Verwandte, Bekannte, Nachbarn, Zaungäste und Schüler, die eine kleine Feier mitgestalten.

Einige Dutzend Kilometer legen Demnig und der Verein am Dienstag zurück, um an Menschen zu erinnern. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Demnig aus dem Talmud, einem der wichtigsten Schriftwerke des Judentums. Demnig (68), der die Idee mit den Stolpersteinen hatte, fährt mit seinem roten Kleinbus zur nächsten Station vor, um möglichst fertig zu sein, bevor Ansprachen gehalten, Texte verlesen und Musik vorgetragen sind. „Das Tiefbauamt hat da, wo ich Steine verlege, eine Betonplatte entfernt“, sagt Demnig. Wenn er auf dem Gehweg kniet und 15 bis 20 Leute zusehen, herrscht feierliche Stille, die an eine Beerdigung erinnert.

Einige der 13 Stolpersteine sind Menschen gewidmet, die zwar unter den Nationalsozialisten gelitten, den Holocaust aber überlebt haben. Wie Curt Schuster, Jahrgang 1892, der seit den 1920er-Jahren als Chemiker im Hauptlaboratorium der BASF arbeitete, Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) war und einem Mannheimer Zirkel von Gegnern des Nationalsozialismus angehört hatte. Seine Frau Regina wurde 1944 in Auschwitz ermordet, er selbst 1943 zu Zwangsarbeit in Leuna verurteilt. Nach Kriegsende kehrte er mit Tochter Dorothea nach Ludwigshafen zurück, arbeitete bis zum Ruhestand wieder in der BASF und starb 1990 fast 100-jährig. Stefan Mörz, Leiter des Stadtarchivs, erzählt die Lebensgeschichte vor dem Haus der Schusters in der Erzbergerstraße (Friesenheim). Vier Stolpersteine werden verlegt: für das Ehepaar Schuster, Tochter Dorothea und Schwiegermutter Hermine Meyer, die im Jahr 1942 die „Flucht in den Tod“ gewählt hatte.

Mörz stellt auch die zweite Ehefrau des Chemikers vor: Ingeborg Schuster, die vor Ort ist. Die 93-Jährige hat sich auf eine Gehhilfe gestützt, ist den Tränen nahe, während ihr Blick auf den Gehweg gerichtet ist. Sie hat Curt Schuster 1949 kennengelernt, sagt sie. „Ich war als Flüchtling aus Oberschlesien gekommen und in Weiden in der Oberpfalz in einer Drogerie untergebracht. Dort lernte ich ihn kennen.“ Denn Schusters Bruder sei Inhaber der Drogerie gewesen. „Mein späterer Mann war damals Zeuge bei den Nürnberger Prozessen und hat seinen Bruder besucht“, erzählt sie.

Hier am Ebertpark wirken Schüler des Planck-Gymnasiums mit. Josipa Scheiring trägt ein Gedicht vor. Marco Breit und Janni Papamanoglu spielen auf Saxofon und Gitarre passende Stücke. Doris Diamant, aktiv im Verein für Stolpersteine, liest die vier Inschriften auf den Messingplatten der Steine vor. Um besser sehen zu können, kniet sie auf dem Pflaster nieder. Danach herrscht Stille.

Schüler sind an allen fünf Orten des Gedenkens dabei: In der Grünerstraße (Süd), wo vier Steine für die Eheleute Friedrich und Ruth Neubauer sowie ihre Kinder Eva und Isaac verlegt werden, ist es eine Abordnung der Berufsbildenden Schule Wirtschaft II. In Oppau präsentieren Schüler der Integrierten Gesamtschule Edigheim, begleitet von Lehrerin Mechthild Lukas, eine szenische Darstellung. Eine Schülerdelegation des Scholl-Gymnasiums und ihre frühere Lehrerin Irene Berkenbusch-Erbe haben sich mit dem Leidensweg der Familie Kahn befasst: Siegfried, Lucie und Ruth Carola Kahn wurden 1940 aus der Arnulfstraße ins französische Lager Gurs deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet.

Auf der Fahrt nach Rheingönheim erzählt Monika Kleinschnitger, dass Elain Kahn, auf die Familie in der Arnulfstraße aufmerksam gemacht habe. Die in Kanada lebende Großnichte habe an die Kontaktadresse der Vereinshomepage geschrieben. „Wir beginnen dann unsere Recherche hier vor Ort im Stadtarchiv und prüfen, ob die Angaben den Kriterien für Stolpersteine entsprechen. Es soll an den letzten freiwillig gewählten Wohnort erinnert werden.“ Vor der Verlegung „holen wir außerdem das Einverständnis der Hauseigentümer ein und informieren die heutigen Bewohner.“

In der Rheingönheimer Hauptstraße hat die 87-jährige Marianne Köhler Recherchen über Max Blüm angeregt. Sie erzählt den Jugendlichen aus dem Böll-Gymnasium, wie freundlich „der Herr Blüm“ gewesen sei. Sie erinnere sich noch an den Tag 1940, „als er zu uns gekommen ist und gesagt hat: Es ist soweit, ich muss mich verabschieden“. Auf der Messingplatte, die vor dem Haus eingelassen wird, steht: „Interniert Drancy / 1942 Auschwitz ermordet“. Schüler Maurice Kuhn spielt auf dem Saxofon „Donna, Donna“, das Lied vom Kälbchen, das zur Schlachtbank geführt wird und sich nicht wehren kann.

Demnig packt sein Werkzeug zusammen. Er fährt nach Bobenheim-Roxheim. Zuvor war er in Mannheim. Er hat mit den Steinen eine Spur durch Europa gelegt – zum Gedenken an alle Nazi-Opfer. Im Januar lagen 50.000 Steine in 1300 Orten.

Neue Stolpersteine
Am Dienstag wurden im Stadtgebiet 13 Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus an folgenden Adressen verlegt: Grünerstraße 7 (in Süd/Familie Neubauer): vier Steine; Arnulfstraße 29a (Süd/Familie Kahn): drei Steine; Hauptstraße 228 (Rheingönheim/Max Blüm): ein Stein; Erzbergerstraße 100 (Friesenheim/Familie Schuster): vier Steine; Friesenheimer Straße 25a (Oppau/Fridolin Braun): ein Stein. (ptr)

IM NETZ:
www.ludwigshafen-setzt-stolpersteine.de.
Ein Stein kostet 120 Euro. Jeder Bürger kann dafür eine Patenschaft übernehmen.

(Quelle: Die Rheinpfalz - Ludwigshafener Rundschau - 17.10.2015 / Von Rainer Peter)