Die Debatte um die Hochwasserrückhaltung

Das Vorhaben birgt erheblichen Zündstoff: Bis 2008 soll zwischen Altrip, Waldsee und Neuhofen ein Polder zur Hochwasserrückhaltung entstehen. Während die Behörden auf die dringende Notwendigkeit des Hochwasserschutzes verweisen, befürchten die Kritiker erhebliche Nachteile für die drei Gemeinden.

Auenwälder mit urwaldähnlichem Baumbestand, Felder mit intensivem Ackerbau – so sieht das Gelände zwischen den Gemeinden Altrip, Waldsee und Neuhofen aus, das zur Hochwasserrückhaltung genutzt werden soll. Der Standort im Kreis Ludwigshafen ist einer von insgesamt acht für gesteuerte Polder in Rheinland-Pfalz. Das Ziel: Spätestens ab 2008 sollen dadurch und durch Deichrückverlegungen 44 Millionen Kubikmeter Wasser zurückgehalten und Hochwasserwellen frühzeitig abgefangen werden. Kosten für das Land: 300 Millionen Mark.

1982 verpflichteten sich Deutschland und Frankreich, neue Auffangmöglichkeiten zu schaffen, weil durch den Staustufenbau am Oberrhein große Rückhalteflächen verloren gegangen waren. Vorgesehen waren in Rheinland-Pfalz zunächst vier Polder-Standorte: Daxlander Au, Hördt, Flötzgrün und die Kollerinsel. Ein raumplanerisches Verfahren ergab allerdings, dass der Standort Hördt wegen des Naturschutzgebietes Hördter Rheinauen bedenklich war. In einer neuen Konzeption, nun für die gesamte Rheinniederung, kamen Neupotz, Mechtersheim und Waldsee/Altrip/Neuhofen dazu. 1992 wurde diese Konzeption vom rheinland-pfälzischen Ministerrat verabschiedet, ein neues Raumordnungsverfahren eingeleitet. Nach Abschluss aller Maßnahmen soll, so die Experten, wieder ein 200-jährlicher Hochwasserschutz am Oberrhein gewährleistet sein – Hochwasser, wie sie rein statistisch fünf Mal in 1000 Jahren vorkommen, wären beherrschbar.

So viel zur Theorie. Die Gemeinden Altrip, Waldsee und Neuhofen jedoch haben jetzt ganz praktisch mit den Auswirkungen der Pläne zu tun: Ein über acht Kilometer langer Deich soll gebaut, große Flächen auf ihren Gemarkungen bei Bedarf überflutet werden (siehe „Flutung durch Fischbauchklappen”). Dieses Vorhaben wird nicht widerspruchslos hingenommen. „Altrip braucht Hochwasserschutz, Altrip kann keinen Hochwasserschutz gewähren”, lautet beispielsweise eines der Argumente, mit dem der Standort in Frage gestellt wird. Er sei ohne ausreichende Bewertung der Lage festgelegt worden.

Platz für Wassermassen? Der rote Bereich kennzeichnet in etwa die für den Polder vorgesehene Fläche. | FOTO: LENZ

Größte Sorge der Gemeinden ist das Druckwasserproblem

Eine Diskussion, auf die sich die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd in Neustadt, die mit dem Projekt beauftragt ist, nicht einlassen will. „Die Suche nach Ersatzstandorten führt nicht zum Ziel”, sagt SGD-Vizepräsident Ralf Neumann, der Widerstände von anderen Polder-Standorten gewohnt ist. Gerade Waldsee/Altrip/Neuhofen ist nach Auffassung seiner Behörde wichtig: Als letzte Rückhaltung vor dem Neckarzufluss könnten durch den Polder Hochwasserspitzen weggenommen und die Situation entschärft werden. „Der Polder hat dadurch auch eine eindeutige Schutzfunktion für Altrip”, betont Neumann. Der gesteuerte Rückhaltebereich ziele auf eine Minderung der Hochwassergefahr direkt vor Ort und werde erst bei extremem Hochwasser als letzter einer Kette von Poldern eingesetzt.

Die größte Sorge in den Gemeinden ist jedoch eine Verschärfung der schon heute bestehenden Druckwasserproblematik. Sollte der Polder geflutet werden, befürchten viele, dass ihnen in ihren Häusern das Grundwasser buchstäblich bis zum Hals steigt. Die SGD hat versucht, diese Bedenken mit einem Druckwassergutachten zu zerstreuen. Tenor: Der Polder verschärft die Situation nicht. Weil ein Großteil der Baumaßnahmen in Sachen Polder auf die Druckwasserproblematik ausgerichtet sei, könne die Situation für die Gemeinden künftig nur besser werden, erklärt SGD-Vize Neumann gebetsmühlenartig. Argumente, die die Polder-Gegner nicht wirklich überzeugen. Die Gemeinde Altrip hat inzwischen ein Gegengutachten in Auftrag gegeben.

Hinzu kommt: Zur Regulierung der Grundwasserstände werden zwei Schöpfwerke neu gebaut, ein bestehendes saniert. Sie werden aber nur bei einer tatsächlichen Flutung des gesteuerten Polderbereichs zum Einsatz kommen, denn entscheidend für die SGD-Süd sind allein die Auswirkungen durch den Polder, die es zu kompensieren gilt. Die drei Gemeinden hingegen hätten lieber ein Gesamtkonzept zur Lösung ihre Grund- und Druckwasserprobleme.

Bleibt das Poldergelände selbst, die Wälder und Äcker, die überwiegend forst- und landwirtschaftlich genutzt werden. Grundstückseigentümer erhalten vom Land eine einmalige Abfindung für die teilweise (bei Flutung) oder dauerhafte (für Bauwerke und Wege) Nutzung ihres Geländes sowie eine Entschädigungen für Ernteausfälle, Mindererträge oder Mehraufwendungen bei einem Poldereinsatz. Landwirtschaftliche Betriebe fühlen sich von dem Projekt dennoch in ihrer Existenz bedroht. Ebenso der Altriper Rexhof, dessen Freizeitreiter bisher Teile des künftigen Poldergeländes nutzen. Nicht zu vergessen das benachbarte Campinggebiet „Auf der Au”, wo man Angst vor Druckwasser hat. Und die Frage, was mit den im Polderbereich lebenden Tieren bei einer Überflutung tatsächlich passiert, treibt die Polder-Gegner zusätzlich um. Genügend Diskussionsbedarf bis 2008.

(Quelle: Die Rheinpfalz - Ludwigshafener Rundschau - 15. Dezember 2001 | Von Peter Müller)