Geschichten von dort „wo de Rhoi den Boche macht”

Ausstellung „Leben am Strom” des Heimat- und Geschichtsvereins im Bürgerhaus „alta ripa” stößt auf reges Interesse

Am Anfang war der Rhein. Er ist der große Ordner unserer Landschaft und bestimmt die Richtung. Der Heimat- und Geschichtsverein Altrip hat daher „Leben am Strom” als Titel und Thema für seine am Samstag eröffnete Ausstellung gewählt. Am Abend zuvor hatten sich insgesamt 16 Männer und Frauen am Ort der Ausstellung, dem Bürgerhaus „alta ripa”, in ihren selbst genähten historischen Trachten präsentiert.

Vereinsvorsitzender Wolfgang Dilly gab eine informative Einführung und lobte insbesondere seine Stellvertreterin Elke Knöppler, in deren Händen die Gesamtorganisation lag. Auf alten Landkarten sind die Wasserläufe des Rheins über die Zeiten hinweg wie Adern eines lebendigen Organismus zu sehen. Wichtige Schiffsbauten sind als Leihgaben verschiedener Museen zu bestaunen. Da sich schon in antiker Zeit hier ein Rheinübergang befand, wurde dem Fährwesen gleich ein ganzer Raum gewidmet.

Hoch- und Niedrigwasser sowie Eisgänge bewegten die Altriper im Laufe ihrer Geschichte immer wieder. So sind Fotos vom letzten Extremhochwasser 1955, vom Niedrigwasser 2003 und vom Treibeis 1954 zu sehen. Schicksalhaft auch die Pläne von Oberst und Ingenieur Johann Gottfried Tulla, nach denen Altrip nach einem Rheindurchstich rechtsrheinisch geworden wäre. Doch die Geschichte wollte es anders und Altrip blieb der Krone Bayerns erhalten. Breiten Raum nehmen die Berufe der Rheinniederung ein. Unübersehbar sind die großen Fischernetze sowie Reusen und die bis zu den Leisten reichenden Fischerstiefel. Ausgestellt ist auch die „Schnitzelbank” eines ehemaligen Holzschuhmachers sowie Holzmodels der Handstrichziegler, die einst Lettenschichten im Handbetrieb ausbeuteten. Eine Waschbank eines Goldwäschers samt Leihgegenständen aus Speyer über den letzten Berufsgoldwäscher sowie das beschriebene Verfahren des Goldwaschens nötigen dem Betrachter Respekt ab. Ausgestellt sind auch echte Rheingoldmünzen.

Neben der Ausstellung war auch das „Museums-Café” sehr gut besucht. Kinder hatten ihren Spaß beim historischen Rätselraten sowie beim Indoor-Goldwaschen. Bürgermeister Jürgen Jacob konnte als Hausherr auch viele auswärtige Besucher, darunter Landrat Werner Schröter, begrüßen. Er hob die Bedeutung des Rheins als Schicksalsstrom für Altrip hervor, der den Bewohnern mit Fischen einst Nahrung gab, sie aber auch mit Hochwasser beutelte.

Bürgermeister Jürgen Jacob und weitere Gäste bewundern das Modell eines Schraubenradschleppers. | FOTOS (2): LENZ

Trachtenträger: Alt-Bürgermeister Willi Kotter und Doris Fassott in einer Szene des Stücks, das das historische Altrip lebendig werden ließ.. | FOTOS (2): LENZGeschichte in Trachten

Eine recht dürftige Beschreibung der früheren Altriper Tracht fand Elke Knöppler in einer 1910 erschienenen Schrift des Altriper Heimatforschers Hermann Provo. Die frühere Gymnasiallehrerin war aber von der Beschreibung so angetan, dass sie zusammen mit der Damenschneidermeisterin Heike Just sowohl die Frauen- als auch die Männertracht rekonstruierte. Zeit raubende, jahrelange Recherchen waren dafür nötig. Vielfach musste auf Zubehörteile aus dem österreichisch-bayerischen Raum zurückgegriffen werden, etwa aus Salzburg, Wien und München.

Das Ergebnis der Arbeit wurde bereits 2003 vorgestellt. Doch Elke Knöppler wollte mehr. Und so kam es zu einem Kurs mit 16 Frauen und Männern bei Heike Just, die sich daran wagten, eine etwas „abgespeckte” Tracht selbst zu nähen. Heike Just lobte das Durchhaltevermögen ihrer „Lehrlinge”, die alle bei der Stange blieben. Kaum zu glauben, denn die Männer hatten zuvor noch nie eine Nadel in der Hand. Im brechend vollen Bürgerhaus erlebten die Besucher am Freitagabend das Ergebnis des eineinhalbjährigen Trachtennähens mit einer szenischen Darstellung, die sich am Rheindamm an der Wirtschaft „Zum Karpfen” anno 1850 abspielte. Einer der Trachtenträger und Darsteller war Altbürgermeister Willi Kotter.

Zwischen einzelnen Szenen spielten die „Pälzer Krischer” passende Melodien und am Ende der Aufführung tanzten alle „Models” zum Altriper Lied „Wo de Vadder Rhoi den große Boche macht”, das vor über 50 Jahren Altbürgermeister Adam Jacob textete und Lutz Pfeuffer aktualisierte. Er war es auch, der in wohl gereimten Worten die einzelnen Trachtennäher vorstellte. Sein Song von der „Pälzer Kartoffelsupp” war dann auch die richtige Melodie zur Präsentation des Kochbuchs „Altriper Rezepte aus Omas Zeiten” von Heide Hook. Bürgermeister Jacob dankte allen Akteuren, freute sich über die „Altriper Hymne” und übergab dem Verein ein Beutelchen, in dem sich Goldnuggets befinden sollten. (wlf)

Info
Die Ausstellung „Leben am Strom” ist noch heute und morgen, 16 bis 19 Uhr, sowie am Samstag, 27., 14 bis 18 Uhr, und Sonntag, 28. Januar, 11 bis 18 Uhr, zu sehen. 

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 24. Januar 2007)