Gefräßige Fremdlinge verdrängen heimische Arten

Die Rheinauen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt. Die alten Fluss-Schlingen, in denen sich der Strom früher gemächlich gen Meer wälzte, sind mit ihren pflanzenreichen Uferstreifen heute die Kinderstube für viele Arten von Fischen, Vögeln und Insekten. Die Vielfalt an Kleingetier wiederum zieht andere Lebewesen in die warmen Feuchtgebiete.

„Der Neuhofener Altrhein hatte einmal die größte Kolonie von See- und Teichrosen in der ganzen Pfalz”, erzählt Biologe Heiko Kotter. Der Vergleich mit 20 Jahre alten Luftbildern stimmt traurig. Über die Gründe für den Schwund hat der Landespflegebeauftragte für die Gemarkung Altrip seine eigene Theorie: Nutrias, auch Sumpfbiber genannt.

Eigentlich haben sie in den heimischen Auen gar nichts verloren. Doch wie Bisam-Ratte und Marderhund wurde das exotische Tier auf Pelzfarmen gezüchtet – nicht wenige Exemplare entkamen und gediehen hierzulande nicht schlecht. Der Marderhund gilt allerdings als Tollwutüberträger und steht im Verdacht, bodenbrütende Vögel zu dezimieren. Den Sumpfbiber hat Kotter in Verdacht, im Winter die zarten Unterwasserblätter der Seerosen abzuweiden und den Pflanzen dadurch die letzten Reserven zu entziehen.

Neozoen nennt man solche Exoten. Aus Asien, Afrika, Amerika oder aus dem Mittelmeergebiet kamen sie auf unterschiedlichen Wegen an den Rhein. Die einen reisten in den Ballasttanks der großen Schiffe über die Ozeane, die anderen wurden einfach ausgesetzt, als sie für das heimische Aquarium zu groß oder gefräßig wurden. Die ostasiatische Süßwasserqualle hat man vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts über Wasserpflanzen eingeschleppt. Zuerst entdeckte man sie in Londoner Tropenhäusern, inzwischen bevölkern sie alle Gewässer entlang des Rheins. „Erstaunlicherweise gibt es in Europa nur weibliche Medusen, in Neuseeland dagegen nur Männchen”, berichtet Kotter. Deshalb gehen Biologen davor aus, dass jeweils nur ein Exemplar den Sprung über den großen Teich schaffte und sich durch Teilung vermehrt hat.

Doch nicht alle Neulinge schädigen nachhaltig die einheimische Flora und Fauna. Kaum ein gediegenes Fischerfest ohne Karpfen und Zander. Wer im Altrhein seine Angel auswirft, kann sicher sein, irgendwann einen dieser Fische an den Haken zu bekommen. Doch genau genommen sind auch sie Fremdlinge am Rhein.

Wie Kotter erzählt, wurde der Karpfen um 1100 aus dem Kaukasus eingeführt und von Mönchen zur Nahrungsergänzung in Teichen gezüchtet. Und von dort war es nur noch ein kleiner Sprung in die Freiheit heimischer Seen und Flüsse. Vielleicht hat eine Ente den ersten freien Karpfen als Laich im Gefieder mit sich getragen.

Problem: Eingeschleppte Pflanzen

Wie das Dammwild oder der Fasan passte sich auch der Karpfen gut in die heimische Fauna ein – allerdings nicht überall zum Besten seiner Umwelt. Der sibirische Graskarpfen etwa, der vor Jahren unter Aquaristen fälschlicherweise als Algenvertilger gepriesen wurde, kann in freier Wildbahn immensen Schaden anrichten, weiß Kotter. Der Fisch, der bis 60 Kilogramm schwer wird, weidet radikal jene Grünpflanzen in den Uferbereichen ab, die als Laichplatz und Versteck für Jungtiere so wichtig sind.

Massenhaft vermehrt hat sich auch der amerikanische Flusskrebs. Der heimische Edelkrebs wurde bei einer großen Krebspest in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahezu ausgerottet. Um die Lücke zu schließen, wurde 1890 der kleinere und sehr viel zähere Artgenosse eingebürgert. Er kommt auch mit dem sauerstoffarmen Wasser der Altrheinarme gut zurecht.

Gefährlich sind die Fremdlinge dort, wo sie die heimische Flora und Fauna schädigen. Zu schaffen machen den Biologen in den Auwäldern drei eingeschleppte Pflanzen (Neophyten), die durch ihr extremes Wachstum und ihre rasche Vermehrung nichts anderes mehr groß werden lassen: die kanadische Goldrute, das asiatische Springkraut und der Riesenbärenklau, einst aus dem Kaukasus als Zierpflanze eingeführt. „Sie sind für einheimische Tiere zum Teil giftig und verdrängen Pflanzen, die vielen Lebewesen als Nahrungsgrundlage dienen”, erklärt Kotter. Der Hausratte wird dagegen wohl niemand nachtrauern, obwohl sie in Rheinland-Pfalz als verschollen gilt. Sie wurde von der asiatischen Wanderratte verdrängt, die auch für die großen Pestepidemien verantwortlich ist.

Dieser Flusskrebs stammt eigentlich aus Amerika, hat sich aber bei uns gut akklimatisiert.  |ARCHIVFOTO: HAUCKMit dem getigerten Bachflohkrebs hat der Rhein seit den 90er Jahren einen Neubürger aus den Brackwassern der Küstenregion gewonnen. Den höheren Salzgehalt nutzend, ist das Tier bis zu den Kalibergwerken in Frankreich hinauf gewandert. Im Neckar wurden vor einigen Jahren gar Scheibensammler gefangen, zu denen auch Piranhas gehören.

Im Kühlwasserauslauf des Kernkraftwerks Philippsburg gedeiht eine Gubbie-Population. Die Mandarin-Ente hat inzwischen in Europa einen größeren Bestand als in ihrer alten Heimat Nordamerika. Und in Karlsruhe wurden gefräßige Ochsenfrösche gesichtet, die auf Farmen in Frankreich wegen ihrer schmackhaften Schenkel gehalten werden und alles fressen bis zu zwei Dritteln ihrer eigenen Größe. „Auch mal eine Ratte, wenn es sein muss”, sagt Kotter.

Als Nahrungskonkurrenten für die einheimische Sumpfschildkröte treten die rotwangigen Schmuckschildkröten auf, die in freier Wildbahn sehr viel größer werden als im Aquarium. In Altrip habe man sogar schon zwei Schnappschildkröten gefangen, informiert der Biologe. Sie hätten einem Kind problemlos den Arm abbeißen können.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 5. August 2003 | Von Birgit Möthrath)

● „Auen sind für den Rhein sehr wichtig”

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