Überlebenskünstler in trüben Gewässern

Die Rheinauen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt. Die alten Fluss-Schlingen, in denen sich der Strom früher gemächlich gen Meer wälzte, sind mit ihren pflanzenreichen Uferstreifen heute die Kinderstube für viele Arten von Fischen, Vögeln und Insekten. Die Vielfalt an Kleingetier wiederum zieht andere Lebewesen in die warmen Feuchtgebiete.

Das Wasser, das Heiko Kotter aus dem Altrhein bei Altrip schöpft, ist grünlich trüb, riecht faulig und wimmelt nur so von kleinen Krebsen und Wanzen. Hier würde niemand freiwillig baden gehen. Doch die Fische fühlen sich bei diesem reich gedeckten Tisch wohl – zumindest die weniger anspruchsvollen Fische. „Karpfen brauchen nur eine Pfütze zum Überleben”, sagt Kotter, Fischereiaufseher und Landespflegebeauftragter für die Gemarkung Altrip.

Die Rheinauen sind voll von ihnen: Brachsen, Karauschen, Rotaugen, Rotfedern und all jene, welche die Artenbezeichnung im Namen tragen. Sie alle sind beliebte Angelfische. Nach den weniger zähen Tieren aus der Gruppe der Lachse wie Forelle, Esche, Lachs oder Saibling sucht man im schlammigen, sauerstoffarmen Wasser der beiden Altrheinarme bei Neuhofen und Roxheim jedoch vergeblich.

In den hiesigen Rheinauen finden sich keine echten Auwälder mehr. Die Gewässer sind vielmehr wie Seen: Laub und abgestorbene Organismen fallen auf den Boden und werden dort auf Kosten des Sauerstoffs abgebaut. Im Sommer kann dadurch der unangenehme Faulschlammgeruch entstehen, wenn das Wasser nicht mehr vom Wind umgewälzt wird.

Zu den Karpfen zählt auch der Bitterling, einer der schönsten Kleinfische, der immer seltener wird, sagt Kotter. Interessant an dem beliebten Beutefisch sei vor allem sein außergewöhnliche Brutverhalten: Der Fisch benutzt große einheimische Muscheln (Anodonta und Malermuscheln) als Brutstation. Das Weibchen entlässt seine Eier in den Sog der Muschel, das Männchen gibt seine Samen hinzu. Der Laich wird in der Muschel durch den Filtervorgang immer mit frischem Wasser versorgt. Die früher großen Bestände des Bitterlings gehen zurück, da mit zunehmender Wasserverunreinigung die Muscheln seltener werden.

Selbst ist der Mann, heißt es dagegen beim Stichling, für den das Kinderkriegen eine recht anstrengende Sache ist. Hat er es mit Tanz und Massage geschafft, ein Weibchen zu betören, muss er den Laich zwei Wochen lang umhegen und ihm sauerstoffreiches Wasser zufächeln.

PCB-Konzentration im Schlamm führt zu vermehrtem Aalsterben

Sehr stark zurückgehen wird nach Ansicht des Biologen in naher Zukunft der Aal, der früher am Rhein in Massen vorkam. Ist der Boden feucht genug, kann der Fisch sogar in geschlossene Systeme wie Seen oder auch Altrheinarme wandern und dort kapitale Größe erreichen. Hier bleibt er jedoch nur, wenn er zur Laichzeit nicht zurückwandern kann. Ansonsten hält den Aal bei Geschlechtsreife nichts in hiesigen Gewässern: Die Fische wandern zum Laichen nach Mexiko, die Jungtiere kehren dann als Glasaale zurück, werden jedoch vor der Küste sehr stark befischt und zu Tierfutter verarbeitet. Doch das ist Kotter zufolge nicht der Hauptgrund für das vermehrte Sterben des Aals, sondern die Konzentration des Holzschutzmittels PCB in seinem Lebensraum am Grund. Einmal durch das Gift geschädigt, wird er anfällig für Parasiten.

Auch auf dem Boden, allerdings nicht im Schlamm, lebt die auffällige Groppe mit ihren langen Fühlern. Auch dieser Fisch, den Normalsterbliche allerdings nie zu Gesicht bekämen, sei ein Indikator für die Wasserqualität, sagt Kotter. Denn am Boden herrschen wegen des Sauerstoffmangels die schlechtesten Lebensbedingungen. Durch den Schlamm wühlt sich der ausgesprochen glitschige Kaulbarsch. Seine Besonderheit: Er macht sich bei Gefahr stachelig.

Gut an die schwierigen Bedingungen in trüben Gewässern angepasst sind dagegen die Schmerlen. Zu ihnen gehört beispielsweise der Schlammpeitzger, der auch als Wetterfisch bezeichnet wird. Bei Wetterumschwüngen stößt er an die Oberfläche und schluckt Luft, deren Sauerstoff er über die Verdauungsorgane aufnehmen kann. So ist er nicht allein auf seine Kiemen angewiesen.

Ganz extreme Lebensbedingungen hat sich auch der archaische Kiemenfußkrebs ausgesucht, der stark gefährdet ist. Sein Refugium sind Tümpel, die zeitweise trocken fallen. Hier können die Eier etliche Trockenjahre überdauern. Außerdem sind solche Tümpel frei von Fischen, die dem Krebs sonst den Garaus machen würden.

Kapitale Hechte sind hierzulande selten geworden. Ihr Bestand kann nur durch Aussatz stabil gehalten werden, denn sie sind anderen Raubfischen an Schnelligkeit weit unterlegen. | FOTO: HAUCKUngewöhnlich, doch durchaus im Rhein zu Hause sind Plattfische, sagt Kotter. Noch vor 100 Jahren habe die Hauptbeute in einer Hebenetzstation bei Heidelberg aus Flundern bestanden, die man sonst eher mit der Ostsee vermutet. Inzwischen erhole sich auch ihr Bestand im Rhein wieder. Wegen der verbesserten Wasserqualität hätten sich auch Döbel, Nasen und Barben wieder stark vermehrt.

Vom Aussterben bedroht ist erstaunlicherweise der wohl bekannteste heimische Raubfisch: der Hecht. Sein Bestand werde nur durch Aussatz stabil gehalten, denn er ist anderen Räubern an Schnelligkeit weit unterlegen. Weniger Wert legen Angelvereine, die geschlossene Wassersysteme mit Fischen besetzen, jedoch auf Barsche, denn der Fisch ist ein Laichräuber.

Im Durchschnitt seien die heimischen Gewässer wie der sehr nährstoffreiche Neuhofener Altrhein allerdings zu dicht besetzt, sagt der Fischereiaufseher. Zu sehr vermehrt hat sich Kotter zufolge in den letzten Jahren auch der Waller, ein ungewöhnlich großer Wels. Das Tier kann bis zwei Meter groß werden und wächst allein im ersten Jahr 60 Zentimeter. Man könne sich vorstellen, was der träge Allesfresser dafür alles vertilgen müsse.

Info
Zum Nachlesen: Herbert W. Ludwig: „Tiere und Pflanzen unserer Gewässer”; BLV 2003, ISBN 3-405-16487-7, 24,90 Euro.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 6. August 2003 | Von Birgit Möthrath)

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