„Feuchtgebiete sind ein El Dorado für die Vogelwelt”

Die Rheinauen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt. Die alten Fluss-Schlingen, in denen sich der Strom früher gemächlich gen Meer wälzte, sind mit ihren pflanzenreichen Uferstreifen heute die Kinderstube für viele Arten von Fischen, Vögeln und Insekten. Die Vielfalt an Kleingetier wiederum zieht andere Lebewesen in die warmen Feuchtgebiete.

Heißes, trockenes Wetter wie in diesem Sommer ist ideal für die Wasservögel und die Kleinvogelwelt. Weil es genügend Möglichkeiten der Nahrungsaufnahme gibt, erholt sich die Population, die unter anderem wegen der Verschlechterung der klimatischen Bedingungen gelitten hat.

„Entlang des Rheins und in den Auen, in den Schilfzonen, Feuchtgebieten und Wiesenlandschaften gibt es eine große Artenvielfalt. Dieses Gebiet ist ein El Dorado für die Vogelwelt”, erklärt der Ludwigshafener Vogelkundler Franz Stalla. Er hat mit Mitarbeitern der Volkshochschule die Vogelwelt in den sieben wichtigsten Gebieten am Rhein zwischen Worms und Speyer auf einer Länge von 50 Kilometern untersucht.

Da gibt es zum Beispiel die Gruppe der Standvögel. Das milde Klima, reichhaltiges Wasservorkommen und großes Nahrungsangebot lassen Amseln, Meisen, Spechte und Finkenvögel, aber auch Fasane und Rebhühner ganzjährig hier leben. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Tier Körnerfresser wie der Fink, Insektenvertilger wie die Amsel ist oder eher Grünfutter wie der Fasan vorzieht. Der frisst zwar auch Insekten, aber nur in der Aufzuchtzeit der Nachkommenschaft. Die Meise ernährt sich im Winter von Körnern und im Sommer von Insekten.

Weil es mehr männliche als weibliche Vögel gibt, hat die Vogeldame jedes Jahr einen Mann, während die Männchen das Brutrevier abstecken und die Weibchen anlocken. Das ergibt vor und während der Brutzeit ein buntes Tongemisch in den Auen und Wäldern. Die Amsel singt, der Kuckuck ruft und der Specht, der keine Stimmbänder hat, klopft. Während die Weibchen die Nester bauen, Eier legen und das Gelege bebrüten, kümmern sich beide Partner um die Aufzucht der Nachkommenschaft.

„Mensch ist der größte Störenfried”

„Neben den Standvögeln gibt es noch die Teilzieher und Durchzügler, wobei der Rhein eine der Hauptleitlinien des Vogelzugs ist”, erläutert Stalla. Gemeint sind Vögel, die den unwirtlichen Bedingungen Nordeuropas den Rücken kehren und in den Auen brüten. Die dritte Gruppe sind die ausgeprägten Zugvögel, wie etwa der Teich- oder Sumpfrohrsänger.

Weil im Winter die niedrigeren Temperaturen und die kürzer werdenden Tage die Nahrungsaufnahme erschweren, frisst sich der Vogel vor dem Abflug den Zugspeck an und verlässt Ende August bis Ende September die heimischen Gefilde in Richtung Afrika. Erst Mitte März bis Mitte April taucht er wieder auf.

Natürliche Feinde haben die Vögel kaum noch, weil es nicht mehr so viele Greifvögel, Füchse oder Marder gibt. Gefährlich ist es allerdings in der Fortpflanzungszeit von Mitte April bis Ende Juni, wenn sich Nesträuber wie Rabenvögel, Wiesel oder Elstern an den Eiern vergreifen. „Der Mensch ist mit seinem Freizeitverhalten der größte Störenfried, auch wenn vieles aus Unkenntnis heraus geschieht. Naherholung ja, sie sollte sich aber im Rahmen halten, vor allem in der Fortpflanzungszeit”, sagt der Vogelkundler. Die Scheiben der schnellen Autos als Insektenkiller, Siedlungsbau und die Landwirtschaft mit Schädlingsbekämpfung sind weitere Faktoren für den Rückgang der Individuenzahl. Wegen Störungen in der Brutzeit und Verlusten während des Zugs ist der Bestand der Drosselrohrsänger bedroht. Auch die Population von Blaukehlchen, Bekassine oder Zwergdommel geht deutlich zurück. „Sie erholen sich auch nicht mehr”, bedauert Stalla. Schutzmaßnahmen gibt es kaum, „weil es überall dort, wo der Mensch auf Tierwelt und Landschaft Einfluss hat, einen Rückgang der Vogelwelt gibt.”

Ernähren sich gerne auch von Kleingetier: Stockenten, die ganzjährig die Rheinauen besiedeln. | FOTO: ARCHIVZu den Bewohnern von Auwäldern, Feuchtgebieten und Schilf gehören Rohrsänger, Gelbspötter oder die Familie der Laubsänger, wie der Fitis oder der Zilpzalp, die sich nur von Insekten ernähren. Zu den Pflanzenfressern, die sich gerne auch von Kleingetier ernähren, zählen Bleßhühner und Stockenten, die ganzjährig die Rheinauen besiedeln. In der Brutzeit ist auch das Teichhuhn zu sehen. Dazu kommen die Kolbenente, die Reiherente, der Graureiher mit Mäusen auf dem Speisezettel oder der Kormoran, ein Fischfresser. Inzwischen brüten in der Region auch Grau-, Nil- und Kanadagänse.

Greifvögel gibt es nach Angaben von Stalla nur wenige in den Auwäldern. Der auffälligste ist der Mäusebussard mit einer Flügelspannweite von 1,20 Meter. Er bevorzugt Kleinsäuger wie Feldmäuse als Nahrung, ist aber kein Vogelräuber. Ein erfolgreicher Jäger ist der kleinere Turm- oder Rüttelfalke. Er hat seinen Namen von den heftigen Bewegungen, wenn er in der Luft steht und auf ein Opfer lauert. Vereinzelt gibt es noch den Schwarzmilan oder den Habicht, ein Großwaldbewohner mit Brutstätten am Neuhofener Altrhein.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 8. August 2003 | Von Thomas Leimert)

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