Der Patient erholt sich

Trotz heißer Tage und wenig Regens bleibt die Wasserqualität im Neuhofener Altrhein stabil. Seit das Gewässer zum Baden freigegeben ist, wird noch ein bisschen genauer hingeschaut, wie sich die Cyanobakterien verhalten. Als Patient, der gerne mal umkippt, steht der See seit geraumer Zeit unter Beobachtung.

Das ging mal flott. Anfang Mai ist der Motor angeworfen worden, um totes Wasser aus dem Neuhofener Altrhein abzupumpen. Ende Mai war die Wasserqualität schon so gut, dass das Gewässer zum Baden freigegeben werden konnte (wir berichteten). „Was wir draußen vor Ort machen, ist von Erfolg gekrönt“, sagt Ortsbürgermeister Jürgen Jacob, der sich immer über den neuesten Stand am Altrheinarm informieren lässt.

Die Tiefenwasserentnahme läuft. Über eine 1,9 Kilometer lange Rohrleitung wird nun sauerstofffreies Wasser aus dem Altrheinarm zur Rehbachmündung und dann in den Rhein gepumpt. Und es gibt weniger Karpfen. Die Altriper Sportangler haben die hungrigen Allesfresser gefangen und im Rhein wieder ausgesetzt, damit sich die Unterwasserpflanzenwelt erholen kann. Eine intakte Flora ist für den Sauerstoffeintrag im See wichtig.

Die Behandlungen wirken, der Patient erholt sich. Trotz recht extremer Witterungsbedingungen derzeit hat das Landesamt für Umwelt gerade einen Bericht vorgelegt, der noch besser aussieht, als der vor vier Wochen. „Die sauerstoffführende Schicht hat sich gegenüber der letzten Messung schon wieder um einen Meter verbreitert“, sagt Jacob. Und die Sichttiefe liegt bei rund zwei Metern. „An den Badestränden sogar bei 2,50 bis 2,60 Meter. Ich bin wirklich erstaunt, wie schnell sich die Wasserqualität verbessert.“ Die Konzentration an Cyanobakterien, die auch Blaualgen genannt werden, hat laut dem Landesamt-Bericht ebenfalls abgenommen. Auch wenn die Fädenstrukturen der Bakterien noch deutlich vorhanden sind, spricht laut Jacob nichts dagegen, im Neuhofener Altrhein schwimmen zu gehen. „Das natürliche Gleichgewicht stellt sich wieder ein. Außerdem haben viele Badegewässer hier in der Umgebung Cyanobakterien – es kommt halt immer darauf an, wie hoch ihr Anteil im Waser ist.“

Die Tiefenwasserentnahme am Neuhofener Altrhein, die noch ein paar Jahre andauern soll, ist keine billige Therapie. Die Kosten dafür belaufen sich auf insgesamt rund 750.000 Euro. 600.000 Euro kostete es allein, die Infrastruktur für die Tiefenwasserentnahme zu schaffen. Die gute Nachricht für Kommune und Kreis war: Das Land hat 90 Prozent dazugegeben. Denn es ist eine Therapie, die der Patient dringend braucht.

Bis 2012 hatte der Neuhofener Altrhein noch sehr gutes Wasser. Doch plötzlich verschlechterte sich die Qualität rapide. 2015 kam es im eigentlichen Altrheinarm zu einem großen Fischsterben. Im vergangenen Jahr drohte der ausgekieste Teil des Gewässers umzukippen. Es stank verdächtig nach Schwefel. Vier Jahre lang war das Baden in dem See ein absolutes Tabu. Experten des Landesamts für Umwelt hatten bei Untersuchungen Phosphat als Urheber für den Qualitätsverlust ausgemacht. Das kann über Dünger in der Landwirtschaft in den Wasserkreislauf geraten. Es kann aber auch über unsachgemäße Abwasserentsorgung im Altriper Naherholungsgebiet direkt in den Altrheinarm gelangen. Deshalb soll dort, wo noch nicht geschehen, die Wasserver- und entsorgung geregelt werden. Auch, um das Gewässer auf Dauer zu retten.

Sommeridyll mit aufgepeppter Wasserqualität: Der Wassertausch macht sich schon bemerkbar. | FOTO: LENZ

ZUR SACHE: Cyanobakterien
Cyanobakterien sind spannende Lebewesen: Sie können nämlich – wie die Pflanzen – Photosynthese betreiben. Andererseits haben sie keinen echten Zellkern und werden daher, wie der Name es schon sagt, zu den Bakterien gezählt. Cyanobakterien gehören außerdem zu den ältesten Lebensformen überhaupt. Schon vor über zwei Milliarden Jahren soll es sie auf der Erde gegeben haben. Ihre Photosynthese und die damit verbundene Sauerstoffproduktion war eine wichtige Grundlage dafür, dass Leben entstehen konnte. Heute sind Cyanobakterien als Einzeller, Zellkolonien oder Fäden in vielen Lebensräumen zu finden. Sie können sich gut Extremen anpassen: Es gibt sie in der Arktis oder in heißen Quellen, in Wüsten oder Salzseen. Oder eben in Badeseen im Rhein-Pfalz-Kreis. Dort schwimmen sie im Phytoplankton – den im Wasser schwebenden pflanzlichen Kleinstlebewesen. Häufig spricht man auch von Blaualgen, wobei das nicht ganz stimmt. Zwar weisen einige Arten einen Farbstoff auf, der sie blau-grün schimmern lässt. Das trifft aber a) nicht auf alle Cyanobakterien zu. Und b) sind Bakterien nun mal keine Algen. In den Gewässern jedenfalls führen sie Photosynthese durch und produzieren Sauerstoff. Das ist zunächst eine wichtige Aufgabe im Stoffkreislauf. Problematisch wird es, wenn die Cyanobakterien sich zu stark vermehren, weil zu viele Nährstoffe im Angebot sind und/oder die Wassertemperatur recht hoch ist. Wenn die Unmengen an Cyanobakterien dann absterben, werden sie mikrobiologisch abgebaut, wozu sehr viel Sauerstoff benötigt wird – der dann im Kreislauf wieder fehlt. Außerdem können Cyanobakterien giftig wirken.

(Quelle: Die Rheinpfalz - Ludwigshafener Rundschau - 5. Juli 2017 | Von Britta Willeke)