Noch heute vom Anschlag in München geschockt

Gewichtheben: Altriper Werner Kotter von 1959 bis 2006 als Kampfrichter in Einsatz - Auch bei Olympia 1972 dabei

Dem jahrelangen Kampfrichterobmann des Gewichtheber-Verbandes Pfalz (GVP) kann niemand in der Szene etwas vormachen. „Ich habe alle Stars im Gewichtheben in all den Jahren bewerten dürfen. Deutsche Asse wie Rudolf Mang, Rolf Milser, Manfred Nerlinger oder später Ronny Weller. Am meisten aber haben mich früher die Russen und Bulgaren mit ihrer eindrucksvollen Technik fasziniert”, sagt der Altriper Werner Kotter.

Seine Bilanz als Kampfrichter im deutschen Gewichtheben kann sich wirklich sehen lassen: Von 1959 bis 2006 war der Altriper Werner Kotter über 500 Mal national und international auf den Wettkampfbühnen als „Schiedsrichter” in der Schwerathletik im Einsatz. Bei seinem Athletenclub hat der heute 77-Jährige auch das Gewichtheber-ABC erlernt.

Als ambitionierter Athlet zog es den Pfälzer allerdings 1954 über den Rhein zu den starken Männern vom VfL Neckarau. Höhepunkt als Trainer in seiner 15-jährigen badischen Zeit war 1963 der Gewinn der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft mit solch renommierten Stemmern wie Rolf Feser und Wolfgang Peter. Und das ausgerechnet gegen den Kurpfalzrivalen AC Mutterstadt.

Zur Kampfrichterei war Kotter noch als aktiver Heber vier Jahre früher gekommen. Die Erklärung lässt sich aus seiner Sicht einfach nachvollziehen: „In dieser Zeit wurden bei unseren Wettkämpfen viele deutsche Rekorde aufgestellt. Zur offiziellen Anerkennung waren von Verbandsseite drei Kampfrichter vorgesehen. Also ließ ich mich dafür breit schlagen und habe es nie bereut.” Allein 30 Jahre lange hat Werner Kotter auf internationaler Bühne mit höchster Kampfrichterlizenz bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften sowie etlichen Länderkämpfen die Kampfrichterkelle hoch gehalten. Und sich jeweils mit dem Athleten gefreut, wenn die Last beim Reißen oder Stoßen zur Hochstrecke gebracht wurde. Kotter: „Ich gönne jedem Athleten gültige Versuche. Doch wenn die Last regelkonform beispielsweise durch Nachdrücken hochgestemmt wird, ist es halt mal ein ungültiger Versuch.”

In der Regel haben die von ihm gewerteten Athleten seine Entscheidungen akzeptiert. Und wenn es einmal doch zu Differenzen kam, haben sich höchstens übermotivierte Trainer mit dem Kampfrichter Kotter angelegt. Überstimmen konnte man den Wertungs-Schiedsrichter Kotter ohnehin nicht.

Sein Motto über all die Jahre lautete: Als Kampfrichter seinen Job beim Wettkampf ordentlich machen und später als Kamerad beim Bier zusammen sitzen. Leider kommen diese Gepflogenheiten in der heutigen Zeit aus Sicht von Werner Kotter viel zu kurz. Heute laufen alle nach dem Wettkampf sofort weg. Früher habe ein Wettkampf noch bis morgens um vier Uhr gedauert.

Wenn der Kampfrichter beim Gewichtheben die rote Kelle hochhält, bedeutet das, dass der Versuch ungültig war. Werner Kotter zeigte sie nicht gerne, denn er gönnt jedem Athleten einen gültigen Versuch. | FOTO: KUNZ

Pionierarbeit für Verband geleistet

Sein Nachfolger als Kampfrichtobmann im Gewichtheberverband Pfalz, der Haßlocher Rudi Einholz, weiß um die Qualitäten seines Vorgängers: „Werner Kotter ist ein tadelloser Sportsmann und in der Regelkunde unheimlich kompetent. Er ist sehr gewissenhaft in seinen Entscheidungen und genießt einen großen Respekte bei den Athleten.”

Pionierarbeit hat Kotter geleistet, als er die Richtlinien für Ausbildung und Prüfung der Kampfrichter des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber (BVDG) sowie die für die Ausrichtung von BVDG-Meisterschaften auf der Grundlage der Kampfrichter-Ausbildungs- und Prüfungsordnung des Gewichtheberverbandes Pfalz (eingeführt bereits 1980) erarbeitete. Diese Richtlinien wurden 1993 einstimmig genehmigt und bundesweit übernommen.

Trotz seines mittlerweile hohen Alters versucht Einholz den Ausbilder von 57 Kampfrichtern bei Personalknappheit noch in Wettkämpfen einzusetzen. Wenn es irgendwie möglich ist, unterstützt das Ehrenmitglied des Gewichtheber-Verbandes Pfalz seinen Nachfolger. „So lange die Birne noch in Ordnung ist, jemand zum Werten gebraucht wird, ich Zeit habe und auch gesundheitlich auf der Höhe bin, helfe ich gerne aus.” Kampfrichter beim Gewichtheben sind ohnehin dünn gesät.

Noch immer tief berührt ist der fast 60 Jahre dem Gewichtheben in den verschiedensten Funktionen verbundenen Sportmann vom Anschlag palästinensischer Terroristen während der Olympischen Spiele 1972 in München. Im Vorfeld der Spiele hatte er im damaligen Bundesleistungszentrum Mannheim die israelische Nationalmannschaft kennen und auch schätzen gelernt. Unfassbar war für den in München als Versuchsermittler eingesetzten Kotter der tödliche Anschlag auf Trainer und Athleten. Noch tags zuvor saß der Altriper mit der israelischen Delegation zusammen. „Das war der bitterste Moment in meiner Sportkarriere. Noch heute kann ich diese Ereignisse nicht begreifen”, berichtet Kotter.

Heute beginnen die Olympischen Spiele in Peking. Schon jetzt freut sich der Senior mit seiner Frau Hannelore, gemeinsam die Spiele anzuschauen. Als mit Kampfrichter mit Leib und Seele wird der Träger der Goldenen Ehrennadel des Sportbundes Pfalz gerade bei den Gewichthebern mit Argusaugen einen Blick auf die Versuche richten.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 8. August 2008 | Von Stefan Naumer)