Schach ja, matt aber auf keinen Fall

Michael Marx wird heute 100 Jahre alt – Der Altriper ist immer noch ein großer Stratege

Neun Päpste, 18 US-Präsidenten und 25 Reichs- und Bundeskanzler hat Michael Marx in seinem Leben kommen und gehen sehen. Als er heute vor 100 Jahren geboren wurde, tobte in Europa noch der Erste Weltkrieg, bereiteten in Russland die Bolschewisten gerade ihre Machtübernahme vor und starb der französische Impressionist Edgar Degas. Mit einem Festempfang ehrt die Gemeinde Altrip heute ihren ehemaligen Bürgermeister zum besonders runden Geburtstag.

Tritt im Schach auch gegen 80 Jahre jüngere Gegner an: Alt-Bürgermeister Michael Marx. FOTO: LENZ

Etwas mulmig ist es dem Jubilar schon angesichts der zu erwartenden Besucherschar, die sich zu seinem Ehrentag angekündigt hat. Dennoch freut sich Michael Marx über die Aufmerksamkeit, die ihm auch 38 Jahre nach dem Ausscheiden aus seinem Amt zuteil wird. Neben der Gemeinde und „seinen“ Sozialdemokraten gratulieren ihm auch der Pfälzische Schachbund und sein Heimatverein, der Schachklub Altrip. Nach wie vor nimmt der passionierte Spieler regelmäßig an Mannschaftskämpfen seines Vereins in der Bezirksklasse teil.

„Die Spiele in der Ersten wären zu anstrengend, aber in der zweiten Mannschaft gewinne ich immer noch viele Partien“, berichtet Marx, der dabei nicht selten gegen mehr als 80 Jahre jüngere Gegner antritt. Nach Recherchen des Pfälzischen Schachbundes ist Marx mutmaßlich der älteste aktive Schachspieler Deutschlands. „Zwar gibt es noch eine Handvoll ähnlich betagter Spieler in den Datenbanken“, sagt Landesspielleiter Dieter Hess, „doch alle anderen haben seit mehreren Jahren keine Turniere mehr gespielt.“

Marx’ eigener Cousin hatte den Schachklub Altrip 1926 mitbegründet – nach dem Krieg dann machte sich der Jubilar daran, den Verein wieder „aufzumöbeln“, wie er es formuliert. Zahlreiche Urkunden an den Wänden künden von gewonnenen Klubmeisterschaften in den 50er und 60er Jahren. Bis ins hohe Alter nahm Marx zudem am Pfälzischen Schachkongress teil – der jährlichen Einzelmeisterschaft im Turnierschach. Als er dabei vor wenigen Jahren auf den fast gleichalten Georg Tochtermann aus Speyer traf, saßen sich über 180 Jahre am Brett gegenüber. Dass er die Partie gegen den mittlerweile verstorbenen Gegner (Jahrgang 1920) verlor, nimmt Marx gelassen. „Ich sagte ihm damals, dass ich nichts dagegen habe, wenn Jüngere gegen mich gewinnen.“

Dass Marx nach dem Krieg überhaupt ein zweites Leben beginnen konnte, erscheint alles andere als selbstverständlich. Als Wehrmachtssoldat bereits 1940 im Frankreichfeldzug erstmals verwundet, überlebte der Altriper das Kriegsende nur dank glücklicher Umstände. Nach seiner Rückkehr aus drei Jahren französischer Kriegsgefangenschaft in Bordeaux setzte Marx seine bereits 1938 begonnene Verwaltungslaufbahn bei der Gemeinde Altrip fort. 1960 zum Ratsmitglied und Beigeordneten gewählt, folgte dann 1967 der Sprung ins Bürgermeisteramt, das er zwölf Jahre bekleiden sollte. Zu den Wegmarken seiner Amtszeit zählen unter anderem der Bau der Festhalle im Waldpark und der Aussegnungshalle auf dem Friedhof sowie die Einweihung der Albert-Schweitzer-Schule im Jahr 1972.

Besonders stolz aber ist Marx immer noch darauf, die damals diskutierte Eingemeindung Altrips nach Ludwigshafen verhindert zu haben. „Auch mit meinen Kollegen von der CDU, vor allem Landrat Paul Schädler, habe ich überparteilich dagegen gekämpft – am Ende mit Erfolg.“

Marx besitzt seit über 50 Jahren das rote Parteibuch – Politiker wie Willy Brandt, Helmut Schmidt oder Fritz Erler haben ihn damals zum Eintritt motiviert. Seiner Partei hält der Altbürgermeister bis heute die Treue, wenn er auch hin und wieder mit ihrem Kurs hadert. Dennoch schwelgt Michael Marx nicht allein in der Vergangenheit – im Gegenteil. „Die Zeitung lese ich jeden Tag von vorne bis hinten“, erzählt der Altbürgermeister, der sich wie gewohnt für das aktuelle Weltgeschehen interessiert.

Gesundheitlich geht es dem Jubilar gemessen an seinem stolzen Alter sehr gut. Urlaubsreisen wie früher nach Ischia oder in den Schwarzwald sind zwar nicht mehr drin – auch das Namensgedächtnis habe etwas nachgelassen –, dennoch wohnt der seit heute Hundertjährige nach wie vor allein in seinem Haus. Eine Pflegerin schaut zwei- bis dreimal täglich nach dem Jubilar und hilft diesem im Haushalt. „Da sie Russin ist, möchte ich nächstes Jahr mit ihr die Fußball-WM in Russland schauen“, berichtet Marx. Der rüstige FCK- und BVB-Fan hat also noch einiges vor. Aber auch über seine Lebenszeit hinaus hat Marx einen klaren Wunsch: „Als echte Spielernatur würde ich am liebsten ein Schachbrett mit ins Jenseits nehmen.“

(Quelle: Die Rheinpfalz - Ludwigshafener Rundschau -  29. September 2017 | Von Marcel Böhles)