Straßenwärter patrouilliert in Uniform

Der Zustand vieler Straßen lässt bekanntlich mancherorts zu wünschen übrig. Schlaglöcher bleiben daher lange Zeit offen. Obwohl Altrip nicht unmittelbar an der großen, sechs Meter breiten Römerstraße in Nord-Süd-Richtung lag, gab es hier einst eine der wenigen Benefiziarer (Polizei-)Stationen im heutigen Rheinland-Pfalz – dies sicher auch wegen des damals so wichtigen Rheinübergangs.

Nachdem die Deckschicht der Römerstraßen vielfach aus Kies, Sand und Abraum bestand, war der Straßenunterhalt sehr aufwändig und es bedurfte daher auch regelrechter Wegewärter. Seit die Pfalz 1816 bayerisch wurde, gingen diese Straßenunterhaltungsaufgaben in staatliche Verwaltung über. Straßenwärter wurden nun ständig für bestimmte Straßenabschnitte eingeteilt und ab 1904 gar im Beamtenverhältnis und in dunkelblauen Arbeitsuniformen beschäftigt. Auch als die Pfalz nach dem letzten Krieg nicht mehr zu Bayern kam, gab es die „alten” Straßenwärter weiter.

So versah in Altrip der Kreisstraßenwärter Rudolf Kraus (1901 bis 1964), der im Fährhaus wohnte, 17 Jahre lang seinen Dienst auf der Fährstraße, der „Chaussee” in Richtung Rheingönheim bis zum alten Schöpfwerk sowie auf der 1952 nach Waldsee ausgebauten Gemeindeverbindungsstraße bis zur „Grenze”. Zu den Aufgaben des Straßenwärters gehörte das Instandsetzen und Warten der Straßendecken sowie das Herstellen und Warten von Böschungen, Gräben und Straßenentwässerungsanlagen.

Die Pflege von Straßenbäumen und Hecken gehörte ebenso zu seinen Aufgaben wie das Aufstellen und Pflegen von Verkehrszeichen. Wichtig war auch sein Einsatz im Winterdienst, wo er neuralgische Stellen „abzustumpfen” hatte. Der Altriper Straßenwärter besaß zwei Sommer- und eine Winteruniform und zwei Paar „amtliche” Stiefel. Im Fährhaus hingen stets ein Dutzend Reisigbesen, die er selbst angefertigt hatte, um damit zu fegen und zu teeren. Ausgerüstet war er mit Schubkarre, Schaufel, Pickel und einer „Kot”-Krücke zum Straßenschlamm abziehen.

Rudolf Kraus kam erstmals als Jugendlicher von Stelzengrün in dem heutigen Tschechien nach Altrip. Nach der Gründung der Tschechoslowakei als Folge der Ereignisse des I. Weltkriegs gab es eine Art Aufpäppelung im „geschrumpften Deutschland”. In der Familie seiner Altriper Gasteltern spielte er mit Tochter Johanna Hochlehnert, die später Hebamme im Ort wurde. Jahrelang wurde ein Briefwechsel gepflegt.

Die Hebamme war es denn auch, die ihm an Silvester 1945 in das französische Gefangenenlager La-Fleche (Camote-Thorée) schrieb, er solle sich am besten nach Altrip entlassen lassen und seine Frau werde sie auch nach hierher bitten. Über Tuttlingen wurde Rudolf Kraus 1946 tatsächlich nach Altrip in die „linke” französische Zone entlassen. Eigentlich hätte die Familie als Vertriebene in Bayern auf das dortige Kontingent angerechnet werden müssen, doch 1946 gab es hier noch keine Zuzugsprobleme, da sich die Franzosen ziemlich lange gegen Flüchtlinge in ihrer Zone sperrten.

So kam es, dass die Familie Kraus in Altrip bleiben durfte und vom Arbeitsamt eine „Arbeitskarte Hessen-Pfalz” erhielt. Seine Befähigung zum Straßenwärter wies er in einer eidesstattlichen Erklärung nach, in der er angab, von 1940 bis 1943 beim Straßenbauamt Karlsbad entsprechend gearbeitet zu haben. Kraus liebte klassische Musik und schrieb Gedichte; Eigenschaften, die in Altrip bei ihm kaum jemand vermutete. Dass ausgerechnet wieder an einem Silvester, nämlich 1968, „seine” Tätigkeit als staatlicher Lehrberuf mit dreijähriger Ausbildung anerkannt wurde, erlebte er nicht mehr.

Der Altriper Straßenwärter starb bereits 1964 im Alter von 63 Jahren. Landrat Hermann Scherer kondolierte damals im Namen von Kreistag und Kreisverwaltung. Seine Ehefrau lebte noch lange Jahre im Fährhaus und war oftmals spät abends die einzige Telefonauskunftsstelle, wenn Fährbenutzer wissen wollten, ob die Fähre, etwa nach Reparatur oder Eisgang, noch „ging”.

(Wolfgang Schneider | 2003)