Edgar Alt lüftet die Geheimnisse längst vergessener Grenzsteine

Ehrenamtlicher Mitarbeiter für Grenzsteine beim Landesamt für Denkmalpflege erforscht die lokale Geschichte - Funde sogar aus dem 17. Jahrhundert

Der als „Altriper Grenzsteinwuhler” bekannte Edgar Alt, der auch vor Jahren den verschollenen Altriper Myriameterstein ortete, hat wiederum Rätsel der Vergangenheit gelöst. Bei Grenzsteinen im Bereich des „Hinteren Seckenheimer Rieds” hat er das so genannte Siebenergeheimnis gelüftet.

Während sich die Menschen in der geschichtlichen Frühzeit noch an natürlichen Grenzen, wie Wasserläufen oder markanten Bäumen ausrichteten, wuchs mit den ersten befestigten Behausungen und Landbestellungen das Bedürfnis nach einer Abgrenzung des eigenes Besitzes.

Der römische Kaiser Diokletian ließ gar ein Grundstückskataster für das gesamte römische Reich erstellen. Im Mittelalter bildete dieses Kataster die Grundlage für die Eintreibung der Steuern. In diese Zeit reichen auch Informationen über die Verwendung von Steinen als Grenzzeichen zurück. Diese Grenzsteine wurden oft auch Bannsteine genannt, da sie das Böse von der Gemarkung bannen sollten. Zu allen Zeiten waren diese Steine aber gefährdet, obwohl das Entfernen oder Versetzen schwer bestraft wurde. Es ranken sich schauerliche Geschichten um solche Missetäter, die angeblich nach dem Tod keine Ruhe finden konnten und zur nächtlichen Geisterstunde mit dem Kopf unter dem Arm über die Äcker irrten und den Grenzstein suchen mussten.

Damit aber der ursprüngliche Standort wieder gefunden werden konnte, wurden honorige Personen in eines der ältesten Ehrenämter einer Gemeinde bestellt und zwar auf Lebenszeit. Diese Personen hatten in den verschiedenen Ländern ganz unterschiedliche Namen: Aechter, Dreier, Eidbrüder, Feldgeschworene, Feldrichter, Feldschieder, Feldsteußler, Geschworene, Gescheidmänner, Gescheidsrichter, Marckmeister, Märker, Sämmler, Siebener, Steiner, Steinsetzer, Schiedsmannen, Umgänger, Untergänger, Vierer, Vierrichter oder Zweier.

Bei uns heißen diese Personen bis auf den heutigen Tag „Feldgeschworene” und sie sorgten durch das Einbringen von unterirdischen „Zeugen” aus ortsfremdem Material, für ein jederzeitiges Auffinden des ursprünglichen Standorts. Das Geheimnis ihrer „Zeugen” behielten sie ausschließlich für sich und gaben es nur mündlich, etwa an den Sohn weiter, wenn dieser in die Fußstapfen des Vaters trat.

Einst gehörte das Seckenheimer Ried zum großen Bauerndorf Seckenheim. Entstanden war das Gebiet als Insel nach dem Rheindurchbruch bei Altrip gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Während zuvor die Grenze zwischen Altrip und Seckenheim im Rhein verlief, gab es im ausgetrockneten Rheinbett Abgrenzungsschwierigkeiten. 1685 setzten daher die Seckenheimer 13 Steine um ihren linksrheinischen Besitz.

Doch schon zwanzig Jahre später gab es wieder Grenzstreit unter den Nachbargemeinden. Erst 1779 wurde erneut eine Grenzsteinsetzung vorgenommen und gar 52 Grenzsteine mit den Jahreszahlen 1776 bis 1779 gesetzt. Auch diese Steine halfen Seckenheim nicht lange, um seinen Besitz zu deklarieren, denn schon 1798 schlug Frankreich das linksrheinische Gebiet der Gemeinde Altrip zu.

Edgar Alt hat sowohl bisher verschollene Grenzsteine von 1685 als auch etliche aus dem 18. Jahrhundert gefunden und freigelegt. Nun hat er in einer Tiefe von 70 Zentimetern unter dem Grenzstein Nr. 11 vier Gesteinsbrocken ausgebuddelt, zuhause gesäubert und nach einigen Versuchen die Teile wie ein Puzzle zusammengefügt. Dieses Siebenergeheimnis ist also nach 230 Jahren gelüftet.

Doch noch interessanter war ein Fund eines Grenzsteins mit der Jahreszahl 1774 und der Zahl „48”, der nach einer alten Karte wohl den Besitz der „Seckenheimer Riedgemeinde der 48 Stämme”, einer Art Genossenschaft anzeigte. Hier fand Edgar Alt, der auch ehrenamtlicher Mitarbeiter für Grenzsteine beim Landesamt für Denkmalpflege ist, einen kleinen Stein, der wie ein Schlüssel ins Schloss, nämlich in ein Loch im Stein passte. Also ein raffinierter Erkennungszeuge für den Feldgeschworenen. 1774 erschien übrigens auf Wunsch von Kurfürst Carl Theodor die „Charta Palatina”, die Große Kurpfalzkarte. Erstmals wurde bei dieser so genannten Landesaufnahme die Kurpfalz mit Hilfe der Trigonometrie vorgenommen.

Und wenn sich heute auch mit den modernen Messmethoden sich Vermessungspunkte eindeutig identifizieren lassen, so gibt es die Feldgeschworenen noch immer. Und noch immer werden auch Grundstücke „versteinert”. (wfl)

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(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 8. Juli 2009)