Gebratene Täubchen für Nachbarn und Freunde

Für junge Verliebte ist die Turteltaube ein Inbegriff für eine glückliche Liebesbeziehung und für beständige Menschen symbolisieren Tauben die Treue, da sie, wie der Mensch, ihr Leben nur mit einem Partner teilen. Ob als Friedenstaube oder als Sendboten göttlicher Botschaften: Die Taube ist aus unserem Kulturkreis nicht wegzudenken und ihre Zahl ist Legende.

Gemeint sind hier nicht die Hundertschaften, insbesondere in den Städten, sondern ihre Rassen. Über 800 Taubenarten sind bekannt. Einige Rassen davon eignen sich besonders gut als Brief- oder Sporttauben und zu Wettflugeinsätzen. Dank ihres Orientierungssinns sind überhaupt Wettflüge möglich und diese wiederum haben zur Erfindung der „Brieftauben-Flugwettbewerbs-Konstatierapparate”, kurz Brieftaubenuhren, geführt. Schon im Jahr 1934 legte sich in Altrip Karl Weber, der im Ort als „Fahrrad-Mayer” bekannt war und auch eine der ersten Tankstellen unterhielt, für seine Tauben eine spezielle Brieftaubenuhr der spezialisierten Firma Benzing aus Schwenningen zu.

Die anderen Brieftaubenzüchter im Ort kamen nun lange Zeit zu ihm, um sich bei Wettflügen die Rückkehrzeit „konstatieren” zu lassen. Dazu brachten die einzelnen Züchter die Taubenringe der zurück gekehrten Vögel zu ihm, der sie sodann in die Uhr steckte. Weber wollte unbedingt mit Brieftauben bei Wettbewerben neben Preisen und Urkunden auch Wettgelder kassieren. Und so kaufte er denn auch laufend vermeintlich gute Tauben dazu. Brachte eine Taube aber nur ungenügende Flugleistungen, so wurde sie geschlachtet. Seine Frau, die Hanne, brachte dann gebratene Täubchen zu Nachbarn und Freunden. Eine Delikatesse für Kenner! Doch nach einem besonders teueren Fehleinkauf hat „der Mayer” auch schon mal verlauten lassen: „Die hat genauso geschmeckt, wie sie geflogen ist!”

Eberhard Eisermann, der 1958 zu den Wiederbegründern des alten Reisetaubenvereins „Ohne Furcht” gehörte, wurde seinerzeit von Karl Weber für den Taubensport erst interessiert. Eisermann erinnert sich auch noch, dass Weber neben einer Benzing-Uhr auch eine der belgischen Firma Plaschaert besaß. Heutzutage haben praktisch alle Züchter ihre eigene Uhr, um die Rückkehr ihrer „kleinen Rennpferde der Lüfte” in den eigenen Schlag präzise zu messen.

Aber so genau mittlerweile die Brieftaubenuhren auch geworden sind, so unzureichend ist noch immer unser Wissen über den genauen Orientierungsmechanismus im Taubenhirn. Die berühmte Nachrichtenagentur Reuter verdankt übrigens ihren Aufstieg den Brieftauben, die der Zeitungskorrespondent Paul Julius Reuter um 1850 einsetzte, weil sie schneller als berittene Boten waren und erst vor wenigen Jahren hat das Schweizer Bundesheer seine Brieftaubenstaffeln aufgehoben.

(W. Schneider | 2004)