Bäume geknickt wie Streichhölzer

Der Wetterbericht am Freitagabend des 6. August 1954 ließ ein sommerliches Wochenende erwarten. Doch schon kurze Zeit nach den Nachrichten wurde es über Altrip nahezu windstill. Wenige Minuten später ergossen sich wolkenbruchartige Regenmassen über den Ort, und Taubenei große Hagelkörner verursachten zusammen mit orkanartigen Böen der Windstärke zwölf nicht nur immense Schäden in der Landwirtschaft sowie in Gärten und Höfen, sondern auch an Gebäuden.

Innerhalb von nur zehn Minuten erlebte Altrip die schlimmste Unwetterkatastrophe seit Menschengedenken. Selbst die Hochbetagten des Ortes, die sich noch an die Unwetter der Jahre 1911 und 1937 erinnern konnten, gaben an, dass sie nie zuvor so viel Verwüstung in so kurzer Zeit erlebten.

Nach dem Unwetter am Karl-Marx-Platz. Nach dem Unwetter am Karl-Marx-Platz.

Die Hagelkörner fielen an jenem 6. August so dicht, dass die Gemarkung stellenweise ein winterliches Aussehen annahm und es längere Zeit dauerte, bis das Eis geschmolzen war. Etliche Dorfstraßen waren überschwemmt, die Stromversorgung fiel für längere Zeit aus, und selbst ein Meter dicke Bäume wurden wie Streichhölzer geknickt und Baumriesen mit einem Wurzelstock von drei und vier Metern Durchmesser aus der Erde gerissen. Am Altrhein wurde gar eine weit über hundert Jahre alte Pappel zerfetzt.

Ein Neubau wurde völlig umgerissen, die gerade errichtete Kegelbahn der vor ihrer Eröffnung stehenden Gaststätte „Gliggermühle” wurde aus ihrer Verankerung gerissen. Hausgiebel wurden eingedrückt, Dächer abgedeckt, Speicher- und Kellerräume unter Wasser gesetzt und Fensterscheiben durch Hagelschlag zerstört. In Altrip blieb fast kein Haus unbeschädigt. Fast sämtliche Pappeln wurden entwurzelt oder abgeknickt.

Vielfach ragten die Stümpfe wie abgebrochene Korkenzieher in die Landschaft. Trostlos hingen die zum Trocknen auf der „Unterplatte” aufgehängten Netze des letzten Altriper Berufsfischers in Fetzen an der „Pappelfront”. Zwischen Altrip und Waldsee wurde ein Mast einer Hochspannungsleitung umgeknickt, und vom Blitz gefällte Bäume setzten die Fernsprechleitung außer Betrieb.

Als sich die Menschen wieder auf die Straßen wagten, um ihr Elend zu beklagen, so mussten sie gar hören, dass der 39-jährige Schuldiener der Gemeinde von einer Böe erfasst und gegen eine Mauer geschleudert worden war. Der Vater von drei Kindern starb kurz darauf an den Folgen von mehreren Schädelbrüchen.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit waren nahezu alle Dorfbewohner auf „Besichtigungstour”. Die Altriper Feuerwehr mobilisierte ihre letzten Reserven, und die Männer arbeiteten bis zur Erschöpfung, um wenigstens die Straßen, insbesondere auch zur Fähre, frei zu machen. Selbst 50 Jahre alte Platanen hatte der Sturm gefällt. Reihenweise lagen Pappeln auf dem Rheinhauptdeich.

Gleich drei der großen eisernen Buchtnachen der Rheinfähre waren demoliert, und die Reparaturarbeiten dauerten die ganze Nacht. Rund 80 Prozent der Ernte war zerstört. Die Tabakfelder waren wie zermalmt. Die Obstbäume waren ihrer Früchte samt Blättern und Geäst beraubt. Voll beladene Erntewagen waren einfach umgekippt, und aufgeschichtete Getreidehaufen oft bis zu 100 Meter weit fortgetragen. Eine stattliche Anzahl von Holzhäuschen an der „Blauen Adria” wurde durch die Wucht des Sturms über die Zäune geworfen.

Landrat Dr. Kurt Becker-Marx besah sich anderntags die Schäden in Altrip, Neuhofen und Limburgerhof. Von den 36 rein landwirtschaftlichen Betrieben in Altrip waren zehn akut existenzgefährdet, eine Hagelversicherung hatte kein einziger Betrieb, und aus dem Katastrophenfonds war nahezu nichts zu holen.

Erschwerend kam hinzu, dass die Landwirte noch an den Folgen des Hochwassers von 1953 mit nachfolgender Missernte laborierten. Selbst die Pacht konnten sie vielfach nicht mehr zahlen. Doch die Leidensgeschichte der Betroffenen nahm noch keine Ende. Im Januar 1955 setzte das höchste Rheinhochwasser des 20. Jahrhunderts weite Teile der Gemarkung unter Wasser. Daher war lange Zeit an eine Feldbestellung nicht zu denken.

(W. Schneider | 2004)