Glocke schlägt im Wasserturm

Glockengeläut: Auf den Spuren profaner Glocken - Durch den Wasserbehälter zum Glockenstuhl

In diesem Teil der Serie geht es um so genannte profane Glocken, also Geläute, die keine sakrale Funktion haben. Ein Beispiel dafür sind die Glocken im Altriper Wasserturm, die nur durch einen Tunnel im Wasserbehälter zu erreichen sind.

„Haben sie ihr Schwimmzeug dabei?” fragt die Glockenexpertin des Bistums, Birgit Müller, als wir uns am Wasserturm in Altrip treffen. Denn um zu den beiden Glocken in der Spitze des 1927 erbauten Altriper Wasserturms zu kommen, muss man durch den Wasserbehälter.

Wie hoch der Turm tatsächlich ist, darüber gibt es widersprüchliche Angaben: Die einen sagen 42 Meter, die anderen 36 Meter. Von Anfang an hatte der viereckige Turm auf jeder Seite eine große Uhr. Die beiden Glocken in der Turmspitze zeigten den Altriper Bürgern die Viertelstunden und Stunden an.

Die Metalltreppen, die im Innern in die Höhe führen, sind sehr steil. Als erstes führen sie zu zwei Räumen unterhalb des Wasserbehälters. Einer dient als Lager, in dem anderen steht noch das alte, mechanische Uhrwerk, das bis 1988 den Altripern die Stunden geschlagen hat. Damals wurde es durch ein digitales Uhrwerk ersetzt.

Oben, in etwa 25 Metern Höhe, ist ein Wasserbehälter, der 150 Kubikmeter fasst. Darüber sind die Glocken. Um diese zu erreichen, muss man tatsächlich durch den Wasserbehälter klettern. Dabei bekommt man aber keine nassen Füße, denn eine senkrechte Eisenleiter führt durch einen Tunnel im Wasserbehälter. In diesem Tunnel hat man die seltene Gelegenheit, gleichzeitig Platzangst und Höhenangst zu bekommen. Der Durchmesser der Betonröhre misst etwa 75 Zentimeter. Schaut man nach unten, scheint die dünne Eisenleiter ins Bodenlose zu führen.

Über dem Wasserbehälter gibt es einen Raum mit Fenstern, der Boden ist bedeckt mit schwarzen Körnern. Es sind tausende toter Fliegen, die sich hier im Lauf der Jahrzehnte angesammelt haben. Über diesem Raum ist endlich der Glockenstuhl.

Dass von einem Wasserturm die Stunde schlägt, sei sehr selten, erklärt Expertin Birgit Müller. Sie hat sich in einen Overall gehüllt, wohl wissend, dass in Glockentürmen selten Staub gewischt wird. Außerdem hat sie ein Metermaß dabei, denn es gibt keine genauen Angaben zu der Größe der Glocken.

Die untere, größere Stundenglocke hat einen Durchmesser von 75 Zentimetern und wiegt etwa 145 Kilogramm. Von ihr ertönt ein „dis”. Diese Glocke wurde 1957 hier angebracht. Ihre Vorgängerin ist in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verschwunden.

Die kleinere Glocke darüber hängt seit dem Bau des Turms 1927 hier. Sie hat einen Durchmesser von 63 Zentimetern, wiegt 90 Kilogramm und gibt ein „fis” von sich. Beides sind Eisenglocken. Inschriften, Schmuck oder andere besondere Merkmale, wie bei sakralen Glocken üblich, sind keine zu sehen.

Zur Zeit läuten die Glocken nicht. Bei der Stundenglocke schwingt der Hammer, der die Glocke von außen anschlägt, nach dem Schlag nicht von der Glocke weg. Stattdessen liegt er auf, was einen scheppernden Nachklang verursacht.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 19. Mai 2010 | Von Gereon Hoffmann)