Flut trifft Altrip besonders hart

Als am 15. Januar 1955 die Altriper Gierfähre wegen Hochwasser ihren Betrieb einstellen musste, da ahnte noch niemand in der Rheingemeinde, dass dies der Beginn zum extremsten Hochwasser des 20. Jahrhunderts werden sollte. Doch der Fluss stieg sehr schnell, und binnen eines Tages stand das gesamte Rheinvorland unter Wasser. Die Bewohner der ehemaligen Ziegelei Hook, die in unmittelbarer Nähe zum Altrhein wohnten, mussten mit großen Kähnen und ihrer gesamten Habe evakuiert werden.

Glück im Unglück hatte der Altriper Straßenwärter Rudolf Kraus, ein Flüchtling aus dem Sudetenland, der mit seiner Frau wegen des bedrohlichen Hochwassers sein Häuschen an der Fähre am Sonntag verlassen hatte, um bei Bekannten im Dorf Unterschlupf zu suchen. Den zur Bewachung zurückgelassenen Hund retteten die Fährleute aus seiner misslichen Lage. Anderntags sah Straßenwärter Kraus nur noch die Dachspitze seines Fachwerkhäuschens von einem Fischerkahn aus.

Die beliebte Ausflugsgaststätte „Weißes Häusel” zwischen Rheingönheim und Altrip glich einer Inselbastion. Die ganze Sorge der Wirtin galt ihrem Vieh. Als endlich auch das fette Schwein Jolanthe nach einer kleinen Flusspartie in einem warmen Altriper Stall untergekommen war, war sie einigermaßen zufrieden. In Jolanthes Stall tummelten sich derweil die Fische, und die Vowinkels harrten trotzdem aus, in der stillen Hoffnung, dass die Mauern halten. Die Altriper Landwirte, ohnehin nicht gerade begütert, standen auf den Dämmen und bejammerten ihr Unglück. Es waren nicht nur die Saat- und Düngeverluste sowie die Obstbaumschäden, sondern ihre leere Kassen nach den Hochwasserschäden 1953 und den Unwetterschäden 1954.

In der Altriper Gemarkung spielten sich regelrechte Tiertragödien ab und binnen weniger Tage war die Niederung praktisch ohne jegliches Wild. Vom Sonntag auf Montag, 17. Januar 1955, gab es einen Temperatursturz über weiten Teilen Deutschlands. Orkanartige Schneestürme ließen die Wellen an die Dämme schlagen.

Ganze Kolonnen von Schulklassen waren auf der Straße von Rheingönheim nach Altrip zu sehen. Die Lehrer wollten wohl ihren Schülern den ungebändigten Rhein zeigen. Schon morgens gegen 9 Uhr zeigte der Pegel weit über acht Meter. Stündlich wurden im Lagezentrum, dem Rathaus die neuesten Wasserstandsmeldungen verglichen. Vom Oberlauf her gab es zwar eine leichte Entspannung, doch vom Neckar her wurde die Flutwelle weiter zurück- und der Wasserstand nach oben getrieben. Die Deichscharten an der Rheinstraße sowie ab Zugang zur Kieskippe waren geschlossen.

Alle Männer zwischen 21 und 60 Jahren wurden zur Deichwache eingeteilt. Im Weigerungsfall drohten Geldbußen von 1000 Mark. Wer allerdings viel Geld hatte, der konnte auch einen Stellvertreter benennen. In jener Zeit verlief in der Römerstraße der Rheinhauptdeich noch ein Stück parallel zur Straße (1962 wurde dieser Deichabschnitt verlegt). Dort sickerte bereits Wasser durch den Deich. Doch die Freiwillige Feuerwehr und die Wachen konnten die Bevölkerung beruhigen: Das Wasser war klar und bedeutete somit keine unmittelbare Gefahr. Am südlichen Ortsrand, bedingt durch einen winkligen Deichverlauf, brandete das Hochwasser aber so mächtig an, dass eine Sandsackbarriere errichtet werden musste.

Damals arbeiten noch die meisten Einwohner im Badischen, und nach Ausfall der Fähre wurden verstärkt Linien- und Werksbusse eingesetzt. Speziell für die „Kraftwerkler”, die „Gummiarbeiter” und die „Sunlichter” war dies jeweils ein langer An- und Abfahrtsweg.

Gegen Abend des 17. Januar erreicht der Rhein mit 8,85 Metern seinen Höchststand. Die Altriper atmeten jetzt erst einmal durch, denn von Speyer her war kein „Wachs”, so die allgemeine Redewendung an der Hochwasserfront, mehr zu erwarten. Den ganzen Tag über waren die Menschen an den Dämmen zu sehen, zumal nach dem Orkan herrlicher Sonnenschein herrschte. Doch mulmig war wohl allen zumute.

Denn die Menschen am Strom wussten um die verheerenden Gewalt der Natur. Im Dezember 1882 zeigte der Altriper Pegel 9,02 Meter und der gesamte Ort stand unter Wasser. Fälle von Thyphus und Parathyphus traten auf, da die Jauchegruben die Brunnen verseuchten. Damals gab es relativ schnell eine Deichverbesserung, denn schon 1889 begannen die Arbeiten.

Am 18. Januar 1955 war jedenfalls mal wieder die schlimmste Gefahr für den Ort vorbei, Verletzte hatte es hier nicht gegeben. In den nächsten Tagen fiel das Wasser sehr schnell und die ersten größeren Schäden wurden sichtbar. Die Straße zur Fähre musste geflickt werden, ebenso die Wege von der Wirtschaft „Zum Karpfen” und von der Schleuse zur Fährstraße. Am Leinpfad, an der so genannten „Schachtel”, schlug der Strom eine zwölf Meter breite und zwei Meter tiefe Bresche.

Da in den neu errichteten Häusern Abwasser-Sickergruben installiert wurden, war die Gefahr eines Überlaufs dieser Gruben in die ausgepumpten Kellerräume groß. Nachdem die Gewanne Blechlache, die zwischen Deich und Wilhelmstraße liegt, keine Anbindung zum Ablaufgraben der Schleuse hatte, ließ sich auch bei ständigem Auspumpen der Keller lange Zeit kein sicherer Erfolg erzielen.

Die Beihilfen für die Geschädigten waren mehr als bescheiden. 32 Privatpersonen erhielten Beträge zwischen 29 und 640 Mark aus dem Hochwasserfonds und 23 weitere, hauptsächlich Bewohner der Rheinstraße, zwischen 48 und 360 Mark aus dem Katastrophenfonds des Landes.

Doch dafür tat sich etwas am Deich. Schon 1958 wurde die Hochwasserstraße nach Rheingönheim verstärkt und 1962 erfuhr der Deich in der Ortslage Altrip eine Erhöhung um 50 Zentimeter und auch eine Verstärkung. Rund 80.000 Kubikmeter Material wurde hierfür angekarrt.

Und das sollte sich lohnen: Im Mai 1999, als der für Ludwigshafen und Umgebung so wichtige Pegel bei Maxau zirka 4,10 Meter über Mittelwasser zeigte, hielten in der Altriper Niederung die Dämme. Geschockt waren die Altriper erst, als 2001 die „Internationale Kommission zum Schutz des Rheins” (IKSR) ein Kartenwerk vorstellte, das zeigte, dass bei einem Deichbruch der gesamte Ort total überschwemmt würde.

(W. Schneider | 2005)