Wie Pompeji – nur ohne Vulkan

Unter dem Zentrum von Altrip schlummern Reste eines römischen Kastells, dessen Bau im Jahre 369 Kaiser Valentinian persönlich beaufsichtigt. Das Ereignis wird in der pfälzischen Gemeinde das gesamte Jahr über als 1650. Ortsjubiläum gefeiert.

Das Römer-Kastell bei Altrip in einer Computer-Rekonstruktion von der Landseite aus. Auf dieser Darstellung erkennt man gut, wie sehr der Rhein noch von Inseln in der Flussmitte geprägt ist. | © Roland Seidel / ArchaeoflugDas Römer-Kastell bei Altrip in einer Computer-Rekonstruktion von der Landseite aus. Auf dieser Darstellung erkennt man gut, wie sehr der Rhein noch von Inseln in der Flussmitte geprägt ist. |  © Roland Seidel / ArchaeoflugNero, der die Christen brutal verfolgen lässt und angeblich Rom in Brand setzt, wird, verkörpert von Peter Ustinov, durch das Hollywood-Epos „Quo vadis“ von 1951 unsterblich. Ein anderer Streifen, von Franco Rossellini, setzt 1979 ausgerechnet Caligula ein Denkmal, jenem Kaiser, der einen Gaul zum Konsul macht, doch noch bekannter ist durch sein Sexualleben, dessen Darstellung besagten Film auf den Index bringt.

„Leider wird nur an die Bösen unter den römischen Kaisern erinnert“, klagt Wolfgang Schneider. Der 77-jährige Hobbyhistoriker beschäftigt sich seit 20 Jahren mit einem, der in seinen Augen das Kontrastprogramm verkörpert: Kaiser Valentinian (321 bis 375), bekannt für die Religionsfreiheit, die er im Römischen Reich erweitert, aber vor allem für unsere Region von Bedeutung. Das im Jahre 369 von ihm erbaute Kastell gilt als Keimzelle von Altrip; die pfälzische Gemeinde feiert daher in diesem Jahr ihren 1650. „Geburtstag“.

Ihr Ursprung führt uns tief in die Geschichte. Um seine Grenze zu sichern, unterhält das Römische Reich quer durch den Südwesten Deutschlands einen befestigten Grenzwall, den Limes. Um 260 nach Christus jedoch bricht dieser unter dem Ansturm germanischer Stämme zusammen. Diese dringen tief in linksrheinisches Gebiet ein. Kaiser Konstantin gelingt es in seiner Regierungszeit von 306 bis 337 nur mit großer Mühe, die Eindringlinge noch einmal auf die rechte Seite des Rheins zurückzudrängen.

Befestigung der Rheingrenze

Die natürliche Barriere des damals ja noch völlig ungebändigten Flusses bietet sich als natürliche Grenze an, doch dazu muss sie befestigt werden. Diesem Projekt widmet sich Valentinian, nachdem er 364 im Alter von 43 Jahren von seiner Armee zum Kaiser proklamiert wird.

„Kaiser Valentinian nahm sich Großes vor“, überliefert uns sein Zeitgenosse, der römische Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus: „Denn er sicherte den gesamten Rheinlauf durch mächtige Verteidigungsanlagen.“

Als einer der Orte dafür bietet sich das heutige Altrip an, in antiker Zeit auf einem Hochufer gelegen. Senator Quintus Aurelius Symmachus, persönlicher Freund des Kaisers, beschreibt diese Stelle „gegenüber dem Germanenland, der ihr hohes Ufer den Namen gegeben hat.“ Und hohes Ufer heißt auf lateinisch alta ripa. Später verschwindet in diesem Namen ein „a“; 1908 wird offiziell „Altrip“ als Ortsname festgelegt.

Am gegenüberliegenden Ufer mündet damals der Neckar in den Rhein – der dortige Ort heißt denn auch bis heute Neckarau, obwohl ein Neckar mittlerweile weit und breit nicht mehr zu sehen ist.

Den Winter 368/369 verbringt Valentinian in Trier, um die Anlage in Altrip zu planen. „Voller Neid mögen die anderen Städte auf diese neuen Mauern blicken, für die Du mit eigener Hand den Plan entworfen hast“, formuliert Senator Symmachus in einer späteren Lobrede: „Ich selbst war dabei, verehrungswürdiger Herrscher, als Du die Umrisse der Befestigung aufzeichnetest, als sich Deine glückhafte Hand mit den Bauentwürfen beschäftigte.“

Im Frühsommer 369 bricht Valentinian in Trier auf, um die Bauarbeiten in Altrip persönlich in Augenschein zu nehmen. Überliefert ist, dass er sich am 19. Juni 369 hier aufhält. Denn ein von ihm unterzeichnetes Gesetz trägt die Angaben „dat. XIII kal. Iul. Altaripa Valentiniano n. p. et Victore cconss“ – gegeben zu Alta Ripa am 13. Tag vor den Kalenden des Juli im Jahre des Konsulats von Valentinian und Victor (und das ist eben jener 19. Juni 369). „Für kurze Zeit wurde ein Weltreich von Altrip aus regiert“, schließt Heimathistoriker Schneider nicht ohne Stolz.

Durch Archäologie belegt

Die Befestigungsanlage besteht aus einem Kastell unter dem heutigen Ortskern von Altrip, einem Burgus mit Schiffslände am gegenüberliegenden Rheinufer bei Neckarau sowie einer viereckigen Befestigung südlich der Mündung. Kastell und rechtsrheinischer Burgus sind durch archäologische Funde gut belegt und in Zeichnungen und Modellen rekonstruiert; der dritte Bau in der Flussmitte bleibt am ehesten unklar.

Das Kastell hat die Form eines Trapezes, laut Schneiders neuen Erkenntnissen mit den Maßen 118 Meter im Osten, 55 im Westen, 57 im Süden und 62 im Norden. Die lange Seite liegt Richtung Rhein, drei Flanken sind durch einen zehn Meter breiten Wassergraben geschützt. Es gibt vier Türme und je ein Tor im Osten zum Rhein und im Westen zur Landseite. Die Mauern sind acht Meter hoch und 3,20 Meter dick.

Hinter ihnen befindet sich auf zwei Etagen die Kaserne mit etwa 40 Räumen von 4,5 mal neun Metern. Richtung Hof führen sie zu Gängen, die von Pfeilern getragen werden und dadurch Wandelgänge bilden. So entsteht ein großer Innenhof, der gepflastert ist. An dessen Südseite befindet sich zur Versorgung mit Trinkwasser ein 4,30 Meter tiefer Brunnen, gemauert aus quaderförmigen Steinen ohne Mörtel.

Interessant die Frage, wie viele Menschen damals hier leben. Man geht davon aus, dass jede der etwa 40 Stuben von knapp 40 Quadratmetern Größe von einem „Contubernium“ (das sind acht Mann) belegt ist; das ergebt eine Besatzung von etwa 400 Mann. Befehligt werden sie vom Militärpräfekten mit Sitz in Mainz.

Richtung Osten folgen zwei weitere Bauwerke: ein Insel-Burgus inmitten des Rheins und der Lände-Burgus auf der rechten Rheinseite. Alle drei sind baulich mehr oder minder massiv miteinander verbunden. „Denn wie eine Straße verbindet eine Schiffsbrücke mit fester Fahrbahn die beiden Uferränder“, überliefert uns Senator Symmachus: „Der Rhein, der wegen seiner hohen Wogen bisher immer nur mit Gefahr befahren werden konnte, trägt jetzt einen sicheren Übergang.“

„Fest zusammengefügte Balken aus Eichenholz, die in den Strom gerammt und mehrfach mit gewaltigen Bolzen hin und her verklammert waren“, bilden laut dieser Überlieferung die Konstruktion. Ihr Bau ist aber gar nicht so einfach. So werden die Balken „nach mehrtägiger Arbeit von den hochgehenden Wellen wieder umgeworfen und von der Gewalt der Strömung losgerissen“, überliefert uns Historiker Ammianus: „Oft standen bei dieser Arbeit die Mannschaften bis zum Kinn im Wasser.“

Vier Jahrzehnte Bestand

„Das Ganze gibt ein Bild jenes auf raffinierteste Weise ausgedachten Befestigungsbaus, dem gegenüber die römischen Kastelle der Limeszeit wie etwa die Saalburg schwächliche Bauten sind“, schließt der Frankfurter Archäologe Gerhard Bersu, der in den 1920er Jahren in Altrip gräbt.

Zunächst erzielt die Anlage denn auch die gewünschte Wirkung. Noch vier Jahrzehnte hält die Grenzlinie dem Vordringen der Germanen stand, bis sie unter der Wucht jener Angriffe zusammenbricht, die wir im Schulunterricht als Völkerwanderung kennenlernen.

Als die Westgoten ab 401 nach Christus in Italien einfallen, werden die römischen Truppen zu dessen Rettung in die Heimat zurückbeordert. Die Rheingrenze ist fortan ungeschützt, Germanen rücken ein. Im Jahre 406 oder 407 nach Christus wird das Kastell schwer beschädigt – ob von den Römern selbst bei ihrem Rückzug oder von den Franken bei der Eroberung, das bleibt unklar.

Boden gibt die Zeugnisse preis

Bis zum 15. Jahrhundert wird das Bauwerk als Steinbruch für Baumaterial im Dorf genutzt – was oft unerlässlich wird, ist seine Geschichte doch von ständigen Hochwassern geprägt. Danach legt sich im Laufe der Zeit über die Reste der Ruine eine bis zu zwei Meter starke Erdschicht – so wie in Pompeji, nur ohne Vulkan.

In den 1840er Jahren tauchen auf einem Grundstück in der heutigen Reginostraße, das als „Steingarten der Witwe Hook“ bekannt wird, Inschriftenteile und Münzen auf. Im Zuge der Rückbesinnung auf die Antike unternommene Grabungen des Historischen Vereins der Pfalz fördern in den 1880er Jahren Pfeilerbasen und Mauerzüge zu Tage. Die Grabungen von Bersu in den 1920er Jahren ermöglichen die Rekonstruktion des Grundrisses.

Was den rechtsrheinischen Burgus betrifft, so werden Überreste in den 1930er Jahren durch Grabungen von Hermann Gropengießer in der Rhenaniastraße zu Tage gefördert. Teile des Insel-Burgus werden als Hindernis für die expandierende Rheinschifffahrt 1891 gesprengt. Das Kastell selbst jedoch schlummert weiter, zumindest in seinen Resten, in Altrip unter der evangelischen Kirche und ihrer Umgebung.

(Quelle: © MANNHEIMER MORGEN, 16.03.2019 | Autor: Konstantin Groß)

Altrip und sein römisches Erbe

Lage: Altrip liegt auf der linken Rheinseite südlich von Ludwigshafen gegenüber den Mannheimer Stadtteilen Neckarau und Rheinau.

Verwaltung: 2014 verlor Altrip seine Selbstständigkeit, weil es weniger als 10 000 Einwohner besaß. Gemäß Gesetz wurde der Ort daher Teil der Verbandsgemeinde Rheinauen.

Seine historische Identität bezieht der Ort aus seiner römischen Vergangenheit, von der viele Funde zeugen.

Eine Informationsstätte befindet sich direkt neben der evangelischen Kirche, wo einst das Kastell stand. Sie umfasst zwei Portikusspolien, einen Pilaster und das Fragment einer Jupitergigantensäule aus dem Kastell sowie Informationstafeln.

Eine Stele für Kaiser Valentinian wird am heutigen Samstag, 16. März, 15 Uhr, durch Ministerpräsidentin Malu Dreyer öffentlich enthüllt (Ort: Ludwigstraße 42, Bürgerhaus).

Ansprechpartner für Ortsgeschichte ist der Heimat- und Geschichtsverein. Sein stets aktueller und inhaltsreicher Internetauftritt findet sich unter www.hgv-altrip.de.

Literatur: Standardwerk ist ein Beitrag von Alfried Wieczorek in den „Mannheimer Geschichtsblättern“ von 1995. Dabei handelt es sich um eine detaillierte Darstellung und Be-wertung bisheriger Ausgrabungen.

Jüngste Veröffentlichung: Pünktlich zum Jubiläum brachte Hobbyhistoriker Wolfgang Schneider ein Werk mit dem Titel „Der römische Kaiser Valentinianus und sein Bollwerk Alta Ripa“ heraus. Es ist bereits vergriffen, eine Neuauflage aber geplant. Vorbestellungen dafür per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. -tin

(Quelle: © MANNHEIMER MORGEN, 16.03.2019)
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