Mittellose setzen umsonst über

Tarife, Rechte, Besitzer und Art der Boote wechseln in der über 700-jährigen Geschichte der Altriper Fähre mehrfach

Der Rheinübergang bei Altrip hat eine ereignisreiche Vergangenheit. Bereits vor über 700 Jahren übertrug Ludwig der Strenge ihn dem Kloster Himmerod. Eine Zeit lang hatte die Überquerung sogar überregionale Bedeutung, bis es im vergangenen Jahrhundert Probleme mit der Finanzierung der Fähre gab. Heute ist die Lage stabil, trotzdem soll nachgebessert werden. 

Der Übergang des Rheins hat in Altrip eine ereignisreiche Vergangenheit: Seit über 700 Jahren gelangen Menschen dort von der einen Rheinseite zur anderen. Jetzt wird eine Fähroptimierung angestrebt. Das Foto zeigt einen langen Holzsteg zur Gierfähre 1953. FOTO: privatDer Übergang des Rheins hat in Altrip eine ereignisreiche Vergangenheit: Seit über 700 Jahren gelangen Menschen dort von der einen Rheinseite zur anderen. Jetzt wird eine Fähroptimierung angestrebt. Das Foto zeigt einen langen Holzsteg zur Gierfähre 1953. FOTO: privat

Mit „Ludwig, durch Gottes Gnaden Pfalzgraf bei Rhein, Herzog von Bayern”, beginnt die Urkunde, mit der Ludwig der Strenge (1229 bis 1294) dem Kloster Himmerod 1262 den Rheinübergang bei Altrip „für alle Zeiten” übertragen will. Der Pfalzgraf kannte die Intrigen, Fälschungen und Händel seiner Zeit nur zu gut, zumal er sich selbst lange wegen seiner Ländereien in Neckarau über Königs- und Kaiserurteile hinwegsetzte. Und so ließ er die Urkunde mit dem Altriper Fährrecht zum Zeichen seiner Echtheit gleich von vier Edlen mit deren Siegel bestätigen.

Wie lange „ewige Zeiten” dauern, beweist knapp 100 Jahre später eine Urkunde von Kurfürst Ruprecht I., der die Altriper Fähre 1366 zusammen mit dem Schultheißenamt für die Dauer von zwölf Jahren für 40 Gulden jährlich an zwei honorige Männer vergab. Wer von der Doppelspitze die Fähre ruderte und wer sich für die Gemeindegeschicke ins Ruder legte, ist leider nicht überliefert.

Bevor in Mannheim die Rheinbrücke gebaut wurde, hatte die Altriper Fähre eine überregionale Bedeutung und war von beachtlicher Größe. Aus dem Dorfbuch von Neckarau von 1426 ist zu entnehmen, dass die Überfahrt mit Wagen und sechs Pferden „ein Schilling Heller ein” betrug. Dies ist auch der erste nachgewiesene Fährtarif. Und im Altriper Weistum - dem Dorfrecht von 1602 - ist gar eine Art Sozialklausel zu finden: Mittellose waren dem Fergen, so die alte Bezeichnung für den Fährmann, fürs Übersetzen nichts schuldig.

Im 19. Jahrhundert hatten die Altriper 20 Hochwasserereignisse und im Rahmen einer „kleinen Eiszeit” auch ebenso oft einen zugefrorenen Strom mit entsprechend langen Fährunterbrechungen erlebt. Die Fähre hatte mittlerweile nur noch lokale Bedeutung und beförderte als Nachenfahrt ausschließlich Personen und kleines Gepäck. Mit dem Aufkommen der Treidelschifffahrt wurden auf dem Leinpfad die Schiffe bis Speyer von Pferden gezogen. Altrip verpachtete hierzu meistbietend einen speziellen Nachen zum Übersetzen der Schiffsreiter über einen Altrhein.

Dieser Fährbetrieb wurde erst nach Abschluss der Rheinbegradigung durch Tulla und der verstärkten Dampfschifffahrt eingestellt. Nachdem das „Altriper Eck” nach dem Altriper Rheindurchstich 1874 zu einer rechtsrheinischen Insel wurde, benötigte Altrip gleich zwei Fähren. Mit einer sogenannten „Nähe”, einem großen und flachen Ruderboot, setzten die Altriper über den neuen Rheinlauf zur Insel über. Und nach einem Fußmarsch mit einem Nachen über den neuen Neckarauer Altrhein ins „großherzoglich-badische Festland”.

Mit einer Gierseilfähre, die am 1. September 1889 feierlich eingeweiht wurde, verbesserten sich aber die Fährverhältnisse. An einem langen Seil, das im Strom verankert war, pendelte die Fähre unter Ausnützung der Strömung von Ufer zu Ufer. Es mussten allerdings viele Experimente gemacht werden, ehe 1909 eine stabile Gierfähre auch für den leichten Fuhrwerksverkehr zugelassen werden konnte. Die Fähre wurde in der Regel für ein Jahr öffentlich versteigert, was für die Dorfbewohner stets ein besonderes Erlebnis war. Ab 1912 mussten die Fährpächter auch hölzerne Stege mit bis zu 90 Meter Länge je nach Wasserstand an- und abbauen. Dreimal übernahm die Gemeinde diese Fähre in Eigenregie. Die Folge war jeweils ein beachtliches Defizit. Die Fähre war 1957 nur noch „Teer und Rost” und nicht mehr verkehrstauglich, so dass sie gar als „Choralfähre” bezeichnet wurde.

Als am 25. Januar 1958 die damals modernste Motorfähre auf dem Rheinstrom den alten Kasten ablöste, kam bei vielen Altripern doch etwas Wehmut auf. Beim 25-jährigen Motorfährjubiläum hatte das Fährschiff schon ein Millionendefizit eingefahren. Die jetzige Fähre, die seit 9. Januar 1992 in Betrieb ist, schwemmte ebenfalls jahrelang ein Defizit an Land. Mittlerweile hat sich aber die Ertragssituation so weit gebessert, dass eine im Spätjahr vorgesehene Fähroptimierung für rund 700.000 Euro aus eigenen Mitteln finanziert werden kann. Mit drei robusten Marinemotoren, einer Verbesserung des Niedrigwasserbetriebs und einer Kapazitätsausweitung auf 21 Fahrzeuge will sich die „Rheinfähre Altrip GmbH” für die nächsten Jahre rüsten.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 26.08.2011 / Wolfgang Schneider)