Gespräche am Ritzerbaum

Zwei Rentner treffen sich am Ritzerbaum und „verzählen“ von früher, begleitet von Gitarre und Chor des MGV. „Altriper Erinnerungen in Wort und Ton“ am Sonntag im Reginozentrum war nicht nur ein witziger Streifzug durch Altrips Geschichte, sondern auch ein gelungenes Beispiel für die Zusammenarbeit der Altriper. 

Joachim Kotter als Ernst (links) steht auch beim Ludwigshafener Theater Bagage auf der Bühne; Karl (Horst Hook) ist durch seinen früheren Job „uff de Gemää“ Publikum gewohnt. | FOTO: KHE

Auch wenn Rentner Karl (Horst Hook) sich nicht mehr erinnert, was er gestern zum Mittag gegessen hat – die Jahreszahlen von der Gründung Altrips durch die Römer, der Kriege, der französischen, später bayrischen Besatzung, hatte er drauf. Oder wann das „Himmelreich“ eröffnet hatte (1879), und der „Karpfen“ sein Schankrecht bekam – wichtige Eckdaten, denn obwohl Altrip von Wasser umgeben ist, muss einer Dehydrierung seiner Bürger vorgebeugt werden. Folgerichtig packte Ernst, kongenial dargestellt von Joachim Kotter, im wahren Leben noch ein Stück weit vom Rentenalter entfernt, eine Thermoskanne und Schorle aus.

„De Schnaps trinke mer später. Mer sitze jo e Weil, so bis um zehne, elfe, oder?“ Ein etwas vollmundige Ansage; war doch der erste Teil bereits nach gut einer halben Stunde vorüber. Was ein wenig schade war, denn Geschichten aus Altrip gibt es genug, die man sich am Ritzerbaum, einem beliebten Treffpunkt am Rhein, erzählen kann. Um diese Eiche, von der heute nur noch der Stumpf übrig ist, rankt sich eine schauerliche Geschichte. Erst habe ein Herr Ritzer, der vielleicht aber auch Retzer hieß, an dieser Stelle im Rhein seine Frau ertränkt und sich dann am Baum erhängt, der heute „Retzer-Boam“ oder „Ritzer-Eesch“ genannt wird.

„Multikulti war Altrip schon immer“, berichtet Karl und zählt auf: „Bei uns waren die Hunnen, Alemannen, Burgunder, Franken, deshalb sind wir heute so ein buntes Völkchen.“ „Do hosch wohr“, bestätigt Ernst. Obwohl man vor ein paar Jahrzehnten schon einen Migrationshintergrund hatte, wenn die Ehefrau aus Waldsee war, und noch dazu katholisch!

Einer der Höhepunkte der Geschichte Altrips war für Ernst und Karl natürlich die Gründung des Männergesangvereins (MGV) 1867. Frauen hatten da damals noch nichts zu suchen, genauso wie im 1900 gegründeten Radfahrerclub, der sinnigerweise „Wanderlust“ hieß – „fer die, die kää Luscht hawwe zu dappe“. Das Radfahren sei zu gefährlich und mindere die Fruchtbarkeit von Jungfrauen, sagte man damals. Ganz schön chauvi. Heute ist man besorgt wegen schwindender Mitgliederzahlen im MGV: „Wir brauchen Nachwuchs. So viele Rollatoren kriegen wir bald auf der Bühne nicht mehr unter.“

So lag auch die Produktion der „Altriper Erinnerungen“ in den Händen der Älteren. Während die Jungen ihre Smartphones haben, um sich auf Facebook oder Instagram zu vernetzen, nutzen die Alten eine Hundeleine und ihre „Pälzer Gosch“. Monika Stahl, Sprecherin des gemischten Chors des MGV, berichtet vom „Making-of“: „Vor einigen Jahren bin ich regelmäßig mit meiner Hündin am Rhein bis zum Ritzerbaum spaziert. Heute geht das nicht mehr – Roxy ist jetzt selbst im Rentenalter und mag nur noch kurze Ausflüge. Doch damals hörte ich dort auf dem Rentnerbänkchen die älteren Herrschaften über früher plaudern. Vergangenes Jahr sprach uns Alois Eitl an, der die 1650-Jahr-Feierlichkeiten organisierte und koordinierte. Der Alois hat ja überall die Hände im Spiel und war unermüdlich dabei, möglichst viele Vereine zum Mitmachen zu bewegen“, sagt Stahl und lacht. „Da mussten wir uns was überlegen – schließlich sind wir der älteste Verein in Altrip.“

Mit den Rentnergeschichten sollte sich doch arbeiten lassen. Wie es sich so trifft, waren auch andere Hundebesitzer unterwegs. Man kam ins Gespräch, und dabei entstanden Ideen. Und eine beispiellose Zusammenarbeit begann: Während Monika Stahl die Episoden aus dem Altriper Leben zusammenstellte und als Sprechtexte niederschrieb, übertrug Nela Feuerstein das Ganze in die Altriper Mundart. Dann kamen die Herren ins Spiel – Joachim Kotter und Horst Hook erklärten sich bereit, die beiden Rentner darzustellen; für Lutz Pfeuffer war es Ehrensache, in die Saiten zu greifen. Ebenfalls in Gemeinschaftsarbeit wurden zu den Episoden passende Lieder für den Chor herausgesucht. Kleine Kostprobe: „Früher Alta Ripa, dann ein Fischerort. Da ist unsre Heimat, keiner will mehr fort.“ Wenn man bedenkt, dass von den 15 Mitgliedern des gemischten Chors fünf bereits über 80 sind, kann man nur den Hut ziehen. Dagegen müssen die Jungen erst einmal ansingen. 

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 27. August 2019 | Von Kathrin Hentzschel)

 Weitere Bilder von dieser Veranstaltung finden Sie hier in unseren Fotoalben zum Jubiläumsjahr.

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