Ein Dorf kämpft um seinen bekanntesten Baum

Eine mächtige Eiche unweit des Rheins ist eigentlich nicht mehr zu retten - Wenn aber Emotionen ins Spiel kommen, ist vieles möglich

Altrip kämpft um einen schwer beschädigten Baum. Zwischen Altrip und Waldsee steht unweit des Rheins eine Eiche. Die Entscheidung, den Baum zu fällen, war eigentlich schon getroffen. Nun will die Gemeinde zunächst versuchen, die Krone massiv zu beschneiden. Vor allem für viele ältere Bürger wäre der Verlust des Baums ein schwerer Schlag. Denn so mancher hat an ihn seine ganz persönlichen Erinnerungen.

Beliebter Treffpunkt vor allem der älteren Generation: die Altriper Eiche, die schon so manches Liebespaar angezogen hat. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 12. 10,2010 | Text: Wolfgang Schneider, Oliver Seibel | Foto: Lenz)

„Die Eiche ist für viele von großer emotionaler Bedeutung. Jeder Zweite war dort schon mal mit einer Freundin”, sagt Bürgermeister Jürgen Jacob, der einen Sturm der Entrüstung befürchtet, sollte die Eiche weichen. So weit ist es (noch) nicht. Unter Anleitung des Forstamts Pfälzer Rheinauen will die Gemeinde alles tun, um den Baum doch noch zu retten. Der Bauhof wird sich in den kommenden Wochen an den Kronschnitt der Eiche wagen. Ein genauer Termin steht offenbar noch nicht fest. Mehr als 50 Prozent der „Lunge des Baums”, wie Bürgermeister Jacob sagt, seien betroffen. „Das Forstamt hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht.”

Die seit 1953 als Naturdenkmal geschützte Eiche war lange Jahre Treffpunkt für Liebespaare, fernab des bebauten Ortsteils. Auch für Wanderer und Radfahrer ist sie ein beliebtes Ausflugsziel. Lange Zeit versuchte die Untere Naturschutzbehörde bei der Kreisverwaltung die Eiche bei Rheinkilometer 412 zu retten. Ein störender Jungahorn wurde ebenso entfernt wie eine ihn abschnürende Rundbank. Die Stürme des Jahres 1990 hatten die Eiche schon ziemlich ramponiert. Das Sturmtief im Februar gab ihr offenbar den Rest. Ein Pilz hätte das Übrige dazu beigetragen.

Ein Gutachten bestätigte nun, was augenfällig ist: Der Baum ist hohl und morsch. Das Naturdenkmal ist 17 Meter hoch und hat einen Durchmesser in der Krone von zwölf bis 13 Meter. Der Umfang des Stammes misst 3,74 Meter. Weil die Eiche Treffpunkt und Ausflugsziel ist, dürfe von dem Baum keine Gefahr ausgehen, heißt es beim Kreis. Die Untere Naturschutzbehörde hat deshalb den Baum zum Fällen freigegeben. Möglichst noch vor den Herbst- und Winterstürmen sollte daher die Säge in Aktion treten, heißt es aus dem Kreishaus.

Unabhängig davon hat das Forstamt Pfälzer Rheinauen den ramponierten Baum selbst noch eigenständig untersucht. Dabei wurde das Ergebnis des vorliegenden Gutachtens im Wesentlichen bestätigt. Dennoch will die Forstverwaltung zunächst nur die Krone radikal ausforsten und etwa zwei Jahre warten, ob sich die Krone neu ausbildet.

Ihren Namen hat die „Retzereiche” übrigens von einem Bösewicht aus Waldsee. 1884 hatte der aus Edenkoben stammende Schneider Nikolaus Retzer seine Frau nahe der Eiche erschlagen und in den Rhein geworfen, wo sie Tage später am „Wormser Rechen” an Land gezogen wurde. Lange Zeit war der Baum deshalb als Treffpunkt für Verliebte aus Altrip und Waldsee verpönt.

Für Altriper, die aber mit der Eiche gute Erinnerungen verbinden, hat sich Bürgermeister Jacob etwas Besonderes einfallen lassen: Wenn die Eiche gefällt wird, so will er Holzteile davon als Erinnerungsstücke gegen eine Spende anbieten. Der Erlös soll sodann für Neuanpflanzungen, allerdings an anderer Stelle, dienen. Ein Stein soll mit einer Tafel versehen werden und an das Naturdenkmal erinnern.

Ein kleiner Trost für die Altriper, falls der Baum wirklich nicht zu retten ist: Am Kiesweg, der bei der „Retzereiche” beginnt, ist nun eine über 200 Jahre alte Stieleiche mit einem noch größeren Stammumfang unter Schutz gestellt worden. Dieses Exemplar befindet sich nahe dem Jägerhäusel, 1,2 Kilometer von der Kreisstraße in Richtung Neuhofen entfernt. Vielleicht auch ein Tipp für Liebespaare.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 12. Oktober 2010 | Text: Wolfgang Schneider, Oliver Seibel | Foto: Lenz)
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