Männer an der Nähmaschine

Historische Tracht entsteht in Handarbeit von Neuem

Die Arbeit mit Nadel und Faden wird für die Herren der Schöpfung zur Herausforderung. „Das sind komplexe Vorgänge”, meint Werner Schön. Bisher hat er allenfalls die Nähmaschine seiner Frau repariert. Doch für die alte Tracht traut er sich auf unbekanntes Terrain. Unter der Anleitung von Schneidermeisterin Heike Just wollen zwölf Altriper die historische Kleidung nachnähen. Die Männerquote liegt bei 25 Prozent.

Die drei Herren sind Novizen an der Nähmaschine. Schön ist historisch interessiert, er ist Kassierer des Heimat- und Geschichtsvereins. Mit Just ist der 68-jährige Rentner verwandt, und die Kursleiterin hat ihn ein bisschen angeschoben. „Von selber wäre ich nicht auf die Idee gekommen”, sagt der gelernte Physiktechniker. „Wer technisches Verständnis hat, der kann auch nähen”, habe Just ihm erklärt und seine Zweifel zerstreut: „Du musst nix können, um mitzumachen.” Damit war er überredet. „Die anderen sind freiwillig gekommen”, sagt Just und schmunzelt.

Mit Freude dabei: Unter Anleitung von Heike Just (links) und Ursula Alt nähen Werner Schön und Edgar Alt (v.l.) die Altriper Tracht. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 05.12.2005 | Text: Gereon Hoffmann | Foto: Lenz)Als Pfadfinder hat Edgar Alt ein paar Knöpfe angenäht, ansonsten ist die Schneiderei ihm fremd. Doch als der 58-Jährige vom Trachten-Projekt hörte, hatte er Lust mitzumachen. „Ist doch was anderes, und so schlimm kann”s nicht sein”, habe er sich gesagt. Und als Büro-Mensch habe es ihn interessiert, mal etwas „ganz von Hand” zu schaffen. Er entwickelt auch gewissen Ehrgeiz: Den Anker und seine Initialen will er selber aufsticken.

So ganz ausschließlich von Hand wird im Kurs aber nicht gearbeitet. Das wäre zu mühselig. Die professionelle Nähmaschine der Schneidermeisterin ist da schon hilfreich. Heike Just und ihre Familie stammen zwar aus Altrip, lebten aber in München. Und in Bayern ist das Verhältnis zur Tracht ein anderes. „Dort wird Tracht getragen und gelebt, das Bild gehört zum Alltag”, erklärt Just. Zusammen mit Elke Knöppler hat sie aus historischen Quellen die Altriper Tracht rekonstruiert und bereits vor zwei Jahren der Öffentlichkeit vorgestellt (wir berichteten).

Die nähenden Männer schlagen sich wacker. Den Frauen wird die Handarbeit aber keineswegs in die Wiege gelegt, wie Just beobachtet hat: „Viele sind vom Handarbeitsunterricht in der Schule geradezu traumatisiert worden, damals haben sie es gehasst, heute entdecken sie das Nähen neu.” Die Kursleiterin hat eine Lehre gemacht, anschließend drei Gesellenjahre an verschiedenen Orten gearbeitet, darunter auch am Karlsruher Theater. Danach hat sie in Wien die Meisterschule absolviert.

Die Altriper Tracht bevorzugt gedeckte Farben, ein Merkmal, das auf den protestantischen Glauben des Dorfes hinweist. In katholischen Gegenden sei die Tracht farbenfroh, wie die Meisterin in Bayern bestätigt fand. Flachs für den Leinenstoff wurde in der Region angebaut, das dunkle Indigo-blau war ein preiswerter Farbstoff. Das Verschwinden der Tracht führt Just auf die Industrialisierung zurück. „Es gab neue, preiswerte Stoffe und Farben und alles, was neu ist, erscheint erst mal interessant”, sagt sie. Zudem habe sich das soziale Gefüge der Dorfgemeinschaft verändert, viele Neubürger seien nach Altrip gezogen und der traditionelle Broterwerb durch Fischerei und Landwirtschaft ging zurück.

Die Tracht werde aus Hemd und Hose, Bluse und Rock bestehen, dazu komme noch der Hut für den Mann, den eine Modistin anfertigen werde. Wenn alles klappt, soll die Tracht im Frühjahr fertig werden. Die Kursteilnehmer überlegen, als Gruppe beim Umzug des Fischerfestes mitzugehen, oder sich auch bei der Kerwe zu präsentieren.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 5. Dezember 2005 | Text: Gereon Hoffmann | Foto: Lenz)
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