Pizza übers Smartphone

Wie so vieles macht auch das Backen in Gemeinschaft oft mehr Spaß. Doch was tun in Zeiten von Kontaktbeschränkungen, aber gesteigerter Backlaune – was ja die zum Teil verdreifachte Nachfrage nach Mehl belegt? Backen via WhatsApp ist die Antwort des Heimat- und Geschichtsvereins Altrip. Und RHEINPFALZ-Redakteurin Doreen Reber war dabei – eine Pizzaiola ist sie aber noch lange nicht.

Klein, aber fein: Die erste Pizza wurde „nur“ eine Piccolino, dafür war sie richtig lecker. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 05.05.2020 | Text & Foto: Doreen Reber)

Das Handy ist der Assistent. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 05.05.2020 | Text & Foto: Doreen Reber)Der Teig ist biestig, ... (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 05.05.2020 | Text & Foto: Doreen Reber)... das Resultat perfekt. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 05.05.2020 | Text & Foto: Doreen Reber)

Seit 2012 lädt der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) jeden zweiten Samstag zu seinen Brotbacktagen ein, dazu kann jeder seinen Brotteig mitbringen, der dann in einem Steinofen gebacken wird. Dabei wird in netter Runde geplaudert und sich ausgetauscht. Das ist derzeit tabu, und so mussten neue Wege gegangen werden. „Wir haben schon länger darüber nachgedacht, über WhatsApp gemeinsam zu backen. Mit Corona wurde die Idee sozusagen beschleunigt“, erzählt Jupp Settele vom HGV. Und die Resonanz auf die ersten WhatsApp-Backtreffen seien sehr gut gewesen – Sternbrote, alte Aachener Osterbrote und griechische Osterkekse wurden schon gebacken. Mit der WhatsApp-Gruppe führt der Pfad als auch mal weg vom klassischen Brot. „Ja, genau das ist der Vorteil“, sagt Jupp Settele.

Jupp ist 71 Jahre alt und – wie er in die Gruppe schreibt – hat sich das Backen bei ihm aus einem anfänglich kleinen Hobby mit der Zeit ein immer größeres entwickelt. „Es macht richtig Spaß, gemeinsam Sachen auszuprobieren und, wenn es Probleme gibt, die gemeinsam zu lösen.“ Vergangenes Wochenende stand Pizzateig auf der Back- und Speisekarte der Backfans. Und auch wenn man es vielleicht nicht denkt, auch bei der Herstellung dieses Klassikers mit überschaubarer Zutatenliste läuft nicht alles glatt, das kann ich schon jetzt vorausschicken.

Von Freitag bis Sonntag hat die virtuelle Backgemeinde Zeit, sich als Pizzabäcker zu versuchen. Insgesamt sind es 21. Die Gruppendynamik startete schon am Dienstag: Doris macht den Anfang und stellt sich mit einem sympathischen Foto vor. Von Anfang an ist sie bei den Backtagen dabei – ein Backprofi. Oh je! Die meisten sind Wiederholungstäter. Geballte Koch- und Backerfahrung scheint sich da virtuell gefunden zu haben. Doch dann postet Tobias ein nettes Bild – ein Backanfänger. Und er bleibt nicht der einzige. Gott sei Dank!

Spätestens am Donnerstagabend wird in den meisten Küchen abgewogen, geknetet, geprüft und „gerastet“. Ja, genau „gerastet“ – der Teig muss laut Rezept 18 bis 48 Stunden reifen. Wer also freitags Pizzaessen möchte, muss schon am Tag zuvor die Kochschürze umbinden. Bei so viel Aktionismus werde ich ganz hibbelig – dabei ist Pizzateig eine Geduldsübung. Also gemach und an den Plan halten! Freitagvormittag fällt bei mir der Startschuss: Ich hatte – dank Mehlnotstand vor ein paar Wochen – aus Verzweiflung Pizza-Mehl gekauft. Was für eine Fügung! Aber frische Hefewürfel habe ich bis jetzt seit Monaten nicht mehr gesehen. Trockenhefe muss auch gehen. Und schon das erste Problem, das auch Damaris hat. Wie viel Gramm Trockenhefe sind die laut Rezept benötigten vier Gramm frische Hefe? Jupp postete innerhalb kürzester Zeit eine beeindruckende Dreisatzrechnung – es ist ein Gramm. Damaris hat noch frische Hefe auftreiben können, ich nicht. Und schon tut sich die nächste Hürde auf. Trockenhefe muss mit dem Mehl vermischt werden, laut Rezept wird aber zuerst Mehl und Wasser zur „Autolyse“ etwa eine halbe Stunde stehen gelassen. Auch hier steht mir Jupp zur Seite: Einfach etwas Mehl abnehmen, beiseitestellen und darin die Hefe vermengen. Es ist klar: Jupp ist der Experte. Zuvor erklärt er der Backgemeinde, wie das Falten des Teiges und der Fenstertest korrekt zu vollziehen sind. Ich bin ein wenig eingeschüchtert – es ist doch nur ein Hefeteig? Doch aufgeben kommt nicht in die Tüte – oder besser gesagt in die Schüssel. Die Küchenmaschine übernimmt das schweißtreibende Kneten per Hand. Karin hat’s so durchgezogen und schreibt: „Weg mit Ehrgeiz und Purismus, nehmt eure Maschinen. Das war ein Gebabb’.“

Tobias postet ein Bild, wie das Fensterlicht durch seinen auseinandergezogenen Teig scheint. Ich bin beeindruckt und ziehe meinen Teig mit einer Hand nach oben, mit der anderen mache ich ein Foto mit meinem bemehlten Handy. Jupp bestätigt mir die gute Spannung meines Werks. Dann heißt es warten, falten, warten und wieder falten bis vier leicht verschrumpelte Teiglinge im Kühlschrank zur Ruhe kommen.

In den Backstuben in Altrip, Ludwigshafen und Fulda kehrt aber noch lang keine Ruhe ein. Bilder von leckeren Kuchen und Keksen werden gepostet – hier grassiert das Backvirus. Am Samstag ist meine Vorfreude riesig, ich habe zwischendurch in die Schüssel gespitzelt und die Hefe war fleißig. Stolz poste ich ein Foto und bekommen das erhoffte Lob. Inzwischen werden Bilder von unzähligen, leckeren Pizzen hochgeladen und von den anderen bewundert. Jupp beantwortet zwischendurch souverän jede Frage, lobt und „späßelt“. Die gute Laune steckt an. Ich plündere den Kühlschrank für einen kreativen Belag und der Pizzastein im Ofen glüht schon fast. Doch der Hefeteig ist biestig, klebt und schnallst immer wieder zurück. Ich verzweifle und bearbeite ihn mit dem Nudelholz. Doris hat es doch auch so gemacht. „Nicht mit dem Holz“, rät mir Sabine, „sonst fehlt dir der geniale Rand“. Und dann postet Jupp ein Video. Bei ihm sieht das Formen der Pizza natürlich ganz leicht aus. Beim nächsten Versuch gelingt mir eine Piccolino – immerhin. Und die ist der Hammer. Der Teig ist knusprig und fluffig zugleich. Und es duftet … Christine bringt es auf den Punkt: Schade, dass man die Pizza nicht riechen kann. Für den Abend verabreden sich alle zu einem Gläschen – und stoßen in der WhatsApp-Gruppe auf die Backtage an. Es war ein schönes, gemeinsames Erlebnis, eben auf andere Weise. Aber was ist in diesen Tagen noch normal. 
 

Rezept für den Pizzateig

Zutaten für drei Stück (à 285 g):
500 g Weizenmehl (Typ 700, 550 oder Typo 00); 300 bis 325 g kaltes Wasser; 10 g Salz; 15 g Olivenöl; 4 g frische Hefe (oder 1 g Trockenhefe)

Mehl und Wasser in einer Schüssel kurz verrühren und zur Autolyse etwa 20 bis 30 Minuten stehen lassen. Dann Hefe und Salz hinzugeben und 5 bis 6 Minuten langsam vermischen. Anschließend das Olivenöl unterkneten und 2 bis 3 Minuten schnell verkneten. Den Teig 60 bis 90 Minuten rasten lassen, den Teig nach 30 und nach 60 Minuten mit feuchten Händen mehrmals nach oben ziehen und falten. Nach 90 Minuten Reife den Teig zu drei gleichmäßigen Kugeln formen. Diese in einer abgedeckten Teigbox im Kühlschrank bei 4 Grad 18 bis 48 Stunden reifen lassen. Danach sollten sie ihre Größe verdreifacht haben. Vor dem Formen der Pizzaböden Teiglinge, Arbeitsfläche und Hände gut mit Mehl bestäuben. Die Pizza im vorgeheizten Ofen (250 bis 280 Grad) 3 bis 6 Minuten backen. (Quelle: www.homebaking.at)

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 5. Mai 2020 | Text & Fotos: Doreen Reber)
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