Wiedersehen nach 50 Jahren

Fast auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Einzug ins Endspiel um die deutsche A-Jugend-Meisterschaft trifft sich die damalige Mannschaft des TuS Altrip wieder. Am Samstag kommt das Team auf dem Gelände des TuS zusammen und will gemeinsam ein paar schöne Stunden verbringen. Cheforganisator Hans-Jürgen Klüh hat einige Überraschungen geplant.

Im voll besetzten Ruhrstadion trifft der schussstarke Altriper Linksaußen Kurt Böhm nach indirektem Freistoß im Strafraum. Es ist das 2:0 im Finale gegen Hertha Zehlendorf. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 09.07.2020 | Text: Thomas Leimert | Foto: Hans-Jürgen Klüh / frei)

Der Gewinn der deutschen A-Jugend-Meisterschaft war für den TuS Altrip im Juli 1970 zum Greifen nahe. Nach zwei Toren von Linksaußen Kurt Böhm führte das Team von Trainer Hermann Jöckel im Finale des Endturniers in Bochum gegen Hertha Zehlendorf schon 2:0. Da waren erst 20 Minuten gespielt und das Endspiel schien den erwarteten Verlauf zu nehmen. Doch die favorisierten Altriper gaben diesen Vorsprung noch aus der Hand und unterlagen 2:3. Tränen flossen, denn die Enttäuschung war groß und wurde auch nach den tröstenden Worten des damaligen Bundestrainers Helmut Schön nicht kleiner. In 50 Spielen der Saison 1969/70 waren die Altriper unbesiegt geblieben, doch in der 51. und wichtigsten Partie riss die beeindruckende Serie.

Doch als das Team am späten Sonntagabend nach Altrip zurückkehrte, gab es einen rauschenden Empfang, der half, die unglückliche Niederlage zu verdauen. „Als wir in Altrip angekommen waren, haben uns viele begeisterte Menschen zugejubelt. Es war ergreifend, das vergisst man nie“, sagt Verteidiger Hans-Jürgen Klüh (68) stellvertretend für alle anderen. Die Freiwillige Feuerwehr hatte ein Banner über die Straße gespannt, die Glocken läuteten und das Flutlicht war eingeschaltet. Bis tief in die Nacht feierten Trainer, Spieler, ihre Familien, Betreuer und Fans den größten Tag in der Geschichte des TuS Altrip.

Jetzt sehen sich die damaligen Talente wieder, von denen nur Manfred Kaltz eine große Karriere gemacht hatte. Der Abwehrspieler prägte den Hamburger SV, für den er 581 Bundesliga bestritt, gewann den Europapokal, absolvierte 69 Länderspiele und wurde 1980 Europameister. Er zählte in seiner Glanzzeit zu den besten Abwehrspielern Europas. Klüh, der 68-jährige Kapitän und Torjäger Reinhard Pfeiffer sowie der zwei Jahre ältere Ludwig Schneider bildeten das Organisationskomitee für die Wiedersehensfeier nach 50 Jahren. „Dass alle kommen wollen, macht mich stolz und zeigt den Geist, der in der Truppe herrschte“, erklärt Pfeiffer.

Jöckel war ein Top-Trainer

Dieser Erfolg hatte in erster Linie drei Väter. Da war einmal der früh verstorbene Technische Leiter Gerhard Heid, der ein gutes Auge für veranlagte Jugendliche hatte und den Grundstein für den Erfolg legte. Zu den Jungs aus Altrip holte er die besten Spieler von Südwest Ludwigshafen, aus Neuhofen, Dannstadt, Schauernheim und vom LSC. „Heid war ein Fußball-Fachmann. Er hatte ein Gespür für Talente, konnte etwas bewegen und war seiner Zeit weit voraus“, verdeutlicht Mittelfeldspieler Dieter Bayer, der einmal zum Kader der Schüler-Nationalmannschaft gehörte.

Die erfolgreiche Altriper A-Jugend: Technischer Leiter Gerhard Heid, Trainer Hermann Jöckel, Rudi Winterkorn, Kurt Böhm, Rainer Becker, Gispert Becht, Reinhard Pfeiffer, Manfred Kaltz, Herbert Stein, Dieter Remelius, Horst Keller, Hans-Jürgen Klüh, Masseur Klaus Bauer (oben von links), Franz Moosburger, Dieter Rösel, Karl-Ludwig Keller, Ronald Scherreik, Hermann Huber, Dieter Bayer, Kurt Vanselow und Heinz Magura (unten von links). (Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 9. Juli 2020 | Text: Thomas Leimert | Foto: Hans-Jürgen Klüh / frei)

Ebenso wichtig war Trainer Hermann Jöckel, der als Torhüter mit dem VfR Mannheim 1949 deutscher Meister geworden war. „Er hat dafür gesorgt, dass wir auf dem Boden geblieben sind und ein hartes, anspruchsvolles Training angeboten“, betont Pfeiffer. Jöckel strahlte Ruhe, Gelassenheit und Erfahrung aus. „Hinzu kam sein hohes Fachwissen, das er prima vermittelte. Jöckel, von dem nie ein böses Wort zu hören war, hatte viel Einfühlungsvermögen und war menschlich top“, ergänzt Klüh.

In Anzügen zu den Bayern

Der dritte im Bunde war Bauunternehmer Wolfgang Keller, Mäzen und Vorsitzender in Personalunion. Er spendierte nach jedem Training ein Essen, stattete das Team unter anderem mit Trainingskleidung, Schuhen und Ausgehanzügen aus. Auf das äußere Erscheinungsbild wurde auf den zahlreichen, von Keller finanzierten Reisen zu tollen Freundschaftsspielen viel Wert gelegt. Altrip spielte in Dortmund, Frankfurt, Schalke, Bochum oder bei den Bayern. „Auch ohne finanzielle Zuwendungen haben wir uns gefühlt wie Profis“, erläutert Pfeiffer. Der Torjäger absolvierte Probetrainings bei Schalke 04 und Eintracht Frankfurt. „Ich habe mich für Schalke entschieden, das war vielleicht ein Fehler“, überlegt der Mittelstürmer. Bei den Königsblauen war die Konkurrenz riesig. Dort blieb er ebenso nur kurz wie beim Karlsruher SC. Die Profizeit sei dennoch eine Bereicherung für sein Leben gewesen.

In der damaligen A-Jugend-Bezirksklasse Nord war der TuS Altrip nahezu konkurrenzlos, schoss fast 100 Tore und gab mit dem 1:1 beim LSC nur einen Punkt ab. „Da ist es gut für mich gelaufen, der TuS hat sich gequält“, sagt LSC-Torhüter Detlev Gohlke bescheiden. „Ihm hatte es der LSC zu verdanken, dass die Partie 1:1 endete. ,Dettl’ hielt super“, anerkennt Klüh. Außer bei einem Kopfballtor von Kurt Vanselow war der heute 68 Jahre alte Gohlke nicht zu bezwingen. Die Leistung machte Eindruck, denn in der Rückrunde holte der TuS den Torwart. Bei Altrip hatten sich Ronald Scherreik und Hermann Huber den Job zwischen den Pfosten geteilt.

Trainingslager in Neustadt

In den Spielen um die Bezirksmeisterschaft hatte der TuS den SV Völkersweiler nach jeweils drei Pfeiffer-Toren zweimal 5:0 geschlagen. Vor dem Endspiel um die Südwest-Meisterschaft gegen Wormatia Worms bezog das Team ein dreitägiges Trainingslager in Neustadt. „Da wurde mir auf meinen Wunsch hin sogar mein Lieblingsessen serviert“, erinnert sich Klüh und lacht. Er absolvierte beim HSV ein Probetraining, hatte aber keine echten Ambitionen. „Ich war ein Nachtschwärmer und habe meine Berufsausbildung forciert. Außerdem habe ich mit 21 geheiratet. Eine Familie zu gründen, war mir wichtiger“, erklärt der Außenverteidiger.

Das Spiel gegen Worms hing am seidenen Faden. Dieter Rösel, der später bei Phönix Lübeck in der Regionalliga spielte und dort lange Zeit als der beste Transfer galt, brachte Altrip in Führung. Worms glich aus, doch mit der letzten Aktion gelang Pfeiffer auf Vorlage von Dieter Remelius das 2:1. Der TuS, der für einen technisch geprägten, attraktiven Fußball stand, setzte sich in den Partien um die Regionalmeisterschaft zuerst 3:1 gegen Eintracht Trier und im entscheidenden Match 3:2 gegen den 1. FC Saarbrücken durch. In dieser Partie erzielte Torgarant Pfeiffer alle drei Treffer.

Längst hatte sich eine Stammformation im 4-3-3-System herauskristallisiert. Vor Scherreik oder Huber verteidigten Klüh links sowie die beiden Ur-Altriper Herbert Stein rechts und Rudi Winterkorn, der eine sensationelle Runde spielte, zentral. Die auch offensivstarken Stein und Klüh kurbelten über außen unermüdlich die Angriffe des TuS an. Libero Manfred Kaltz rückte damals schon regelmäßig auf die Höhe des Vorstoppers vor und schaltete sich ins Aufbauspiel ein. Wie Pfeiffer anerkennend berichtet, sei er lange vor Horst Hrubesch der erste Abnehmer der Kaltz’schen Bananenflanken gewesen.

Lob vom Bundestrainer

Das Mittelfeld der drei Dieters mit Remelius, Rösel und Bayer verkörperte fußballerische Extraklasse. Remelius war ein super Techniker, der zum Probetraining beim HSV eingeladen war, was der Legende nach aber wegen einer Roten Karte nicht zustande kam. Nach dem Finale bekam er großes Lob von Bundestrainer Schön. Rösel war unglaublich torgefährlich, und wenn Bayer auf den Reisen seine Gitarre auspackte und spielte, erreichte die Stimmung rasch den Siedepunkt. Wie diese drei ergänzten sich auch die Stürmer ideal: Der umtriebige, unberechenbare Kurt Vanselow, der abschlussstarke Reinhard Pfeiffer und Kurt Böhm, der oft nach innen zog und mit seiner blendenden Schusstechnik viele Torhüter überraschte.

Bei dieser Formation hatten es Ergänzungsspieler schwer. „Man muss anerkennen, dass die Stammelf super war. Es gab kein Vorbeikommen, aber trotzdem war der Umgang miteinander respektvoll und kameradschaftlich. Man hatte nie das Gefühl, Ersatzmann zu sein“, sagt Werner Kempf (67), der einer der jüngsten Akteure war. Der Dannstadter schwärmt von den Reisen zu Freundschaftsspielen, in denen er auch regelmäßig spielte: „Zürich, Bellinzona, die Flugreise nach Hamburg – ein Traum für einen jungen Fußballer.“ Auch das Drumherum sei super gewesen. „Nach jedem Training und vor Spielen wurden wir massiert, das hatte schon einen professionellen Anstrich“, erzählt Kempf. Physiotherapeut Klaus Bauer sei ein lustiger Typ gewesen und habe immer mitgesungen, wenn im Radio das „Kufsteinlied“ zu hören war.

Im Flieger nach Hamburg

In der Qualifikation für das Endturnier gastierte der TuS bei Concordia Hamburg. Nach Toren von Pfeiffer (5) und Remelius bezwangen die Altriper den überforderten Gegner mit einer Klasseleistung 6:2. Neben dem überragenden Pfeiffer, Remelius und Kaltz gefiel besonders Bayer als Vorbereiter von vier Treffern. Nach dem Rückflug ging es gemeinsam aufs Altriper Fischerfest, wo das Team von den Gästen euphorisch empfangen wurde und viel Applaus bekam.

Zum Endturnier um die deutsche Meisterschaft eine Woche später in Bochum waren an beiden Turniertagen jeweils 5000 Zuschauer gekommen, und das Fernsehen war da. Im Halbfinale schaltete Altrip in einem vorweggenommenen Endspiel den starken Veranstalter VfL Bochum mit 1:0 aus. Kurt Vanselow erzielte kurz vor der Pause das einzige Tor, und der vom LSC transferierte Detlev Gohlke hielt bei seinem Pflichtspieldebüt mit etlichen tollen Paraden den Sieg fest.

Altrips Torwart Detlev Gohlke pariert einen Flachschuss. Herbert Stein muss nicht mehr eingreifen. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 9. Juli 2020 | Text: Thomas Leimert | Foto: Hans-Jürgen Klüh / frei)

Im Finale gegen Außenseiter Hertha Zehlendorf nominierte Trainer Jöckel exakt dieselbe Elf – bis auf eine Ausnahme. Für Gohlke stand Scherreik im Kasten. „Ronald und ich waren Konkurrenten, aber auch Zimmerkollegen und hatten ein sehr gutes Verhältnis. Das ist auch heute noch so. Und in der Halbzeit wurde ich ja eingewechselt“, verdeutlicht Gohlke, warum er Jöckels Entscheidung ohne zu murren akzeptierte. Ein Beispiel dafür, dass die Mannschaft nicht nur auf dem Spielfeld harmonierte, sondern auch mit ihrem großen Teamgeist Maßstäbe setzte. Ein Teamgeist, der bis heute bewahrt wurde.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 9. Juli 2020 | Text: Thomas Leimert | Fotos: Hans-Jürgen Klüh / frei)
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