Als das Geld in Waschkörben zur Bank gebracht wurde

Wie Zeitzeugen die Währungsumstellungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten

Wilhelm Hellmann erinnert sich noch an die Zeit, als Zehn- und Zwanzig-Markstücke aus Gold waren. Der 96-Jährige Mutterstadter hat die Kaiserzeit miterlebt. Als im August 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, war er neun Jahre alt. Die Kriegsbegeisterung war 1914 groß, niemand ahnte das sich abzeichnende Desaster, das die Welt verändern und die 1870 eingeleitet Wohlstandepoche mit der Goldmark für lange Zeit beenden würde. Wilhelm Hellmanns Vater hat als Patriot Kriegsanleihen gezeichnet, erzählt der 96-Jährige, denn am schnellen Sieg über den Feind zweifelte im Kaiserreich niemand. Nach der Niederlage 1918 wurden diese Anleihen entwertet. „Ein Teil des Vermögens war damit vernichtet“, erzählt der ehemalige Textilverkäufer und Geschäftsmann.

Eine Million für Streichhölzer

Als Lehrling und späterer Angestellter in einem Landauer Textilgeschäft hat Hellmann dann die Auswirkungen der galoppierenden Inflation in der Weimarer Republik hautnah miterlebt. Für ein Päckchen Streichhölzer musste die unglaubliche Summe von einer Million Mark bezahlt werden. Die Preise wurden täglich geändert und das wertlose Geld wurde in Waschkörben zur Bank getragen. In Altrip, so wird berichtet, stellte der protestantische Pfarrer Karl Kreiselmaier für seine Kollekte gleich einen Waschkorb auf. Wer morgens mit der Fähre über den Rhein fuhr, wusste noch nicht, welchen Preis er am selben Abend dafür zahlen musste. 1924 schließlich wurde die Reichsmark eingeführt, nach einer einjährigen Übergangszeit mit der Rentenmark. Die alten Geldscheine wurden nach dieser Währungsreform überstempelt und teilweise als Eintrittskarten weiter benutzt.

Zigaretten als Zahlungsmittel

Die sich abzeichnende Besserung der Volkswirtschaft Anfang der 30er Jahre nutzte der Textilverkäufer und Handelsreisende Hellmann: Er gründete 1935 in Mutterstadt mit einem Startkapital von 3000 Reichsmark ein Textilgeschäft, das heute noch vom Enkelsohn weitergeführt wird. Für 12.000 Mark kaufte er ein Haus gekauft und baute es zum Geschäftshaus aus. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ging es mit dem Geschäft aufwärts – auch wenn das Geld immer knapp war und die gelieferte Ware oft mit Wechseln bezahlt wurden. Das „Anschreiben“ der Kunden und spätere Zurückzahlen in Kleinbeträgen war normal. An Schecks oder Kreditkarten dachte damals noch kein Mensch.

Ausgabe von 40 Mark „Kopfgeld“ 1948. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 06.10.2001 | Text: rpe/wlf| Foto: Archiv)Der Aufschwung wurde durch den Krieg unterbrochen. 1946 aus Sibirien zurückgekehrt, stand der Geschäftsmann vor einem Scherbenhaufen. Die Reichsmark war wertlos, zu kaufen gab es sowieso nichts. Die Zigarettenwährung war beliebtes und begehrtes Zahlungsmittel. Tauschhandel und Schwarzmarkt blühten. Dann kam die D-Mark, und wie jeder Deutsche erhielt auch Hellmann 40 Mark „Kopfgeld“.

Willi Hochlehnert (81) war damals als Chef der Altriper Gemeindekasse zusammen mit dem Leiter der Kreissparkasse, Hans Schnebele, in der Rheingemeinde für den reibungslosen Ablauf verantwortlich. Die Vorbereitung mit alphabetischen Listen und die Einrichtung von Schaltern im Rathaus und der angrenzenden Ludwigsschule war perfekt vorbereitet. Alle Gemeindebeschäftigten wurden eingespannt. Die Bevölkerung wurde aufgerufen alle Reichsmarkbestände abzuliefern.

Lkw-Ladungen mit D-Mark

Das neue Geld, die „Deutsche Mark“, wurde mit einem Militär-Lastwagen zum Rathaus gebracht. „Auf dem Lkw saßen Soldaten mit Gewehren im Anschlag“, erinnert sich der frühere Kassenleiter. Jeder, der wenigstens 40 Reichsmark ablieferte, erhielt 40 Deutsche Mark. Ausgegeben wurden nur Scheine. Alle bekamen ihr Geld ohne großes Gedränge. Abends wanderte das Restgeld in den großen Gemeindetresor. Die Läden bekamen von den Banken die neuen Münzen. Die Altgeldguthaben wurden im Verhältnis 100:6,5 gekürzt und die Verbindlichkeiten 10:1. Trotz des faktischen Untergangs des Deutschen Reichs gab es nicht wie 1923 eine totale Existenzvernichtung. Schlagartig füllten sich nun wieder die Schaufenster. Viele Dinge waren wieder zu kaufen – so man das nötige Geld hatte. (

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 6. Oktober 2001 | Text: rpe/wlf| Foto: Archiv)
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