Verbrechen ganz nah

Ausstellung über Juden-Deportation in Altrip eröffnet

Tausende Juden aus Baden und der Saarpfalz – also aus unserer unmittelbaren Nachbarschaft – wurden am 22. und 23. Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs in Frankreich deportiert. In 43 Schautafeln zeigt eine Wanderausstellung im Bürgerhaus Alta Ripa die Verbrechen. Schon bei der Eröffnung wird klar, ein gedankliches Distanzieren ist kaum möglich.

Es war eine der ersten Verschleppungen deutscher Juden aus ihrer Heimat, initiiert von den Gauleitern der Nationalsozialisten. In Texten und mit Fotos zeichnet die Ausstellung der Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ die Verbrechen nach. Einen regionalen Bezug erhält sie durch Teile, die vom Bezirksverband Pfalz in Kaiserslautern und vom Heimat- und Geschichtsverein Altrip kuratiert wurden. Letzterer informiert in sechs Tafeln vor allem über die Geschichte der Familie Marx, damals unter anderem Eigentümer der Kies-Baggerei und Dampfziegelei in Altrip. Es ist eine Ausstellung, die einen trotz der Fülle an Information fesselt. Das liegt zum einen an den dargestellten Schrecken und der sorgfältigen sowie gut verständlichen Aufarbeitung, zum anderen aber auch am engen Bezug zur Heimat. Ein gedankliches Distanzieren ist so kaum möglich.

Das Lager Gurs lag nicht im besetzten Teil Frankreichs, sondern wurde von der Vichy-Regierung betrieben, die allerdings von den Nationalsozialisten kontrolliert wurde. 1939 wurde es als Barackenlager für politische Flüchtlinge und Kämpfer des spanischen Bürgerkriegs errichtet. Ab Mai 1940 wurden „unerwünschte Personen“ – unter anderem aus Deutschland geflohene Antifaschisten, die die Vichy-Regierung verhaften ließ – dort untergebracht, ehe dann im Oktober die Deportationen deutscher Juden begannen. Auf die meisten wartete der Weitertransport und schließlich der Tod in Auschwitz.

Auch einen Bezug zu Altrip stellt die Ausstellung her. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 04.10.2021 | Text: Andrea Dölle | Foto: Lenz)Der Ausstellungsbesucher erfährt viel: Die Bedingungen waren katastrophal, die Gefangenen mussten anfangs auf dem Boden schlafen, später konnten sie sich wenigstens Strohsäcke herrichten. Die Versorgung und hygienischen Bedingungen waren erbärmlich, Hunger war ein ständiger Begleiter. Familien wurden getrennt, Krankheiten und Ungeziefer plagten die Menschen, dazu die Kälte der Pyrenäen. Täglich starben Menschen. Briefe von Inhaftierten, aber auch Zeichnungen, teils sarkastische Karikaturen, erzählen von den Schrecken. Vieles davon wird in der Ausstellung gezeigt. Eine besondere Rolle nimmt der Comic „Mickey au camp de Gurs“ ein, in der Zeichner Horst Rosenthal, in Breslau geboren, sich der Disney-Figur Mickey Mouse bedient.

Das Lager wurde bis 1946 noch zur Unterbringung deutscher Kriegsgefangener und Kollaborateure genutzt, heute ist es eine nationale Gedenkstätte. Auch in Frankreich beeilte man sich zu verdrängen. Eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang eine Erinnerung der Politikerin Simone Veil: Ein prominentes Mitglied der Regierung habe sie gefragt, ob die eintätowierte Nummer an ihrem Unterarm ihre Garderobennummer sei. 
 

NOCH FRAGEN?
Die Ausstellung ist bis zum 31. Oktober im Bürgerhaus Alta Ripa, Ludwigstraße 42, in Altrip zu sehen: samstags und sonntags, 14 bis 19 Uhr. Für Schulklassen und Gruppen gibt es Führungen, Anmeldung unter Telefon: 06236 4182-925. Der Eintritt ist frei.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 4. Oktober 2021 | Text: Andrea Dölle | Foto: Lenz)
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