Ausflug ins ausländische Altrip

Heute vor 200 Jahren wurde die Rheingemeinde im „Morgenblatt für die gebildeten Stände” erwähnt - Reise nach Frankreich gewagt

Dass zwei oder drei Ausflügler von der Neckarau mit der Fähre nach Altrip gefahren sind, war dem „Morgenblatt für die gebildeten Stände” vor genau 200 Jahren eine große Geschichte wert. Immerhin hatten sie damit ja auch die Grenze zu Frankreich überquert.

Das „Morgenblatt für die gebildeten Stände” des Cotta-Verlages, mit dem auch Goethe eng zusammenarbeitete, beschrieb vor 200 Jahren sehr ausführlich einen Ausflug nach Altripp - damals noch mit Doppel-P geschrieben. Das Morgenblatt war zu jener Zeit das führende literarische Unterhaltungsorgan in Deutschland, und der Cotta-Verlag gehörte zu den einflussreichsten Verlagen. Die Erwähnung des gottverlassenen Fischernestes mit knapp 300 Seelen war für Altrip also eine große Ehre.

Wo heute das Mannheimer Großkraftwerk dampft, führte vor 200 Jahren ein Fußpfad durch „lachende Äcker und Wiesen”. Archivfoto: LenzZwei oder drei Ausflügler wanderten am 28. Juli 1812 von der Schwetzinger Chaussee über Neckarau zur Altriper Fähre. Wo heute nur scheußlich anzusehende Industrieanlagen stehen, war zu jener Zeit nach dem Reisebericht ein „Fußpfad, der durch lachende Äcker und Wiesen führte. Gar wohltätig für das Auge ist die beständige Abwechslung von Früchten aller Art, die hier der Landmann auf seinen Feldern anbaut”, schwärmt der Berichterstatter.

Und weiter listet er auf: „Man sieht hier Tabak, Raps, Mohn, türkisches Korn (Mais), Hirse, Einkorn (eine Weizenart aus dem Land zwischen Euphrat und Tigris) sowie Hanf, Flachs und Bohnenwicken, neben den gewöhnlichen Feldfrüchten in bunter Mischung nebeneinander.” Und außerdem, so stellten die Ausflügler fest, sei „das Vorurteil auf die schönste und deutlichste Art widerlegt, dass der Schatten der Obstbäume dem Feldbau schade”.

Doch fast wäre der Besuch von Altrip buchstäblich ins (Rhein-)Wasser gefallen, denn der Reisebericht spricht Bände: „Das Wetter war uns heute nicht günstig; ein starker Regen nahm uns den Rückblick auf die Bergstraße. Als wir gegenüber von Altrip ankamen, fanden wir unseren Rhein so erzürnt, dass wir lange beratschlagten, ob wir bei dem heftigen Sturm die Überfahrt wagen sollten. Endlich siegte der Mut über die Furcht und wir übergaben unser Leben dem Seelenverkäufer.” So nennt man hier, wegen ihrer schmalen und schlechten Bauart, die Schiffe. Der Seelenverkäufer war laut Ausflugsbericht mit einem Lumpen - „wohl ein Segel darstellend” - bespannt und wurde von einem „mürrischen Charon” dirigiert.

Was den Charon, den „düsteren greisen Fährmann” der griechischen Mythologie betrifft, der für eine Münze die Toten ins Totenreich fährt, so hatten es die damaligen Fährgäste in der Tat mit einem älteren und sicher wirklich mürrischen Fergen (Fährmann) zu tun: Der immerhin schon 55-jährige Peter Hornig musste noch immer hart arbeiten, denn die Landwirtschaft in der versumpften Gemarkung allein konnte seine Familie nicht ernähren. Immerhin hatte er neben seiner Frau noch fünf erwachsene Söhne und einen Bub von elf Jahren unter seinem Dach.

Für die Rheinüberfahrt hatte der Ferge zumeist zwei Nachen, einen Weidnachen, der bis zu 30 Zentner tragen konnte, und einen Sprengnachen mit rund 200 Zentner Ladegewicht, je nach Bedarf. Wie dem auch sei: Die mutigen Ausflügler brachten, so ihre Beschreibung, eine Viertelstunde im „Kampf mit Sturm und Regen, unter erbaulichen und gar frommen Gesprächen, zu.”

Als sie endlich am Altriper Ufer ankamen, da waren sie in einem fremden Land, nämlich in Frankreich. Altrip war damals, wie die gesamte Pfalz, Bestandteil der „Unteilbaren Frankenrepublik”. Und so wurden sie sogleich von französischen „Douaniers” (Zöllnern) empfangen, die um Pässe baten, die aber die Reisenden nicht hatten. Mit viel Glück und Überzeugungskraft schafften sie es, ohne Laufzettel in den Ort zu kommen. Sie gaben ihr Ehrenwort, dass sie nicht versuchen würden, weiter ins französische Hinterland einzudringen, und erklärten, dass sie auch nur den Dorfgeistlichen besuchen wollten.

Sie trafen sich mit Pfarrer Friedrich Hüthwohl, der sich seit der Franzosenzeit mit Vornamen „Frederic” nennen musste, und stellten fest, dass es in Altrip einen „wahrhaft großen Damm” gab, dessen Unterhaltung „nur von einer quellenreichen Regierung, wie der französischen, bestritten werden konnte”. Leider konnten sie im Fischerdorf keine Fische kaufen, da die Gemeinde ihre Ausbeute nach Mainz liefern musste. Bei der Rückkehr zur Fähre zeigten ihnen die französischen Soldaten stolz ihre Behausungen.

Ins lehmhaltige Erdreich hatten sie sich zwei Zimmerchen mit Küche und Keller gebuddelt. Ein Kanapee und sogar Lehnstühle aus Lehm hatten sie sich geschaffen. Abgedeckt war die Unterkunft mit ausgestochenen Grassoden, also natürlichem Rasen. Die Überfahrt nach Neckarau schilderten die Besucher, bei nun wieder schönem Wetter, als „herrlich”, und der Rückweg durch die blühende Landschaft entschädigte sie für ihre Angst und den Regen.

Übrigens: Trotz des vielgepriesenen Damms gab es 1813, 1817, 1818 und 1819 sowie 1824 jeweils eine Totalüberschwemmung des Dorfes, und dem leidgeprüften Pfarrer Hüthwohl gelang es, sich nach Alsenborn versetzen zu lassen. Wer hätte ihm das verdenken wollen?

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 28. Juli 2012 | Von Wolfgang Schneider)