Von reichen „Hämmeln” und armen „Wasserhinkle”

Wie sich Altrip und seine Fusionspartner Waldsee und Otterstadt in der Vergangenheit entwickelt haben

Wenn sich Altrip, Waldsee und Otterstadt demnächst zu einer Verbandsgemeinde zusammenschließen, dann kommen drei Orte zusammen, die sich in der Vergangenheit sehr unterschiedlich entwickelt haben. Vor 200 Jahren hatte Altrip die mit weitem Abstand geringste Einwohnerzahl, holte aber mächtig auf und überholte vor 100 Jahren Waldsee und Otterstadt und später auch noch Neuhofen und Rheingönheim.

Die kleine Gemarkung von Altrip bot der einheimischen Bevölkerung nie eine landwirtschaftliche Ernährungsgrundlage. Angesichts der Lage ihres Ortes - auf einer Halbinsel und geraume Zeit gar von einem Deich wie eine Hallig-Insel - verdingten sich die Altriper zumeist als Fischer und trugen ihren Fang auf den Mannheimer Wochenmarkt.

Daran änderte sich auch nicht viel, als die Franzosen 1798 den Altripern das linksrheinische Seckenheimer Ried zuschlugen und auch nicht, als die Rheingemeinde Gemarkungsteile von Neuhofen erhielt. Erst mit der industriellen Entwicklung in den rechtsrheinischen Gemeinden Neckarau und Rheinau nach 1871 stieg die Bevölkerung sprunghaft an. Nun fuhren die Altriper zuhauf mit der Fähre in die dortigen Fabriken.

Aus dem ehemals armen Fischerdorf wurde eine Arbeitergemeinde mit relativem Wohlstand. Der vereinbarte Stundenlohn war eine sichere Einnahmequelle, mit der man rechnen und sich etwas leisten konnte. Die nahezu durchweg protestantische Bevölkerung wählte zunächst noch stramm nationalliberal, doch als Arbeiter geworden waren, zog es sie bald zu den Sozialisten.

Völlig anders verlief die Entwicklung in den Gemeinden Waldsee und Otterstadt, die 99 Meter über Normal-Null liegen und damit immerhin vier Meter höher als Altrip. Auf dem hochwasserfreien Hochgestade konnte sich die Landwirtschaft gut entwickeln. Neben dem Privatbesitz gab es auch die Allmende, die an Bürger von der Gemeinde vergeben wurden. Otterstadt konnte davon am meisten verteilen, nämlich über 117 Hektar, gefolgt von Waldsee mit 110 Hektar. Für die armen Altriper gab es nur 17 Hektar.

Wie auf einer Insel: Weil Altrip wenig Platz für Landwirtschaft bietet, blieb das Dorf lange arm und klein. Wohlstand brachte schließlich die Industrie auf der anderen Rheinseite. ARCHIVFOTO: LENZ Wie es um die Struktur der Orte bestellt war, lässt sich aus den Aufzeichnungen der Brandversicherungsanstalt des Rheinkreises ablesen. Sie wies 1828 für Altrip nur 37 Nebengebäude wie Scheunen und Stallungen aus, während es in Otterstadt 87 und in Waldsee 110 waren. Die Bedeutung von Waldsee als reiche Bauerngemeinde ist auch daraus ersichtlich, dass es weniger Haupt- als Nebengebäude gab. Sonderkulturen, wie etwa Tabak, machten den Ort besonders reich.

Bei der Viehzählung im Jahr 1900 hatte Waldsee 564 Rinder, Otterstadt 549 aber Altrip nur 159. Dafür lag Altrip bei den Ziegen, der „Kuh des kleinen Mannes”, mit 359 vor Waldsee mit 243 und Otterstadt mit 197 Stück weit an der Spitze. Von der Fläche her ist Altrip mit 1048 Hektar die kleinste Gemeinde im Dreierbund geblieben. Der Ort weist aktuell eine Bevölkerungsdichte von rund 730 Einwohner je Quadratkilometer auf. In Waldsee kommen auf einen Quadratkilometer 413 Einwohner, in Otterstadt liegt die Bevölkerungsdichte bei lediglich 213 Einwohnern pro Quadratkilometer.

Ihren Uz- oder Übername „Stickelspitzer” haben sich die Otterstadter verdient als sie einem Betrüger auf den Leim gingen. Der hatte ihnen einen Bahnanschluss nebst Bahnhof versprochen und dafür Vorauszahlungen verlangt. Die Otterstadter steckten die Bahnlinie entsprechend mit spitzen Stickeln gleich ab, ehe sie merkten, dass sie hereingelegt wurden.

Und in Waldsee, das mehrere Hundert Schafe besaß, ließ man einen Schäfer die Tiere über brüchiges Eis treiben, was nicht gutgehen konnte. Viele Schafe brachen ein und ertranken. Die Gemeindenachbarn nannten fortan die Waldseer „Hämmel”, weil sie dies sehenden Auges zugelassen hatten. Die armen Altriper hingegen, die bei Hochwassergefahr stets mit Sack und Pack und Federvieh nach Neuhofen und Neckarau zogen, wurden stets mit „Da kommen ja die Wasserhinkle” begrüßt.

Ob es an der Cleverness der Bewohner von Waldsee und Otterstadt liegt, oder einfach am Landreichtum mit guter Bonität, dass diese Gemeinden seit Jahren schuldenfrei sind und dazu noch ein schönes Sümmchen auf der hohen Kante haben, während Altrip seit vielen Jahren Schulden in Millionenhöhe hat, sei dahingestellt. (wlf)

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 7. August 2012)