Mit Frack, Zylinder und Rosetten am Revers

Heute vor 100 Jahren wurde in Altrip mit viel Tamtam das Reginodenkmal eingeweiht - Zum Andenken an den Abt und Geschichtsschreiber

Reges Leben herrschte heute vor 100 Jahren in Altrip. Viele „Überrheiner" waren mit der Fähre aus Baden gekommen, um Zeuge eines historischen Ereignisses zu werden: der Einweihung eines Denkmals zu Ehren Reginos - des Verfassers der ältesten deutschen Weltgeschichte, ein Abt, der um 840 in Altrip zur Welt gekommen sein soll.

Den 19. November 1911 kann man sich so vorstellen: Die sauber gefegten Ortsstraßen präsentieren sich in reichlichem Flaggenschmuck, und noch nie sah man so viele Menschen in Frack und Zylinder. Ein Umzug mit Kapellen und Abordnungen vieler auswärtiger und örtlicher Vereine bewegt sich durch die Straßen, und in der Nähe des Denkmals vor der protestantischen Kirche drängen sich Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Auf einer eigens errichteten Bühne stehen die 14 Mitglieder des „Regino-Gedenktafel-Komitees" mit großen Rosetten am Revers.

Das sechs Meter hohe Denkmal aus Pfalzburger Sandstein ist im romanischen Stil gehalten. / Foto: Lenz Das sechs Meter hohe Denkmal aus Pfalzburger Sandstein ist im romanischen Stil gehalten. / Foto: Lenz Nach dem Musikvortrag „Die Himmel rühmen" und der Begrüßung durch den Komitee-Vorsitzenden Ignatz Baumann gibt der königliche Bezirksamtsassessor Pöverlein nach einer schwungvollen Rede das Zeichen zum Fallen der Hülle - unter dem Geläute der Kirchenglocken und dem Krachen der Böller.

Nachdem Bürgermeister Michael Baumann das Denkmal in die Obhut der Gemeinde genommen hat, hält der Schwetzinger Privatier Hermann Provo seine Rede. Der Nestor der Altriper Heimatforscher hatte bereits 1901 die Idee, mit einer Gedenktafel den großen Sohn der Rheingemeinde dem Vergessensein zu entreißen. Provo war durch Zufall auf das 1857 erschienene Werk von Ernst Dümmler, „Die Chronik des Abtes Regino von Prüm", gestoßen, in dem Altrip als Geburtsort Reginos erwähnt ist. In Altrip gab es bis dahin keinerlei Erinnerung an den Geschichtschreiber.

Aber erst am 27. Oktober 1910, also neun Jahre nach dem ersten Vorstoß Provos, tagte erstmals ein Komitee, um die Idee zu verwirklichen. Über Gedenktafel oder einen Findling wurden nachgedacht. Der protestantische Pfarrer wollte gar ein Reginohaus, in dem ein Kindergarten und Schwesternzimmer eingerichtet werden sollten. Letztlich entschied man sich aber für das Denkmal in der heutigen Form, das der Bildhauer Friedrich Kurz aus Mannheim schuf.

Das sechs Meter hohe Denkmal aus Pfalzburger Sandstein ist im romanischen Stil gehalten und passt somit zum Kirchturm. Der Kunstrichtung der Zeiten Reginos entsprechend zeichnet es sich durch festes Maß und ruhige Erhabenheit aus. Den eigentlichen Gedenkstein bildet der mittlere Teil mit vier romanischen Fenster- oder Portalöffnungen nachgebildeten Nischen zur Aufnahme der Inschriften. Gekrönt ist der Inschriftstein von einem wuchtigen Aufbau, dessen Bedachung mächtige, an Mauerwerk angelehnte Säulen tragen. Die beiden Stufen unten und die gegliederten Untersätze der Aufbauten bringen entsprechende Abwechslung in das Ganze. Der kreisrunde, profilierte Unterbau ist aus Granit hergestellt.

Die Finanzierung des Projekts bereitete keinerlei Probleme. Sowohl der bayerische König als auch der Großherzog von Baden, Kommerzienräte, etliche Firmen, Brauereien und Gaststätten der Umgebung zeigten sich ebenso spendenfreudig wie die Komiteemitglieder. Ja, es reichte gar noch für zwei Rotbuchenhochstämme beidseits des Denkmals und ein Scherflein für den Verschönerungsverein Altrip.

Dafür gab es andere Probleme. Als man sich nämlich endlich auf einen Vorschlag des Bildhauers geeinigt hatte, stellte sich das Bezirksamt beziehungsweise die Regierung der Pfalz quer, weil der obere Teil nicht genehm war. Der Bildhauer musste nun gar drei weitere Entwürfe vorlegen.

Dem Bildhauer Kurz waren deshalb nicht einmal vier Monate für das in Mannheim vorgefertigte Denkmal geblieben. Schlimmer jedoch war, dass der Komiteevorsitzende Ignatz Baumann und der Zweite Vorsitzende Hermann Provo plötzlich darüber stritten, wer denn nun als erstes die Idee hatte, ein Denkmal aufstellen zu lassen. Und mehr noch: Die Katholiken des Dorfes beklagten sich, dass aus der Denkmalinschrift nicht erkennbar war, dass Regino ein Mönch und Benediktiner-Abt und somit ein Katholik war.

„Für die wenigen Katholiken in Altrip wäre das etwas, das ihnen in ihrem Diasporaleid, trotz aller Wehmut, manchmal auch Genugtuung antun könnte", schrieb noch 1930 der für Altrip zuständige Kaplan Ludwig Flörchinger. Er behauptete sogar, dass die Altriper mit dem Denkmal nicht den Nachweis erbracht hätten, dass Regino tatsächlich ihr „großer Landsmann" ist.

Fest aber steht, dass es für die Nachwelt ein Glücksfall war, dass Regino nach nur sechs Jahre als Abt in Prüm wegen seiner Gegnerschaft zu „König Karl dem Einfältigen" 899 abdanken musste. Denn als Abt von Sankt Martin in Trier hatte Regino anschließend Zugang zur umfangreichen Trierer Bibliothek und schrieb 902 ein Werk über den Kirchengesang, 906 ein zweiteiliges Werk über die kirchliche Disziplin der Kleriker und Laien und vollendete 908 sein zweibändiges Chronikon, der berühmt gewordenen Weltgeschichte.

Wenn wir heutzutage in „Jahren nach Christi Geburt" rechnen, dann haben wir dies Regino zu verdanken, denn er hat für seine Geschichtsschreibung dieses System verwendet. Und daher schreiben wir heuer das Jahr 2011 - 100 Jahre nach Einweihung des Reginodenkmals.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 19.11.2011 / Wolfgang Schneider)