Riesenschwindel kommt ans Licht

Altriper Ausstellung über historischen Betrug / Pfälzer Maurer verkaufte im 19. Jahrhundert über 40 Jahre lang gefälschte Altertumsgegenstände

Die Karriere des "Antikenhändlers" Johann Michael Kaufmann endet abrupt: Am 4. Juli 1860 steht der damals 68-Jährige auf einem Kleeacker bei Rheinzabern und gräbt vor Zuschauern nach Artefakten aus römischer Zeit. Dann kommen zwei Tonreliefs zum Vorschein und Kaufmann zeigt sie den Umstehenden. Darunter sind aber Fachleute - und die sehen sofort, dass es eine Fälschung ist, die Kaufmann zuvor eigenhändig verbuddelt hatte. Wenige Tage später ist ein unglaublicher Schwindel aufgedeckt: Über 40 Jahre lang hatte der vermeintliche "Archäologe" einen florierenden Handel mit gefälschten Altertümern betrieben, Experten genarrt und Museen an der Nase herumgeführt.

Die Hintergründe dieses historisch herausragenden Falles können Besucher an den beiden kommenden Wochenenden bei einer Ausstellung im Altriper Bürgerhaus erfahren. Zu sehen sind zahlreiche der Kaufmann'schen Fälschungen aus dem Bestand des Historischen Museum der Pfalz in Speyer. Deren Vorgängerorganisation - der "Historische Verein" - gehörte nämlich zu den zuverlässigsten Abnehmern Kaufmanns. Aber auch Sammlungen in Karlsruhe, Aalen, München und sogar Paris und London kauften die Stücke aus Rheinzabern - Öllampen, Altäre, Urnen oder Statuen.

Massenhafte Produktion

"Kaufmann hat glaubhaft machen können, dass es für diese Stücke damals am Ort eine regelrechte Massenproduktion gegeben habe", erklärt der Historiker David Hissnauer, der die Ausstellung konzipiert hat. Deshalb habe der gelernte Maurer zwischen 1819 und 1860 mehrere Hundert seiner Fälschungen an den Mann bringen können. Tatsächlich, erklärt Hissnauer, wurde zu römischer Zeit in Rheinzabern (heute Kreis Germersheim) massenhaft produziert - "aber eben Feinkeramik, Teller oder Bestecke; nicht die Stücke, die Kaufmann verkauft hat."

Zwei Dinge ermöglichten Kaufmann sein Geschäft: Die Altertumswissenschaften steckten noch in den Kinderschuhen und es gab keine chemische Materialanalyse. Echtheitsprüfungen waren nur über Vergleiche mit bekannten Originalen möglich - und die bestand Kaufmann, weil er sich an tatsächlichen römischen Fundstücken orientierte. Der Maurer hatte nämlich um 1818 bei Bauarbeiten Überbleibsel der römischen Besiedlung in der Rheinzaberner Erde entdeckt. Auch in den Folgejahren fand er mehrfach Originale. Was er darauf sah - Inschriften, oder Abbildungen von Göttern und Fabelwesen - kopierte er immer wieder und benutzte es für seine Werke. "So entstand ein richtiges Baukastensystem", sagt Hissnauer.

Über 40 Jahre lang betrieb Kaufmann sein einträgliches Geschäft - wie viele Stücke er an wen und für wie viel Geld verkaufte, ist heute nicht mehr herauszufinden. Auch ob er die Fälschungen wirklich selbst herstellte, ist unklar. Entlarvt wurde der 68-Jährige, weil er wohl eines Tages in der Erde auch eine Abbildung von Kaiser Leopold I. fand - und diese ebenfalls als Kopiervorlage benutzte. Nur war Leopold ein Herrscher des 17. Jahrhunderts und Kaufmann setzte eine sehr kryptische Inschrift auf seine Fälschung.

Ein Professor der Bayrischen Akademie der Wissenschaften, der Kaufmann über Jahre unterstützt hatte, forderte Ende Juli 1860 frustriert, dass die Namen der Fälscher "an den literarischen Pranger geheftet werden, wohin sie gehören!" Kaufmann selbst starb 1861, ohne dass ihm der Prozess gemacht worden wäre. Nach seiner Enttarnung hat er nie wieder über seine Geschäfte gesprochen.

(morgenweb.de am 18.01.2013 / Timm Herre)