Altrip ist ein blauer Punkt

Der Altriper Franz Kraus ist Goldwäscher, Schatzsucher und Jäger – immer mit dem richtigen Gespür unterwegs. Das lässt ihn weder am Rhein noch im Wald im Stich. Aber auch seine Entdeckungsreisen im Internet sind erfolgreich: In den Weiten des World Wide Webs hat er eine 400 Jahre alte Karte gefunden, auf der sogar sein Heimatort eingezeichnet ist.

Franz Kraus ist zwar viel draußen unterwegs. Die Karte hat der Jagdpächter und Goldwäscher aber nicht im Wald gefunden, sondern im Internet entdeckt. Dass auf dem Kupferstich Altrip eingezeichnet ist, hat ihn besonders fasziniert. fotos: lenz (1)/privatFranz Kraus ist zwar viel draußen unterwegs. Die Karte hat der Jagdpächter und Goldwäscher aber nicht im Wald gefunden, sondern im Internet entdeckt. Dass auf dem Kupferstich Altrip eingezeichnet ist, hat ihn besonders fasziniert. fotos: lenz (1)/privat

Vielen Menschen sagt man nach, dass sie nach einem Urinstinkt Jäger und Sammler seien. Mit Sicherheit trifft dies auf den Altriper Franz Kraus (61) zu. Er ist nicht nur Mitpächter der Altriper Gemeindejagd und immer treffsicher auf der Sauhatz, er betätigt sich am Rhein auch erfolgreich als Goldwäscher. Seiner Tochter Christine (17) möchte er nämlich aus echtem Rheingold einmal die Eheringe schmieden lassen. In der Region bekannt wurde der Altriper „Krause-Franz" mit seinen „Pflegschaften" von Tierfindelkindern wie dem Wildschweinchen Silvester, dem Rehkitz Paul und dem Eberchen Werner. Alle drei wurden übrigens erfolgreich ausgewildert.Trotz aller Sammelleidenschaften – Kraus hat unter anderem die ältesten und seltensten Ansichtskarten der Rheingemeinde – gleicht seine Wohnung nicht etwa einem Museum. Nichts ist überladen. Und gerade deshalb „sticht" der Kupferstich „Florentis simus rheni palantinatus" besonders ins Auge. Er ist ein Original und bildet eine Landkarte ab, in der die Orte mit dicken Punkten in Gold, Silber, Rot, Grün und Blau markiert sind. Die seltsamerweise „gesüdete" Karte reicht von Mosbach bis Saarbrücken und von Bingen bis Rastatt. Und ganz deutlich ist Altrip in der heute üblichen und seit 1908 amtlich gültigen Schreibweise aufgeführt.

Entdeckt hat Franz Kraus die Karte nicht im Wald, nicht im Rhein, sondern im Internet. Und als er auf dem Kunstwerk seinen Heimatort las, wollte er es auch unbedingt haben. Er erwarb ein besonderes Stück. Die Karte ist 400 Jahre alt.

Gefertigt hat sie der Kupferstecher Matthias Quad zu einer Zeit, als das Fischerdörfchen Altrip gerade einmal 200 Seelen zählte. Die Karte war wohl die letzte Arbeit von Quad, der sich bei einem niederländischen Goldschmied die ersten Sporen verdiente und alsbald als Kartograf, historisch-geografischer Schriftsteller und nicht zuletzt als begnadeter Kupferstecher mit „Spezialität Landkarten" wirkte. Trotzdem war Matthias Quad wohl ein verstoßenes, verarmtes Mitglied eines Familienclans. In seinem unsteten Leben (1557 bis 1613) trieb er sich gar als Schiffsbursche in England und Norwegen herum. Quad nannte sich auch „von Kinckelbach" und schrieb zudem unter dem Decknamen Cyprianus Eichovius. Für den Kölner Drucker und Verleger Johann Bussemacher schuf er den ersten Weltatlas auf deutschem Boden.

Im Gegensatz zu den meisten Kupferstechern hat er nicht nur Karten nach Vorlagen, quasi als Auftragsarbeiten, gefertigt, sondern er hinterließ der Nachwelt auch das umfangreiche Werk „Teutsche Nation Herligkeit". Vor 400 Jahren starb Quad als Lateinlehrer in Eppingen. Der Antiquar, von dem Kraus die Landkarte erstanden hat, führte nach seinen Unterlagen als Entstehungsjahr 1612 an.

Auf der prachtvoll altkolorierten Karte befindet sich ein Porträtmedaillon von Friedrich IV., der den Beinamen „der Aufrichtige" trug. Und da Friedrich bereits 1610 in Heidelberg verstarb, hat sich wohl der Kupferstecher viel Zeit für sein Werk gelassen. Ob Quad, wie andere Zeitgenossen auch, jemals als „Freund und Kupferstecher" angesprochen wurde, ist unbekannt. Kupferstecher waren jedenfalls vor dem Aufkommen der Lithografie (Steindruck) gefragte Leute, standen aber auch im Verdacht, dass sie beim Übergang vom Münz- auf das Papiergeld etliche Scheine für sich „abkupferten".

Franz Kraus hat sich für die Karte interessiert, weil sie als eine Art Militärkarte die Vielzahl der Siedlungen vor dem Dreißigjährigen Krieg zeigt und sich in einem hervorragendem Zustand befindet. Mit ihren kräftigen Farben ist sie außerdem ein echter „Hingucker". Alle Besucher bleiben daran hängen und suchen im Namensdickicht stets „Altrip" – und finden es oft zu ihrer Überraschung tatsächlich.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 01.02.2013 / Wolfgang Schneider)