Steinzeit-Fund in der Jägerstube

Ein Altriper Hobbyhistoriker identifiziert Steinbrocken als Jahrtausende alte Getreidemühle – Einschätzung jetzt offiziell bestätigt

Anderswo wird mit viel Aufwand die Erde aufgewühlt, damit Wissenschaftler Spuren menschlichen Lebens aus der Steinzeit finden können. Im glücklichen Altrip hingegen genügt dem Forscher ein simpler Besuch bei einem Bekannten, um spektakuläre Entdeckungen aus grauer Vorzeit zu machen.

Seltenes Fundstück: Mahlstein aus der Jungsteinzeit mit dem vermeintlichen Reibestein. FOTO: PRIVATSeltenes Fundstück: Mahlstein aus der Jungsteinzeit mit dem vermeintlichen Reibestein. FOTO: PRIVATDer Waidmann Franz Kraus, insoweit typischer Vertreter der Existenzform als Jäger und Sammler, hat im seinem Jagdzimmer in Jahrzehnten allerlei Fundstücke zusammengetragen: römische Münzen, Mammutzähne – und einen Stein, der das Interesse des Hobby-Historiker und RHEINPFALZ-Autors Wolfgang Schneider weckte. Dessen Vermutung: Es könnte sich um einen jungsteinzeitlichen Mahlstein halten, als solcher benutzt irgendwann zwischen 5000 und 3000 vor Christus.

Mittlerweile hat der Verdacht die Weihen amtlicher Gewissheit erhalten: Andrea Zeeb-Lanz von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz hat die Datierung bestätigt. Dass Schneider mit seinem Tipp richtig lag, kommt nicht weiter überraschend. Mit seinem breit gefächerten lokalhistorischen Wissen nährt der 71-Jährige ohnehin bisweilen den Verdacht, die Altriper Ortsgeschichte seit der Jungsteinzeit persönlich miterlebt zu haben.

Und so kann er den Fund auch gleich selbst einordnen. „Derartige Mahlsteine stellten ein lebenswichtiges Utensil in jedem neolithischen Haushalt dar“, sagt er. „Mahlsteine sind typische Gerätschaften der Jungsteinzeit, die uns zeigen, dass Menschen sesshaft wurden und ein bäuerliches Leben führten.“ Will sagen: Ausgerechnet das Fundstück des Jägers und Sammlers zeigt, wie sich Menschen von ebendieser Lebensform verabschiedeten.

Jäger und Sammler: der Altriper Franz Kraus. FOTO: LENZJäger und Sammler: der Altriper Franz Kraus. FOTO: LENZSchneider weiß auch, dass die Lebensdauer solch eines jungsteinzeitlichen Küchengeräts deutlich höher anzusetzen war als die heutiger Kaffeevollautomaten: Unter Umständen überstanden Mahlsteine die gesamte Lebenszeit einer Jungsteinzeitdame, die allerdings deutlich niedriger anzusetzen war als die einer heutigen Hausfrau. Sie wurde im Durchschnitt nur 32 Jahre alt.

Damit sie Getreidearten wie Emmer, Einkorn und eventuell auch schon Dinkel auf dem 25 Kilogramm schweren Trumm zermahlen konnte, brauchte die jungsteinzeitliche Altriperin allerdings noch einen Reibe- oder Läuferstein. Etwas vermeintlich Passendes hatte Franz Kraus ebenfalls in seiner Stube: einen runden, neun Kilogramm schweren Stein aus gleichem Material.

Eingesammelt hatte der mittlerweile 60-Jährige beide Brocken auch an gleicher Stelle, an der Altriper Binslach. Und das schon 1979. Damals war er noch kein Jäger, aber Angler. Und als Sammler fielen ihm die Steine auf, die eigentlich zu Kies zerschreddert werden sollten. Heimlich nahm er sie an sich, nun allerdings ist er sie wieder los: Er hat sie freiwillig den Archäologen überlassen.

Einstweilen hätte er beide Fundstücke auch behalten dürfen. Denn als ganz große archäologische Sensation geht der Mahlstein nicht durch. Immerhin: „Alle Tage finden wir so etwas dann doch nicht“, sagt Zeeb-Lanz. „Wenn wir irgendwann wieder mal eine Steinzeit-Ausstellung machen, dann bekommt er bestimmt einen würdigen Platz.“ Als Zimmerzierde im klassischen Sinn hingegen ging der Granitbrocken dann doch nicht durch, gesteht Kraus ein.

Obendrein war in seiner Jagdstube zusammengekommen, was nach Überzeugung der Archäologin Zeeb-Lanz auch nicht so ganz zusammengehörte. Der runde Brocken stammt wohl aus der gleichen Zeit und damit von den gleichen Menschen wie der Mahlstein. Aber er war kein Reibestein, sondern ist noch gar nicht bearbeitet worden. Vielleicht sollte aus ihm ein Beil herausgemeißelt werden, vermutet die Expertin.

Dass damit schon damals Auseinandersetzungen um Erschließungsbeiträge ausgetragen werden sollten, erscheint aus historischer Perspektive ausgeschlossen. Die waren nämlich noch gar nicht erfunden. Vielleicht war Altrip einst sogar noch ein wenig glücklicher als heute.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 05.03.2013 / Christoph Hämmelmann)