Brücke von Afrika nach Altrip

Enkel des Altriper Schriftstellers Wilhelm Michael Schneider will von Nigeria aus Werk des Großvaters retten

Der einzige Enkel des Altriper Schriftstellers und Ehrenbürgers Wilhelm Michael Schneider (1891-1975) brütet oft über große Brückenbauprojekte. Aber nicht über eine Südbrücke bei Altrip oder über eine Ersatzlösung der maroden Hochstraße in Ludwigshafen. Diplom-Ingenieur Joern Seitz arbeitet für ein großes deutsches Bauunternehmen in Nigerias Hauptstadt Abuja. Obwohl er so weit weg ist, hat er beschlossen, die schriftstellerischen Arbeiten seines Großvaters vor dem Vergessen zu bewahren.

Wilhelm Michael Schneider hat mit dem autobiografischen Roman „Infantrist Perhobstler" die Gräuel des Ersten Weltkriegs beschrieben, 1929 damit debütiert und wohl über 30.000 Exemplare absetzen können. Schneider, der seine Kindheit und Jugend in Altrip verlebte, schrieb unter den Decknamen „Perhobstler" und „Wilhelm Michael".

Neben seinem dann 1936 verbotenen „Infantrist Perhobstler" erschienen aus seiner Feder weitere Werke, die sich mit dem „großen Völkerringen" befassten, so etwa „Franzosen am Rhein" oder das Bühnenstück „Die Hohenzollernschanze". Er durchlitt, wie seine Romanfigur Perhobstler, den gesamten Ersten Weltkrieg, wurde fünfmal verwundet und war zuletzt Kompanieführer.

Sein ganzes Leben prägten die Kriegs- und Nachkriegsereignisse. Bei der IG Farben in Frankfurt war er in leitender Stellung und hieß in Altrip deshalb auch „der Aniliner". Neben seinen Büchern erschienen in Sammelbänden, Zeitungen und sogar in einem Hamburger Schulbuch und im „Herzhaften Hauskalender" in Wien etliche Kurzgeschichten und Novellen. Für die einstige RHEINPFALZ-Beilage „Pälzer Feierowend" war er zudem ständiger Mitarbeiter.

1965 erhielt der den ersten Preis der RHEINPFALZ für den Roman „Anna", der in Fortsetzungen abgedruckt wurde und 1966 als „Schlingstrom" im Buchhandel erschien. Der Roman handelt von den Geschehnissen eines einzigen Tages und spielt hauptsächlich auf der Kollerinsel bei Otterstadt. 1966 erhielt Schneider den Literaturpreis von Rheinland-Pfalz und die Ehrengabe des Bezirksverbandes Pfalz.

Anlässlich seines 80. Geburtstags 1971, überreichte ihm Altrips Bürgermeister Michael Marx in Frankfurt die Ehrenbürgerurkunde. Auch deshalb, weil Schneider 1943 die Romantrilogie „Flut um Hohenufen" auflegte und damit Altrip ein literarisches Denkmal setzte. Mit „Hohenufen" und „Amrhein" umschrieb er das alte Alta Ripa der Römer, das heutige Altrip.

Joern Seitz arbeitet als Brückenbauspezialist im westafrikanischen Nigeria. Eine Brücke will er von dort auch in die Pfalz schlagen, indem er sich um den schriftstellerischen Nachlass seine Großvaters (links) kümmert. Fotos:privatJoern Seitz arbeitet als Brückenbauspezialist im westafrikanischen Nigeria. Eine Brücke will er von dort auch in die Pfalz schlagen, indem er sich um den schriftstellerischen Nachlass seine Großvaters (links) kümmert. Fotos:privatAm Übergang des muslimischen zum christlichen Teil Nigerias, am Rande der Savanne, sitzt heute der Enkel Schneiders, Joern Seitz. Er entwickelt nicht nur Brückenpläne sondern auch Ideen, wie man das Werk seines Großvaters vor dem Vergessen bewahren kann. Der 63-Jährige plant beispielsweise einen Sammelband von ausgewählten Perhobstler-Kurzgeschichten herauszubringen, etwa mit „Die Wacht am Rehbach Anno Vierzehn" oder „Der Kuckuck und sein Adler", bei dem das Altriper Kriegerdenkmal im Mittelpunkt steht.

Doch soll sich der Band nicht nur um kriegerische Ereignisse ranken, sondern auch andere menschliche und oft allzu menschliche Alltagsbegebenheiten zum Inhalt haben. Zu Leben und Werk wird er den Historiker Dr. Dieter Storz vom Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt zu Wort kommen lassen. Storz hatte im Jahr 2000 Perhobstler gar für die Wissenschaft entdeckt und einen umfangreichen Beitrag über „Infantrist Perhobstler, ein vergessener Frontroman der Weimarer Republik" geschrieben. Es besteht sogar durchaus die Möglichkeit, dass der Antikriegs-Roman 2014, im Gedenken an den Kriegsausbruch vor 100 Jahren, erneut aufgelegt wird. Sogar eine Übersetzung ins Französische ist laut Seitz denkbar.

Obwohl sich Verhandlungen von Abuja aus oft schwierig gestalten, ist Seitz hinsichtlich seiner Vorhaben sehr zuversichtlich. Und hofft natürlich auch auf ein Interesse in Perhobstlers Heimatgemeinde und von Büchereien.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 01.10.2013 / Wolfgang Schneider)