Hochwasserschutz auf Französisch

Während der Besetzungszeit zwischen 1794 und 1813 haben die Franzosen versucht, Altrip trocken zu legen

Die „Franzosenzeit", die in Altrip mit der Besetzung durch französische Revolutionstruppen 1794 begann und mit dem Abzug des letzten französischen Soldaten am 7. Dezember 1813 endete, brachte dem Dorf nicht nur Drangsal und Not. Nein, die Franzosen kümmerten sich auch schon um den Hochwasserschutz der Gemeinde. Das war vor 200 Jahren.

Nachdem die Pfalz der „Untheilbaren Frankenrepublik" zugeordnet worden war, kassierten die Franzosen auch noch die linksrheinisch gelegene Insel „Das Hintere Seckenheimer Ried" von der rechtsrheinischen Gemeinde Seckenheim und schlugen sie 1797 Altrip zu. Nahezu schlagartig verdoppelte sich dadurch die Gemarkungsfläche. Und die Altriper konnten in der Folgezeit für „billiges Geld" die dortigen Grundstücke über einen Straßburger Makler erwerben. Auch, dass es in Mutterstadt einen Friedensrichter gab, bei dem man fortan sein Recht suchen konnte, erkannten die Altriper als Fortschritt an. Und das waren noch nicht alle Vorteile, die die Franzosen bescherten: Die Besatzer bemühten sich auch um einen besseren Hochwasserschutz für den Ort.

Gut, ein paar Dinge gefielen den Altripern dann auch wieder nicht. Dass sich ein Peter nun als Pierre oder ein Friedrich als Frédéric bezeichnen musste, dass wurmte sie gar sehr. Nicht zu vergessen die hohen Kontributionen (Kriegsgelder), die später durch Grund- und Personalsteuer sowie kurze Zeit auch durch eine Fenstersteuer abgelöst wurden. Und mehr noch: Die uralte Fischerzunft wurde zerschlagen und die Institution des Rheingrafen im Ort aufgehoben, der beim jährlichen Fischergericht in Mannheim die Belange der Altriper Fischer vertrat. Auch die „Aushebungen" von Soldatennachwuchs für die „Grande Armée" Napoleons missfiel den Dörflern.

Doch zurück zu den positiven Errungenschaften: Eine Behörde mit der langen Bezeichnung „Ponts et Chausées – Navigation du Rhin – Département du Mont-Tonnerre" mit Sitz in Mainz plante 1809 eine nachhaltige Verbesserung des Hochwasserschutzes für Altrip. Neben einem höheren Deich wurde auch an ein Schutzwerk gegen Eisgang gedacht, und 1813 waren hierzu die Arbeiten in vollem Gange. Gearbeitet wurde an einem Dorn, das ist ein vorspringendes Wehr, dem Bau von Buhnen, das sind Steinschüttungen quer zum Strom sowie an der fehlenden Uferbefestigung.

Eigentlich verwunderlich, denn zu jenem Zeitpunkt hatte Napoleon bereits an der Beresina in Russland eine vernichtende Niederlage einstecken müssen. Weitere Männer wurden nun im großen Stil rekrutiert und nicht mehr wie einst angeworben. Im Gemeindearchiv von Mutterstadt befindet sich eine Liste, auf der Altriper Namen stehen.

Männer wurden auch für den Bau des Hochwasser-Schutzwerks gebraucht. Üblich war, dass diese die Arbeitsgeräte selbst stellen mussten. Überliefert ist ein Vorgang im Sommer des Jahres 1813. Neun namentlich genannte Familienväter, die alle in Mannheim im Quadrat H5, 10 wohnten, arbeiteten am Schutzwerk mit. Die französischen Zöllner ließen sie an der Fähre Altrip-Neckarau auch anstandslos passieren. Doch schon nach wenigen Arbeitstagen mussten sie wegen eines Sommerhochwassers die Arbeit einstellen.

Die Franzosen haben es versucht, aber auch 200 Jahre später lässt sich der Rhein bei Altrip nur schwer bändigen. Hier: Hochwasser 1999. ARCHIVFOTO: LENZDie Franzosen haben es versucht, aber auch 200 Jahre später lässt sich der Rhein bei Altrip nur schwer bändigen. Hier: Hochwasser 1999. ARCHIVFOTO: LENZAls sie mit der Fähre, einem Dreybord, fast schon am badischen Ufer angelangt waren, passierte es: Ein großer Floßbalken brachte das Boot zum kentern. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, dem Tod zu entrinnen. Doch nun waren sie ihrer Arbeitsmittel, den Schubkarren, Schippen, Spaten, Pickeln und Rott-Haken beraubt. Sie hatten ihren Lohn und ihr Werkzeug verloren und in der Folge auch keine Arbeit mehr. In ihrer Not schilderten sie im „Badische Magazin" ihr Leid und baten die ehrlichen Finder der Werkzeuge sich zu melden. „Reicher Gotteslohn" sei aber alles, was die barmherzigen Finder erhalten könnten, fügten sie hinzu.

Niemand meldete sich. Das „Badische Magazin" hatte nicht nur eine sehr geringe Auflage, sondern wurde von Mannheim rheinabwärts überhaupt nicht verbreitet. Der Vorfall diente den Altripern aber zur Mahnung: Baumstämme zwischen Deich und Strom durften nicht gelagert werden, da sie bei einem Hochwasser weggerissen werden und wie Rammböcke wirken konnten.

Die Arbeiten am Schutzwerk von Altrip wurden aber bald ohnehin eingestellt. Napoleon rüstete nämlich gegen Österreich, Preußen, Schweden, Russland und verlor in der „Völkerschlacht bei Leipzig" im Oktober 1813 die Herrschaft in Mitteleuropa.

Anzumerken ist, dass nach der Befreiung das Los der Bewohner nicht geringer wurde. So mussten die rund 250 Altriper für die russische reitende Artillerie, die in Waldsee lag, Futter für 200 Pferde liefern. Der Weg von Waldsee nach Altrip war den Russen übrigens zu tiefgrundig ...

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 09.10.2013 / Wolfgang Schneider)

Anmerkung des Webmasters: Das obige Foto zeigt nicht die Gemeinde Altrip.