Zwei römische Kaiser weilten zeitgleich in alta ripa

Zwei römische Kaiser weilten zeitgleich in alta ripa

Nachdem Valentinian I. seinen Sohn Gratian als Mitregent eingesetzt hatte und für ihn als Lehrer einen der damals bedeutendsten Redner, Literat und Rhetorikprofessor, nämlich Ausonius, bestellt hatte, traten Vater und Sohn bei allen wichtigen Anlässen gemeinsam auf. So etwa auch bei Valentinians Strafaktion des Jahres 368 gegen die Alemannen an den Quellen der Donau. Natürlich hielt sich Gratian ob seines zarten Alters nicht in der vordersten Linie auf - aber er war stets dabei. Valentinian schenkte bei dieser Gelegenheit Ausonius das als Sklavin gefangene Germanenmädchen Bissula, der sie frei ließ und heiratete. Die Reisebeschreibung „Mosella“ des Ausonius wurde übrigens weltberühmt. Und auch sein Liebesgedicht von 368 an Bissula ging in die Weltliteratur ein.

369 ließ Valentinian aus Sorge vor einer Unterspülung seines Kastells alta ripa mit hohem technischem und personellem Einsatz die Neckarfluten kurzerhand umleiten. Zur Sicherung seines linksrheinischen Bollwerks ließ er rechtsrheinisch einen Burgus anlegen, was die dortigen germanischen Stämme ihm auch erlaubten.

Standbild des Valentinian in Barletta (Apulien, Italien) - Foto: privatStandbild des Valentinian in Barletta (Apulien, Italien) - Foto: privatTrotz seiner Kämpfe gegen die germanischen Stämme, die ihm den Beinamen „Alemannicus“ einbrachte, hat er in verstärktem Umfang nichtrömische Soldaten angeworben. So erfreute sich insbesondere die Oberschicht der Franken und Alemannen besonderer Vergünstigungen in den Söldnerverbänden. Der Kern des Feldheeres bestand meist aus germanischen Fußtruppen, ebenso die berittene Garde-Einheiten.

Wie tolerant Valentinian war, zeigt sich an der Tatsache, dass er Ausonius, der ein nicht christlicher Senator war, als Lehrer für Gratian akzeptierte. Ebenso war ihm der heidnische Historiker Amminian, ein gebürtiger Grieche, sowie Symmachus, einer der berühmtesten Redner der Spätantike genehm. Symmachus ließ er gar in seinem Namen Vorträge vor den überwiegend heidnischen Senatoren in Rom halten. Eine schwülstige Lobrede des Symmachus auf Valentinian über den Waffenplatz alta ripa, gehalten am 1. Januar 370, ist der Nachwelt erhalten geblieben. Es wäre sicher verwunderlich, wenn ausgerechnet bei einem wichtigen Vorhaben in alta ripa Gratian nicht dabei gewesen sein sollte. Mithin kann unterstellt werden, dass die beiden Augusti zeitgleich in alta ripa weilten.

Obwohl Valentinian die Rhein- und Donaugrenze nachhaltig sicherte und nach der Befriedung der aufständigen Stämme in Britannien dort zu seiner Ehre die fünfte römische Provinz „Valentia“ benannt wurde, aus der sich der heutige Name „Wales“ ableitet, gibt es wohl nur ein einziges Valentinian-Denkmal. In Barletta in Apulien soll die über fünf Meter hohe Panzerstatue „Il Colosso“ sein Standbild sein.

Das Bronzedenkmal, das einst in Konstantinopel stand, kam im 13. Jahrhundert nach Barletta. Es könnte aber auch Valentinian II. oder den III., eventuell auch Marcian zeigen. Sicher ist lediglich, dass jede Menge Münzen mit seinem Konterfei erhalten geblieben sind. Valentinian war zwar gelegentlich jähzornig und konnte auch regelrecht grausam sein, wenn man ihm widersprach, doch letztlich war er ein Neuerer und Beschützer seines Reiches. Und so bezog sich gar noch 1777 der damals so angesehene und einflussreiche protestantische Kirchenvertreter Wilhelm Abraham Teller in einer Ausarbeitung, die auch ins Französische übersetzt wurde, auf die von dem Katholiken Valentinian gewährte Religionsfreiheit und empfahl diese Lektüre den Landesherren zur Nachahmung.

(Wolfgang Schneider, Februar 2014)