Der Karpfen und das Wunder von Bern

Keine leeren Fischerfest-Bänke mehr dank Public Viewing: Das Viertelfinale Frankreich-Deutschland ist gestern im Altriper Waldpark übertragen worden. Vor 60 Jahren war das anders. Da haben sich die Menschen um die wenigen Fernseher im Dorf geschart, der Festplatz lag verwaist. Dann aber durchbrach Jubel die Stille und ein Karpfen fuhr nach Kaiserslautern. 

Bekanntlich liegen Freud und Leid oft eng beieinander. Und so war es auch am Altriper Fischerfest-Sonntag, am 4. Juli vor 60 Jahren. Der Sportangler-Verein als Ausrichter der Feierlichkeiten haderte mit des Schicksals Mächten. Schon tags zuvor, am Samstag, gab es einen feuchten, aber nicht fröhlichen, Auftakt. Als die Fischerkönigin das Fest offiziell eröffnete, regnete es in Strömen. Mehr noch: Der Rhein war durch ein Hochwasser so stark angestiegen und eingetrübt, dass es nur sehr magere Fänge beim Wettfischen am Rhein gab. Gerade mal 320 Gramm wog der Aal, für den es den ersten Preis gab. Und sogar ein 50-Gramm-Fischlein wurde noch mit einem Preis bedacht.

Am Sonntag waren zeitweise mehr Helfer hinter den Ständen, als Gäste davor. Neben dem Wetter war dieser Umstand dem Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft im Wankdorf-Stadion in Bern geschuldet. Die fußballbegeisterten Altriper saßen in allen Lokalen, die über einen Fernsehapparat verfügten, drückten sich am Schaufenster eines Elektrogeschäfts, hinter dem ein Bildschirm lief, die Nase platt oder bevölkerten die Wohnzimmer der wenigen privaten Fernsehbesitzer. Und wem dies nicht vergönnt war, der lauschte dem Hörfunk. Die Straßen waren verödet, so wie größtenteils auch der Waldpark-Festplatz. Überall leere Bänke.

Doch als gegen 18.45 Uhr die unglaubliche Nachricht über die Lautsprecher lief, dass Deutschland Fußball-Weltmeister ist und somit den anfänglichen Vorsprung von 0:2 der favorisierten Ungarn in ein 3:2 umwandeln konnte, kam unbeschreiblicher Jubel im Dorf auf. Wildfremde Menschen lagen sich für einen Moment in den Armen. Und gar Freudentränen flossen.

Bürgermeister Philipp Hermann Hook, der vom Sportanglerverein für die Gemeinde einen prächtigen Karpfen erhalten hatte, unterließ die vorgesehene Versteigerung mit anschließender Verköstigung der über 80-jährigen Männer des Dorfs, wie es Tradition ist. Spontan entschied er, den Karpfen den „fünf Lautrern Fritz, Ottes, Koli, Liebrich und Eckel“ zur Stärkung zu schicken. Sofort erklärte sich auch ein Fußballfan zu einem Eiltransport nach Kaiserslautern bereit, damit den Weltmeistern Fritz Walter, Ottmar Walter, Werner Kohlmeyer, Werner Liebrich und Horst Eckel der Fisch rechtzeitig bei ihrer Ankunft übergeben werden konnte.

Das ansonsten trübe Fest, das seit längerer Zeit zu beträchtlichem Defizit führte, fand so doch noch einen harmonischen Abschluss. Trotzdem sinnierten die Sportangler anschließend über ein stärkeres Engagement der politischen Gemeinde nach. Und nach einem flachgefallenen Fest und einem drohenden weiteren Ausfall, entschloss sich die Gemeinde 1958, das Fest in ihre Regie zu übernehmen und damit die Tradition zu retten.

Doch zurück zu den fünf Weltmeistern. Ist der Fisch bei ihnen angekommen. Hat er geschmeckt? Tatsächlich hatten sich die Fußballer zeitnah für den überaus schmackhaften Leckerbissen beim Bürgermeister bedankt. Der von den Weltmeistern unterschriebene Dankesbrief ist jedoch zwischenzeitlich aus dem Rathaus verschwunden. Die Verlockung der Autogramme ...?

Die Karpfengeschichte hatte aber noch ein Nachspiel. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Als Altrip nämlich für das „Eurofestival der Fußballjugend“ im Mai 1968 für das Beiprogramm in seinem Stadion eine Prominenten-Elf suchte, erinnerte sich Fritz Walter an die schöne Geste mit dem Karpfen. Und so trat der Fußball-Regisseur und Dribbelkönig aus den großen Tagen des deutschen Fußballs mit der kompletten Weltmeister-Läuferreihe sowie mit Horst Eckel, Werner Liebrich, Karl „Charly“ Mai und Torhüter Toni Turek in der Elf von Sportreporter Sammy Drechsel an – der „FC Schmiere“. Zu der Promifußballmannschaft gehörten auch andere Sport- sowie Kabarett- und Schauspielergrößen. Der Schiedsrichter war übrigens nicht weniger bekannt: Kurt Tschenscher. Gegner war die „Presse-Elf Kurpfalz“, in der RHEINPFALZ-Verleger Dieter Schaub Journalisten und Redakteure aus dem badisch-pfälzischen Raum aufbot.

Eigentlich wird der ersteigerte Karpfen den Altriper Alten serviert. 1954 war das anders: Da ist der Fisch nach Kaiserslautern gefahren worden, um Weltmeister wie Fritz Walter (Bild links) oder Horst Eckel (jubelnd, Bild Mitte) zu stärken. Dabei hat das Endspiel für Tote Hose auf dem Fischerfest gesorgt. Anders als 2013 (Bild oben rechts) sind die Bänke leer geblieben.Fotos: DPA (2)/privat (1)/archiv Lenz (1)/Archiv Kunz (1)Eigentlich wird der ersteigerte Karpfen den Altriper Alten serviert. 1954 war das anders: Da ist der Fisch nach Kaiserslautern gefahren worden, um Weltmeister wie Fritz Walter (Bild links) oder Horst Eckel (jubelnd, Bild Mitte) zu stärken. Dabei hat das Endspiel für Tote Hose auf dem Fischerfest gesorgt. Anders als 2013 (Bild oben rechts) sind die Bänke leer geblieben.Fotos: DPA (2)/privat (1)/archiv Lenz (1)/Archiv Kunz (1)Rund 10.000 Besucher sind damals in das Altriper Stadion gekommen. Und den Anstoß zum Schlussspiel nahm der ganz und gar nicht so furchterregende Gert Fröbe vor. Die Altriper waren bei dem damaligen Großereignis vom 23. bis 26. Mai 1968 jedenfalls in einem regelrechten Europarausch. Neben den Mannschaften von Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt und SV Südwest Ludwigshafen traten auch die Mannschaften von Rapid Wien, von Arsenal London die Young Boys Bern an. Die Altriper erzählen sich, dass die „alten Weltmeister-Hasen“ sowie Sepp Herberger, der sich unter den Zuschauern befand, von der Veranstaltung in der kleinen Rheingemeinde und der Gastfreundschaft angetan waren.

Heuer wird es bestimmt keine leeren Fischerfest-Bänke geben wie 1954, denn erstens gibt es Public Viewing und zweitens findet das Halbfinal-Spiel der Deutschen in Brasilien just einen Tag nach dem Fest statt.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 05.07.2014 / Wolfgang Schneider)