Der Erste Weltkrieg im Osten

Die Festung Przemysl wurde auch von 8 Altripern erstürmt

In diesem Jahr wurde schon sehr viel über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und über dessen Hintergründe geschrieben. Von namhaften Wissenschaftlern wurde gar das bisherige Geschichtsbild von der Alleinschuld Deutschlands an diesem Krieg in Zweifel gezogen. Auch auf die Weltkriegsliteratur, angefangen von „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque bis zum „Infantrist Perhobstler“ des Altripers Wilhelm Michael Schneider, der den autobiografischen Roman unter dem Pseudonym Wilhelm Michael schrieb, wurde hingewiesen. Und der „alte Marschierer“ Perhobstler wurde, wie die meisten bach-pfälzischen Infanteristen, yerisim Westen, nämlich in Flandern oder an der Somme eingesetzt. Der Infanterist galt als „Proletarier des Krieges“ weil er die Hauptlast der Kämpfe zu bestreiten hatte. Vielfach wurde und wird an die „Blutpumpe“ Verdun erinnert. Und unlängst trafen sich auch der französische Staatspräsident Hollande und Bundespräsident Gauck auf dem Hartmannsweilerkopf in den Vogesen, um an den Irrsinn des Krieges zu erinnern.

Die erstürmte Festung Przemysl am San in GalizienDie erstürmte Festung Przemysl am San in GalizienVor 50 Jahren regte sich der Altriper Privatier Robert Schweikert bei einem sogenannten „Kamingespräch“ im Pfalz-Cafe Loebel (Pfälzer Hof) über die seiner Meinung nach unkorrekte Aufarbeitung der Weltkriegsgeschichte auf. Schweikert, der im Ort ein Kino mit 400 Sitzplätzen sowie neben anderen Mietobjekten den „Pfälzer Hof“ sein eigen nannte und deshalb auch als „Palzwerts-Robert“ bekannt war, polterte recht massiv gegen eine zu einseitige „Kriegsberichterstattung“, bei der die Geschehnisse im Osten viel zu kurz kamen. Er war mit weiteren sieben Altripern bei der Erstürmung der Festung Przemysl am San in Galizien mit dabei. Das Bollwerk hatte vor seiner Zerstörung immerhin 44 Forts und einen einen Befestigungsring von 45 Kilometern Länge. Immerzu werde aber nur an Verdun erinnert. Die Tatsache, dass die Russen bereits im zweiten Kriegsmonat Przemysl, die damals zweitgrößte Festung Europas im größten Belagerungsdrama des ganzen Krieges nach über halbjähriger Umklammerung einnahmen, werde kaum erwähnt. Dabei gingen weit über 100.000 ausgehungerte österrreichisch-ungarische Soldaten und weit über 2.000 Offiziere nebst einigen Generälen in russische Gefangenschaft, nachdem sie die Brücken am Sam, Kasematten und Forts gesprengt hatten. 125.000 Menschen bauten die Festung und wohl ebenso viele kamen im Ersten Weltkrieg dort auch ums Leben. Ob die „Unterschlagung von Przemysl“ in der Erinnerungskultur wohl an dem nahezu unaussprechlichen Namen lag?, mutmaßte Schweikert. Doch dann hätte man ja auch den deutschen Namen Prömsel nehmen können. Aber, so Schweikert, den kennt ja nun wirklich überhaupt keiner mehr. Eigentlich müsste, so der Kriegsveteran weiter, Przemysl doch fast jedes Kind kennen, nämlich durch den Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, dessen Possenstücke 1915 im zurückeroberten Przemysl spielen. Jedenfalls war für das verbündete Österreich-Ungarn der Verlust von Przemysl so schlimm wie Stalingrad im Zweiten Weltkrieg für die Deutschen.

Die gesprengte Sanbrücke in PrzemyslDie gesprengte Sanbrücke in PrzemyslWichtig, so Schweikert, war aber, dass der Stützpunkt lange Widerstand leistete, sonst wären die Russen sehr schnell bis ins schlesische Industriegebiet durchgestoßen. Trotzdem lag Przemysl schon bald komplett hinter den russischen Linien. Schweikert war überzeugt, dass das stark aufrüstende Russland ein paar Monate später von Deutschland überhaupt nicht mehr aufzuhalten gewesen wäre. Umso mehr, als sich Russland mit Frankreich verbündete, das nach Revanche für 1870/71 strebte. Dem Kriegsveteranen merkte man an, dass er verbittert war, dass in der allgemeinen Nachkriegsliteratur die Kämpfe im Osten zu kurz kamen. „Ehe wir Przemysl einnahmen, hatten wir acht Altriper erst einmal die Schlacht bei Gorlice-Tarnow zu bestehen, ich weiß es noch wie heute, denn am 1. Mai 1915 ging der mörderische Kampf los und schließlich starteten wir auch den Angriff auf Brest-Litowsk, das wir auch eroberten und in dem drei Jahre später der Brotfrieden mit der Ukraine und der Frieden mit Sowjetrussland unterzeichnet wurde. Deutschland kam endlich vom Zweifrontenkrieg weg. Doch heute will das ja keiner mehr wissen. Karl Baumann, der Altriper Ziegeleibesitzer erlitt im Osten einen Bauchschuss und eine Verletzung der rechten Hand. Und im Zweiten Weltkrieg holte man ihn, der inzwischen direkt gewählter Bürgermeister von Altrip war, trotzdem wieder für fünf Jahre an die Front. Doch Dank vom Vaterland  gab es weder für ihn noch für die anderen Kriegsveteranen. Stattdessen wurden wir vom Ausland als Hunnen, als Bestien, verunglimpft.“ Schweikert zog nochmals kräftig an seiner Zigarre und nebelte die Zuhörer am Kachelofen ein, vielleicht auch, damit die nicht sehen konnten, wie eine kleine Träne seine Backe hinunter kullerte. Dann verließ er wortlos das Lokal. Vielleicht versagte ihm auch die Stimme.

Das Gespräch wurde vor über 50 Jahren von dem Altriper Lokalhistoriker Wolfgang Schneider nach der Methode des Oral History aufgenommen. Anmerkung des Verfassers zu Przemysl; In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wechselte die Staatszugehörigkeit achtmal. Heute ist die ca. 65.000 Einwohner zählende polnische Stadt Grenzposten der EU gegenüber der Ukraine und Hauptarbeitgeber ist der Zoll, denn dort „blüht“ der Schmuggel.

(Quelle: www.speyer-kurier.de, 17.08.2014 / Text: Wolfgang Schneider; Foto: przemysl.pl)