Pfälzer Erste-Weltkriegs Romanautor von 1929 kommt im Gedenkjahr 2014 zu wissenschaftlichen Ehren

Kommentierte Neuauflage im Dezember erschienen

Schon oft führte ein Zufall zu einer neuen Erfindung oder Entdeckung. Und so war es auch ein Glückfall, dass beim Stöbern auf einem Flohmarkt einem Wissenschaftler der Roman „Infantrist Perhobstler - Mit Bayerischen Divisionen im Weltkrieg“ in die Hände fiel. Es war der Kurator am Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt, Dr. phil. Dieter Storz, der diesen Roman genauer unter die Lupe nahm, zumal einer seiner Forschungsschwerpunkte die Militärgeschichte von 1871 bis 1918 ist. Storz stellte fest, dass die handelnden Personen des Romans größtenteils real existierenden Menschen zugeordnet werden können.

Er verglich Kriegstagebücher mit den dort aufgeführten Gefechten und Schlachten mit den Örtlichkeiten des Romans und ebenso die Sterbelisten. Hinter dem Autor, der in Ich-Form schrieb, erkannte er die Autobiografie eines Mannes, der, wie seine tragende Romanfigur „Perhobstler“ fünfmal verwundet wurde. Hinter dem Pseudonym „Wilhelm Michael“ verbarg sich der„Leitende Angestellte“ bei den I.G. Farben in Frankfurt, Wilhelm Michael Schneider, ein gebürtiger Altriper.

Im ersten industrialisierten Krieg, so Storz, gab es nun auch erstmals den typischen Frontsoldaten. Und die zahlenmäßig stärkste Waffengattung stellte die Infanterie dar. Sie hatte die Hauptlast des Krieges zu tragen und erlitt auch die höchsten Verluste.

Aus Sicht des Marschierers, des Infanteristen, des „Proletariers des Krieges“, erzählt Perhobstler im Roman schonungslos vom Leiden, der unsäglichen Angst und dem Sterben der Männer. Mit dem „Infantrist Perhobstler“ bekam Bayern, und damit auch die Pfalz, ihren eigenen Erste-Welt-Kriegs-Roman.

Ein Novum war, dass über den Krieg „von unten“ geschrieben wurde. Perhobstler, der in die Offizierslaufbahn einschlug, wandte sich auch immer wieder gegen Schikanen und Ungerechtigkeiten. So verurteilte er die Privilegien von höheren Offizieren, die etwa bei Bahnfahrten ganze Abteile belegten, während die todmüden „Krieger“ in den überfüllten Waggon befördert wurden „Höhere Chargen“ erhielten zudem auch noch eine bessere Verpflegung.

Perhobstler charakterisierte unter anderen auch drei Generäle. Und ohne ihre wahren Namen zu nennen, erkannten die Leser in der 1930er Jahren, wer gemeint war. So bekam etwa der General Hugo Ritter von Huller (1859-1931) sein „Fett weg“, der den vielsagenden Spitznamen „Bayernschreck“ trug und in der Tat einer der menschlich unerfreulichsten Erscheinungen der bayerischen Armee war. Einem Mayor, der auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg seine Soldaten beschimpfte und auch körperlich misshandelte, rückte Perhobstler in die Nähe eines Landesverräters, denn er schade dem deutschen Vaterland mehr als zehn Hochverräter.

Wenngleich Perhobstler mit aller Kraft den Gegner attackierte und ein Kapitel mit „Ich fange an zu morden“ überschrieb, so waren für ihn etwa tote Engländer nicht „Fälle“ der Genugtuung, sondern Opfer des Krieges, wie deutsche auch. Etwa 5000 bayerisch-pfälzische Soldaten starben im „Westen“.

Perhobstler berichtet aber nicht pauschal mit „Im Westen“, „In Flandern“ oder „An der Somme“, sondern er nennt die Orte des Geschehens und des Grauens. Etwa „den Lehmhügel von St. Eloi“ oder die „Hohenzollernschanze“, die von den Engländern unterminiert und gesprengt wurde – und wieder zurückerobert wurde. (In der größten Materialschlacht an der Somme im Jahr 1916 starben rund 750.000 Franzosen und Engländer sowie 500.000 Deutsche.)

Bei Perhobstler wird nicht die Masse an Material und Menschen beschrieben, sondern der einzelne Mensch mit seinen Schwächen und Stärken. Schneider, der kein „gelernter Schriftsteller“ war, formulierte gelegentlich etwas holprig und manchmal auch anstößig, aber so war ja auch der Krieg!

Kein Geringerer als Thomas Mann schrieb 1929 dem Autor zu dessen Kriegsbuch: „Es gehört zu den stärksten und wahrhaftigsten…. Und man empfindet es als Wohltat mit, dass jetzt mit solchen Wahrheitsbüchern den Zahllosen, die nicht zu schreiben wissen, „ihr Schicksal von der Seele geschrieben wird“. Und an anderer Stelle: „Ich kann nicht sagen, was ihre Erzählungen alles in mir aufgewühlt haben an menschlicher Ratlosigkeit. Der Schluss, wie das arme, arme Volk Ihnen, dem Kriegsleutnant, dem „Grabenschwein“, das in der Etappe nicht gegrüßt wurde, die Achselstücke abreißen will, gab mir sozusagen den Rest. O Elend des Missverständnisses, der Ungerechtigkeit, o abgründiger Menschenjammer!“

Wilhelm Michael Schneider - Infantrist PerhobstlerEs war wohl Pech, dass 1929 „Infantrist Perhobstler“ erst ein halbes Jahr nach „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque erschien. Dieter Storz, der als Herausgeber der im Dezember erschienenen Neuausgabe und mit über 400 Endnoten und etlichen Fotos fungiert, hält das Werk des Pfälzers bedeutsamer als das von Remarque und hätte ihm eine größere Auflage gewünscht. Trotzdem erschien das Werk bis zu seinem Verbot 1936 in einer Auflage von 60.000 Exemplaren.

Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Storz, wird Wilhelm Michael Schneider, alias Perhobstler, posthum zu einem Geschichtsschreiber, der einen wesentlichen Beitrag zur Publizierung der bayerischen Militärgeschichte des Ersten Weltkrieges leistete. Storz hat das Werk „Infantrist Perhobstler“, statt mit „Wilhelm Michael“, mit dem realen Namen des Roman-Autors überschrieben und neben einer umfangreichen Kommentierung und über 40 Fotos und Zeichnungen auch mit einem Nachwort versehen.

Die Bildqualität ist kriegs- und entwicklungsbedingt nicht besonders gut und es wäre sicher für die Verbreitung des Werkes gut gewesen, wenn es bereits auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hätte vorgestellt werden können. Aber gründliche Recherche war dem Herausgeber wichtiger als eine frühere publikumswirksame Präsentation. Das Buch ist im Verlag Militaria, Wien, erschienen (ISBN: 978-3-902526-67-0), umfasst 397 Seiten, ist durchgängig in der alten deutschen Rechtschreibung abgefasst, hat ein lesefreundliches Schriftbild und ist flüssig in der alten deutschen Rechtschreibung abgefasst. Der Buchpreis von 29,90 € ist zwar angemessen, dürfte aber die Verbreitung nicht besonders förderlich sein.

(Quelle: speyer-kurier.de am 06.12.2014 / Wolfgang Schneider)