Lieber fünf Minuten feig als lebenslänglich tot

Der gebürtige Altriper Wilhelm Michael Schneider schrieb einen wichtigen Weltkriegsroman, der nun in einer Neuausgabe wieder aufgelegt worden ist

In diesem Buch wird Klartext geschrieben. "Ich fange an zu morden", lautet die Kapitelüberschrift, als Ich-Erzähler Perhobstler, kaum an der Westfront eingetroffen, zum ersten Mal einen Menschen erschießt. Nicht ohne anschließende Gewissensbisse: "Mein Herz klopfte furchtbar." Doch ein Kamerad leistet psychologische Betreuung. Der tote Engländer sei bestimmt derjenige gewesen, der mit seinem Maschinengewehr in der Nacht zuvor einen verwundeten Deutschen getötet habe. "Da war ich beruhigt."

Deutsche Soldaten stehen während des ersten Weltkrieges in einem Unterstand bei Avricourt an der lothringischen Grenze. © dpaDeutsche Soldaten stehen während des ersten Weltkrieges in einem Unterstand bei Avricourt an der lothringischen Grenze. © dpa"Und ich habe noch manchen Menschen totschießen müssen. Das ging dann wie das Schießen auf lebendige Scheiben." Denn Perhobstler ist ein Scharfschütze am Gewehr: "Druckpunkt . . . Ein Kopf war weg. Weiter nach rechts. Druckpunkt . . . Kopf weg. Hin und her . . . Kopf weg . . . Kopf weg." Ein soldatischer Killer, dem beim Gedanken an seine vielen Opfer aber auch mal das Entsetzen überkommt: "Es fror mich ganz tief aus meinem Innern heraus. Es war mir, als käme ein kalter Strom ganz tief aus der Erde aus ihrem Mittelpunkt und doch aus mir selbst zu mir. So unheimlich war ich mir selbst geworden."

Verheerungen der Seele

Das ist die große Stärke des Romans. In eher kunstloser Sprache, die eben darum überzeugend wirkt, kündet er von den Verheerungen der Seele in der Extremsituation des Ersten Weltkrieges. Es ist des Autors eigene Geschichte. Wilhelm Michael Schneider wurde im Herbst 1914 eingezogen, als Infanterist in die bayerische Armee, weil sein Heimatort Altrip in der damals zu Bayern gehörenden Pfalz liegt. Bis 1918 avancierte er dann vom einfachen Soldaten zum Vizefeldwebel und schließlich Leutnant. Es war eine zumeist an vorderster Front verbrachte kriegerische Laufbahn, die nur durch längere Lazarettaufenthalte Unterbrechungen erfuhr.

Genauso ergeht es seinem Alter Ego Perhobstler; bis auf dessen Teilnahme an der einen oder anderen Kampfaktion, die Schneider nicht selbst erlebt hatte, aber zu beschreiben weiß, als wäre er dabei gewesen. Der Eindruck überwältigender Unmittelbarkeit entsteht aus seiner Erzählweise. Unbekümmert um dramaturgische Komposition, lässt er das Geschehen so ungeordnet und manchmal ausgesprochen chaotisch Revue passieren, wie es dem teilnehmenden Beobachter erscheinen musste.

Daraus ergibt sich eine Abfolge eindringlicher Nahaufnahmen, die eine Fülle von Detailinformationen aus erster Hand transportieren: etwa über das Verhalten gegenüber Kriegsgefangenen oder der verbliebenen Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten Belgiens und Frankreichs, vor allem aber über das Elend in den Schützengräben, unter Ratten und Läusen und in ständiger Anspannung wegen der ständigen Lebensgefahr - die einen deutschen Soldaten im Gespräch mit Perhobstler zu einer klassisch defätistischen Äußerung veranlasst: "Lieber fünf Minuten feig als lebenslänglich tot."

Auch das Wort Vaterlandsliebe setzt Autor Schneider einmal in Anführungszeichen. Und mehr als einmal empört er sich über die eigenen Offiziere, wenn sie sich als unfähig erweisen oder ihre Untergebenen unwürdig grob behandeln. Doch an keiner Stelle steigert sich diese Kritik zu einer Anklage gegen den Krieg an sich. Den scheint er fatalistisch hingenommen und nur bedauert zu haben, dass er infolge Ermattung von Front und Heimat nicht gewonnen werden konnte.

Das unterscheidet sein Buch von Erich Maria Remarques entschieden pazifistischem Bestseller "Im Westen nichts Neues", in dessen Kielwasser "Infantrist Perhobstler" 1929 erstmals veröffentlicht wurde. In zwei weiteren zeitgenössischen Ausgaben wurden zunächst allzu drastische Formulierungen abgemildert und 1934, den neuen NS-Machthabern zuliebe, die Realistik der Kriegsschilderung noch mehr zurückgenommen. Das Kapitel "Ich fange an zu morden" hieß jetzt schlicht "Ich fange an".

Im Dienst der Kriegspropaganda

Bald darauf wurde der Roman im Dritten Reich dennoch verboten, die Restbestände der Gesamtauflage von immerhin 60 000 Exemplaren sollen eingestampft worden sein. Michael Wilhelm Schneider hinderte es nicht daran, sich Anfang der 1940er Jahre mit zwei England- bzw. USA-feindlichen Erzählungen seines Novellenbändchens "Englisches Gesicht" in den Dienst der aktuellen deutschen Kriegspropaganda zu stellen.

Fehltritte solcher Art mindern jedoch nicht den dokumentarischen wie literarischen Wert seines Debütromans. Nach jahrzehntelanger Vergessenheit ist der "Infantrist Perhobstler" nun, mit zahlreichen Sach-Erläuterungen vorbildlich ediert, in der Textfassung der Urversion neu erschienen und harrt der verdienten Wiederentdeckung - kritische Lektüre manchmal auch gegen den Strich vorausgesetzt.

WILHELM MICHAEL SCHNEIDER
Wilhelm Michael Schneider wurde 1891 als Sohn eines Essigfabrikanten in Altrip geboren.
Nach dem Besuch der Oberrealschule in Mannheim erlernte er den Kaufmannsberuf und wurde Prokurist in der Vertriebsabteilung der IG Farben in Frankfurt/Main. Kurz nach Ende des 2. Weltkriegs zog er sich ins Privatleben zurück. 
Fortan widmete er sich ausschließlich seiner Leidenschaft, der Schriftstellerei. Er hinterließ ein reichhaltiges Werk - Romane, Erzählungen und Theaterstücke, die anfangs nur unter seinen beiden Vornamen oder dem Pseudonym Wilhelm Michael Perhobstler erschienen waren. 
Wilhelm Michael Schneider, seit 1971 Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Altrip, starb 1975 in Frankfurt, wo er ab 1923 gelebt hatte. 
Neuausgabe seines Romans Wilhelm Michael Schneider: Infantrist Perhobstler. Hrsg. von Dieter Storz als Band 13 der Veröffentlichungen des Bayerischen Armeemuseums im Verlag Militaria, Wien. 397 Seiten mit Bilddokumenten, 29,90 Euro.

(Quelle: Mannheimer Morgen - 01.08.2015 / Matthias Spindler)