Neues vom geheimnisvollen Abt

(Prüm) Regino von Prüm ist als berühmtester Abt des Prümer Klosters überall in der Abteistadt präsent, doch was weiß man von dem Mann, der die erste Weltchronik schrieb. Wenig, sagt der Mittelalterforscher Wilfried Hartmann. Im Kurfürstensaal der ehemaligen Abtei stellte er den aktuellen Forschungsstand vor.

Nicht allein das Leben Reginos begeistert den Mittelalterhistoriker Wilfried Hartmann, sondern auch die vier erhaltenen Hauptwerke des Prümer Abts. - Foto: Frank Auffenberg (aff) Nicht allein das Leben Reginos begeistert den Mittelalterhistoriker Wilfried Hartmann, sondern auch die vier erhaltenen Hauptwerke des Prümer Abts. - Foto: Frank Auffenberg (aff)

Regino von Prüm - in der Abteistadt ist sein Name allgegenwärtig. Ein Regino-Gymnasium, eine Reginostraße, eine Reginostatue und selbst auf dem Denkmal des Mönchs Wandalbert - den angeblichen Erfinder der Maibowle - ist der große Regino zu finden. Wer sich aber auf die Suche nach Hintergründen zum Leben des Abts macht, stößt schnell an seine Grenzen. Stadt, Gymnasium und Geschichtsverein haben jetzt das 1100. Todesjahr des Abts zum Anlass genommen, um Licht ins Dunkel zu bringen, einen ausgesprochenen Fachmann einzuladen (der TV berichtete). 

Mittelalterhistoriker Wilfried Hartmann stellte nun im Fürstensaal den aktuellen Stand seiner Forschungen vor. 

Die Hoffnung auf intime biografische Details wird gleich zerstört: "Wir sind über Reginos Leben sehr schlecht informiert." Nur einleitend nennt Hartmann die wenigen fundierten Randdaten zu Reginos Biografie. Geburtsjahr: unbekannt; Geburtsort: Altrip am Rhein; Todesjahr: 915. Zudem sei gesichert, dass Regino von 892 bis 899 die mächtige Prümer Abtei leitete und dann aus unbekannten Gründen nach Trier ging. Nicht gerade viele Fakten, für einen Mann, der auch 1100 Jahre nach seinem Tod die Forschung begeistert. 

Was ist also dran am geheimnisvollen Abt? "Wenn wir fragen, was von diesem Mann weiterlebte, so ist es nicht seine Persönlichkeit, über die wir fast nichts wissen, sondern es sind seine Werke", sagt Hartmann und die wiederum seien ausgesprochen originell. 

Erste Zählung ab Christi Geburt 

Eine Weltchronik, eine Abhandlung über Kirchenmusik, ein Buch über Kirchenrecht und das Prümer Urbar, quasi eine Erfassung aller Besitztümer der einst mächtigen Abtei - mehr ist nicht überliefert, aber das Erhaltene beeindruckt. Das Urbar sei bedeutend für die Beurteilung der Größe der Prümer Abtei, sagt Hartmann. Akribisch habe der Abt die Besitztümer erfasst und gezeigt, wie er mit dem Thema Verwaltung umgehe. Verlorene Macht wird greifbar, doch wirklich beeindrucken können die zwei Bände von Reginos Weltchronik. Sie überstrahlen nicht nur das Prümer Urbar: Als erster Chronist überhaupt, beginnt Regino nämlich sein Geschichtsbuch mit der Geburt Christi. "Bis dahin zählte man entweder die Jahre seit der Erschaffung der Welt oder richtete sich nach den Herrscherjahren der Könige und Kaiser", sagt Hartmann - ältere Zählweisen führten zwangsläufig zu Ungenauigkeiten und Ungereimtheiten. Ganz gefeit war aber auch Regino nicht vor Schnitzern. Er habe sich einige grobe Fehler geleistet, berichtet Hartmann. Das erste Buch ende beispielsweise im Jahr 655, korrekt habe es aber bis 718 kommen müssen. Vermutlich seien die Fehler auf den Umgang mit römischen Zahlen zurückzuführen. 

Ebenso neu wie die Herangehensweise an die Weltgeschichte, ist Reginos Umgang mit der Musiktheorie. Weil Erzbischof Ratbod von Trier den Chorgesang seiner Psalmensänger konfus und dissonant empfand, habe Regino in seiner Trierer Zeit, also gesichert nach 899, das geistliche Liederbuch zur Hand genommen, die liturgischen Gesänge geordnet und nach Tonarten sortiert. Nicht als Erster, betont Hartmann, aber durchaus in seiner Detailversessenheit gründlicher als seine Zeitgenossen. 

Pionierarbeit leistete Regino von Prüm wiederum mit seinem Sendhandbuch. "Bei diesem Werk handelt es sich um eine Sammlung des kirchlichen Rechts, die für die Praxis, für den visitierenden Bischof gedacht war." Bereiste der Bischof seine Diözesen, habe er bei der Rechtsprechung mit Reginos Buch einen praktischen Leitfaden zur Hand gehabt. 

Karl der Einfältige 

"Dass die Zeitgenossen dieses Werk zu schätzen wussten, zeigt sich darin, dass sich noch elf vollständige Handschriften erhalten haben." Regino habe so auf die weitere Entwicklung des kirchlichen Rechts einen ganz bedeutenden Einfluss ausgeübt, betont Hartmann. Übrigens gibt die Weltchronik doch noch einen zaghaften Hinweis auf die Biografie des Abts. König Karl der Einfältige werde auffallend knapp behandelt, merkt Hartmann an. "Wenn dieser König, wie ich vermute, hinter Reginos Vertreibung stand, dann wäre es verständlich, dass Regino 911 einige Bemerkungen im Jahresbericht zu 899 getilgt hat, in denen er vielleicht gegen Karl den Einfältigen Stellung bezogen hatte."

(Quelle: www.volksfreund.de am 21.09.2015)