Der sedierte Strom

Der korrigierte Fluss – er fließt schneller und gräbt sich tiefer in sein neues Bett ein, als Tulla das errechnet hatte. Was zum Absterben eines Gutteils der Auenwälder in den Altrheinarmen, den durchschnittenen Rheinschlingen, führt: Mit dem tiefergelegten Fluss sinkt neben der Hochwassergefahr auch der Grundwasserpegel – die ehemalige Überflutungszone vertrocknet.

Für den Prozess, die schleichende Denaturierung einer ganzen Landschaft, ausschließlich Tulla verantwortlich zu machen, wäre laut Wasserbauingenieur Seidel allerdings unfair: „Der Rhein, wie er sich heute darstellt, ist nicht Tullas Werk“, meint der KIT-Mitarbeiter. Wer heute eine Gesamtschau der Veränderungen am Oberrhein anstrengen wollte, er müsste mehrere Schübe bei der Zähmung des Flusses aufarbeiten: Nach Tulla die Schiffbarmachung des Oberrheins ab 1907, den Bau des Rheinseitenkanals zwischen Weil am Rhein und Breisach, dazu den Bau von Staustufen ab den späten 1920er-Jahren. Und eigentlich müsste er eine sozioökonomische Gesamtgeschichte der Oberrheinregion schreiben, die nachzeichnet, wie der Mensch dem Fluss immer dichter auf die Pelle rückt: Mit der Ansiedlung der großen Industriebetriebe direkt am Rhein, die ohne die Korrektion des Flusses nicht da stehen könnten, wo sie heute stehen. Oder der menschlichen Besiedlung, die in den letzten 200 Jahren auch da entstanden ist, wo sie eigentlich nicht entstehen sollte: „Wenn ein Baugebiet ,Untere Au’ heißt, sollte man vielleicht besser vorsichtig sein“, sagt Seidel.

Dass am heutigen Rheinverlauf noch „in großem Stil etwas umgestaltet wird, ist nicht zu erwarten“, sagt Seidel. Einen kleinen Treppenwitz hält die jüngste Geschichte des Rheinumbaus dann allerdings noch parat: Ein Umdenken setzt mit Polderbau und Deichrückverlegungen ab den 1990er-Jahren nicht nur wegen ökologischer Aspekte ein – sondern auch deshalb, weil sich alte preußische Befürchtungen um Hochwasserkatastrophen am Niederrhein doch noch bewahrheiten. Und beispielsweise die Kölner Altstadt mehrfach unter Wasser steht.

Durchstochen
Die Karte von 1861 zeigt einen Rhein, der weitgehend schon so aussieht wie heute: Der neue Flusslauf (blau) durchschneidet die Altrheinarme (rot) am Angelhof, bei Ketsch und der Kollerinsel nördlich von Speyer, fräst sich durchs „Altriper Eck“ (Kartenmitte) und hat die Friesenheimer Insel vom linksrheinischen Gebiet abgeschnitten (ganz oben). (Karte: Edgar Alt, Repro: Lenz, Bearbeitung: Huber)

Die Karte von 1861 zeigt einen Rhein, der weitgehend schon so aussieht wie heute: Der neue Flusslauf (blau) durchschneidet die Altrheinarme (rot) am Angelhof, bei Ketsch und der Kollerinsel nördlich von Speyer, fräst sich durchs „Altriper Eck“ (Kartenmitte) und hat die Friesenheimer Insel vom linksrheinischen Gebiet abgeschnitten (ganz oben). (Karte: Edgar Alt, Repro: Lenz, Bearbeitung: Huber)

MAX HONSELL
Der Rhein wird schiffbar
Bei der von Johann Gottfried Tulla (1770 bis 1828) geplanten Rheinbegradigung liegt der Fokus auf der Landgewinnung, dem Hochwasserschutz und der Stabilisierung der Grenzen – und nicht auf der Schiffbarmachung. Für die Großschifffahrt ist bis Anfang des 20. Jahrhunderts rheinaufwärts meist am Mannheimer Hafen Endstation. Unter der Leitung des badischen Ingenieurs Max Honsell (1843 bis 1910) beginnt man 1907 mit dem Bau einer Niedrigwasser-Fahrrinne zwischen Straßburg und Sondernheim – und errichtet Buhnen im Fluss. Die quer zum Flusslauf stehenden Uferdämme erhöhen unter anderem die Fließgeschwindigkeit in der Flussmitte, was Sediment ausspült und die Fahrrinne vertieft. (dlk)

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Rheinpfalz am Sonntag - 15.05.2016 / Von Daniel Krauser)