Der 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit aus Altriper Sicht

Grau zieht das Jahr 1945 herauf. Birgt es in seinem Schoße das Ende des Schreckens oder den Schrecken ohne Ende? Viele Familien, etwa 150 Personen, verlassen das ungastlich gewordene Dorf und suchen fernab, in vom Luftkrieg unberührten Gebieten Notunterkünfte. Die große Mehrzahl jedoch harrt tapfer und zuversichtlich aus. Denn in der allgemeinen Kriegslage zeichnet sich jetzt deutlicher der Untergang des "Tausendjährigen Reiches" der Nationalsozialisten ab. Man darf über solche Dinge nicht laut sprechen, wenn man nicht wegen Defaitismus mit den Kerkern oder Konzentrationslagern des "Dritten Reiches" Bekanntschaft machen will. Indes die von Feindfliegern abgeworfenen Flugblätter, die oft zu Tausenden Äcker und Wege der Feldmark bedecken, die nun auf einmal Hoffnung und Zuversicht ausstrahlenden Gesichter der in den landwirtschaftlichen Großbetrieben der Firmen Baumann und Kief beschäftigten Fremdarbeiter (Polen, Russen und kriegsgefangene Franzosen) lassen Umwälzendes erahnen.

Der Schulunterricht kann nach den Weihnachtsferien, am 10.1.1945 nicht wieder aufgenommen werden. Die Schulräume sind zwar notdürftig wieder hergerichtet, aber sie dienen jetzt bestimmungsfremden Zwecken. In zwei Sälen der Maxschule haben sich fliegergeschädigte Altriper Firmen mit ihren Warenlagern eingenistet, ein Saal der Ludwigschule wird als Sammellager für das Notopfer benützt, ein anderer als Verpflegstelle deportierter französischer Zivilarbeiter; drei weitere Klassenräume der Maxschule dienen diesen bedauernswerten Menschen zum Nachtquartier. Von neun Schulzimmern bleibt nur ein einziges frei. Der Schulbetrieb kommt durch solche Maßnahmen völlig zum Erliegen. 

Die französischen Zwangsarbeiter bauen unter Aufsicht von uniformierten Organen der Hitlerpartei am inneren Befestigungsring einer Rheinbrückenkopfstellung. Sie heben Schützengräben aus, legen Schützen und MG-Nester an und bauen Unterstände, zu deren Abdeckung sie Bäume im Walde fällen. Sie leben in dumpfer Resignation dahin, abgezehrt und zerlumpt. Mitleidige Menschen bringen ihnen heimlich Brot und Kartoffeln in den Wald, die sie in der Aschenglut der gegen die Winterkälte entflammten Holzfeuer braten. In den ersten Monaten des neuen Jahres sind feindliche Jagdbomber (Jabos) fast tägliche Erscheinungen über Altrip. Sie überfliegen den Rhein, senken sich dann plötzlich im Sturzflug herab und suchen mit gut gezielten Bombenwürfen die rechtsrheinischen Industrieanlagen heim. Dieses Treiben ist auch für die Dorfbewohner nicht ungefährlich. Wo sich Bewegung zeigt, rasselt die Maschinengewehrgarbe hin.

Am frühen Morgen des 20. März sind Kanonendonner und Bombenexplosionen aus Richtung Bad Dürkheim vernehmbar. Die Rheinbrücke, die Ludwigshafen mit Mannheim verbindet, wird gesprengt. In der Nacht hat die Flak ihre Stellung an der Landstraße Rheingönheim-Altrip verlassen und sich mit ihren schweren Geschützen über die Altriper Fähre ins Rechtsrheinische abgesetzt. Am Nachmittag erscheinen unter Bewachung kleinere Trupps Kriegsgefangener im Dorfe, die über die Fähre ins Badische verbracht werden. Bei eintretender Dunkelheit aber bewegen sich auf der von Rheingönheim nach Altrip führenden Straße nicht enden wollende, graue Elendszüge der Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen, die in die rechtsrheinischen Gebiete geleitet werden sollen. Ein von Tragik umwittertes Bild des Jammers! Die Fähre kann trotz ununterbrochenen Fahrens die Übersetzung der sich stauenden Massen nicht bewältigen. Hunderte benützen die günstige Gelegenheit zum Ausreißen, verschwinden im Dunkel der Nacht und verstecken sich in den Dichtungen der Auwälder, wo sie ihren Befreiern entgegenharren. Zwei Frauen, die ihrer schweren Stunde entgegengehen, hat man in die Ludwigschule betten und die Hebamme benachrichtigen müssen.

Aber auch die Groteske meldet sich. Ein Armeebefehlshaber hat seinen Befehlsstand nach Altrip verlegt und sich mit seinem Stab in der Villa Baumann einquartiert. Von der Front einlaufende, sich überstürzende Hiobsbotschaften zwingen jedoch das hohe Kommando, noch in den späten Abendstunden über die Kollerfähre, 2 km südlich des Dorfes, das linksrheinische Gebiet zu verlassen, nicht ohne den beiden in Altrip aufgestellten Volkssturmkompanien den Befehl hinterlassen zu haben, den Ort bis zur letzten Patrone zu verteidigen. Das ist ein schlechter Witz. Denn der Altriper Volkssturm verfügt nur über 7 Gewehre, die dazu noch verschiedener Herkunft sind, und über ganze 153 Patronen.

In der Nacht vom 21. auf 22. März versenkt ein Pionierkommando der Wehrmacht die Fähre samt den Giernachen und sprengt die am linken Rheinufer ankernden Schiffe. Niemand im Dorf aber weiß, an welcher Stelle die Fähre auf dem Grunde des Rheins ruht.

Am 23. März, dem Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, greifen auch Frauen in das Kriegsgeschehen ein. Mit großen Baumsägen zersägen sie die in den Durchgangsstraßen des Ortes errichteten Panzersperren und lassen sich auch nicht durch die Drohungen eines hinzukommenden Wehrmachtsoffiziers vom Zerstörungswerk abbringen, offenbar weil sie befürchten, die Hindernisse könnten die anrückenden Amerikaner veranlassen, das Dorf unter Feuer zu nehmen. Wehrschaden jedoch wird durch die Beseitigung der Sperren nicht angerichtet; denn sie sind, da sie nicht verteidigt werden können, militärisch völlig wertlos.

Es ist Samstag. Ein sonniger Frühlingstag. Der Kalender verzeichnet den 24. März 1945. Versprengte deutsche Soldaten, die nicht mehr über den Rhein kommen, verstecken sich im Dorfe. Die Amerikaner sind in Rheingönheim und Waldsee gemeldet. Es kann also nicht mehr lange dauern, bis sie an den Rhein dringen, denn sie stoßen auf keinen Widerstand mehr. Die Division, welche die angelegten Feldbefestigungen des Rheinbrückenkopfes verteidigen soll, ist im engen Isenachtal bei Hardenburg und Bad Dürkheim durch Jabos aufgerieben worden. Gegen 1/2 11 Uhr nahen auf der Landstraße von Rheingönheim her 3 Panzerspähwagen, denen mehrere schwere Panzer folgen. Sie poltern durch die Hauptstraße des Dorfes, machen am östlichen Dorfausgang, gedeckt durch den Rheindamm, halt und richten die Geschützrohre auf das jenseitige Flussufer. Fast friedensmäßig mutet dieser Einzug an, wie ein Manöverbild. Kein Schuss fällt. Die Bevölkerung verhält sich ruhig, und nirgends ist die weiße Flagge aufgesteckt. Motorisierte Infanterie rückt nach und besetzt an mehreren Punkten dem Rheine zugekehrte Häuser mit Feldwachen. Man sieht gummikauende Gl's an neugierige Kinder Schokolade austeilen. Da bellen plötzlich drüben überm Rhein deutsche Flakgeschütze auf. Granaten heulen heran. Sie vermögen zwar keinen einzigen Feindsoldaten zur "großen Armee" zu schicken, aber die Bevölkerung erleidet Verluste; die Namen von 4 Toten und mehreren Schwerverletzten muss die Verlustliste aufnehmen. Diese Feuerüberfälle wiederholen sich in den nächsten drei Tagen mit boshafter Regelmäßigkeit immer in der Zeit zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags, wann die Ausgangssperre aufgehoben ist und die Bevölkerung die notwendigsten Einkäufe besorgen muss, und richten manchen Gebäudeschaden an. Sie endigen erst, als Gewehrfeuer im Norden Mannheims verrät, dass es den Amerikanern gelungen ist, in die Stadt einzudringen. Der Krieg ist für Altrip zu Ende. Die Bevölkerung atmet auf. 

Und hier die Bilanz einer nahezu sechsjährigen Kriegseinwirkung:

  • Durch Fliegerangriffe umgekommen:  32 Personen
  • Durch eigene Artillerie getötet: 4 Personen
  • Total zerstörte Wohnhäuser: 74 Gebäude
  • Schwerbeschädigte Wohnhäuser: 85 Gebäude
  • Mittelbeschädigte Wohnhäuser: 252 Gebäude
  • Leichtbeschädigte Wohnhäuser: 204 Gebäude

In dieser Aufstellung sind die zahlreichen Gebäudeschäden der Fabriken, Gewerbe-, Handels- und Landwirtschaftsbetriebe nicht enthalten. Sie ergeben zusammen die Zahl von 239 Schadensfällen.

  • Zum Kriegsdienst einberufen waren 768 Männer.
  • Davon fielen oder verstarben 115 Männer.
  • Vermisst werden 70 Männer.

Die Versenkung der Rheinfähre erweist sich bald als militärische Nutzlosigkeit. Kolonnen schwerer Amphibien- Lastwagen rollen jetzt Tag und Nacht dem Strome zu, setzen bei Altrip in die Fluten und treiben durch die Kraft ihrer Schiffsschrauben zum jenseitigen Ufer. Zur Ein- und Ausfahrt werden die für den Fährverkehr angelegten Uferrampen benützt. Die Überfahrt geht ganz schnell vor sich. Sie vollzieht sich in einem Drittel der Zeit, die einst die Fähre benötigt hatte.

Nach etwa 3 Wochen verlässt die amerikanische Besatzung das Dorf. In Ludwigshafen hat sich eine amerikanische Militärregierung etabliert, die auch für den Landkreis zuständig ist. Sie versucht die kommunalen Verwaltungen wieder in Gang zu bringen, ernennt neue Bürgermeister und ihre Beiräte und lädt ihnen eine undankbare, mit Sorgen und Mühen gespickte Arbeit auf. Eine in Limburgerhof stationierte Militärpolizei übernimmt den Sicherheitsdienst auch bei uns. Trotzdem kommt es fast täglich vor, dass plündernde Horden ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter auf irgendwo gestohlenen Autos ins Dorf einfallen. Bis dann die Militärpolizei auf der Bildfläche erscheint, haben sie sich längst aus dem Staube gemacht. Denn ein schnelles Herbeirufen von Hilfe ist infolge der zerstörten Telephonleitungen nicht möglich, und nicht nur "Gott ist weit" in diesen Tagen - auch der Limburgerhof. Nur einmal gelingt es den Amerikanern eine Bande zu stellen und ins Gefängnis nach Ludwigshafen abzuführen.