Der 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit aus Altriper Sicht

Der Straßenverkehr ist zunächst aufs äußerte eingeschränkt. Selbst zum Aufsuchen nahegelegener Orte benötigt man die Erlaubnis der Militärregierung in Ludwigshafen. Sie stellt in besonders gelagerten Fällen Passierscheine aus, deren Gültigkeitsdauer meist auf einen Monat beschränkt bleibt. Postierungen an wichtigen Verkehrspunkten üben strenge Kontrolle. Nur allmählich wird diese scharfe Kontrolle gelockert, der man freilich auf Nebenwegen entgehen kann, wenn man nicht glücklicher Besitzer eines Passes ist.

Der Rhein, auf dessen Rücken sich täglich Hunderte zum nahen Mannheim tragen ließen, einst wichtiges Verbindungsglied, ist zur Schranke geworden. Er darf nicht befahren werden; seine Ufer werden von Patrouillen der Militärpolizei überwacht. Doch da kommen täglich französischen Gefangenenlagern entronnene deutsche Soldaten zum Altriper Ufer, und drüben auf der andern Rheinseite sammeln sich Wehrmachtsangehörige, die der Gefangennahme durch Amerikaner oder Engländer auf oft Hunderte von Kilometern langen Märschen zu entgehen wussten oder die aus aufgelösten Truppenverbänden ihrer pfälzischen Heimat zustreben, dazu ausgerissene, halbwüchsige Jungen der sogenannten Hitlerjugend, die man mangels Ersatzes an kriegsdienstfähigen Männern als Flakhelfer u. dgl. zu einem nutzlosen Opfergang ermuntert hatte, und treten in der Nacht aus ihren Verstecken. Da finden sich mitleidige Menschen, die im Ufergebüsch und im Schilf der Altrheine versteckte Kähne hervorziehen und die Überfahrt wagen. Als dann auch Zivilpersonen zur Erledigung dringender Angelegenheiten auf diese illegalen Übersetzmöglichkeiten angewiesen sind, entartet die Betätigung echter Nächstenliebe unter den Händen bedenkenloser Fahrensleute zu einem lukrativen Geschäft, dessen Preise ins Uferlose steigen. Bei einer Überfahrt kentert noch in Ufernähe der überladene Kahn, und 3 Teilnehmer der Schwarzfahrt finden in den Fluten des Stromes den Tod.

Als einige Industrien auf der Mannheimer Rheinseite, die vordem zahlreiche Altriper Arbeiter beschäftigten, den Betrieb in eingeschränktem Maße wieder aufnehmen können, wirft sich das Problem der Verbringung dieser Leute an ihre ehemaligen Arbeitsplätze auf. Nach längeren Verhandlungen mit der Militärregierung, in die auch die Industrie- und Handelskammer in Mannheim eingeschaltet werden muss, wird endlich erreicht, dass die Rheinüberfahrt in Kähnen gestattet wird. Allerdings müssen die Überfahrer mit Pässen der Militärregierung versehen sein, und die Fahrten werden überwacht, damit ja kein Unberufener daran teilnehmen kann. Einigermaßen den Verhältnissen der turbulenten Zeit gerecht werdende Lösungen zur Beseitigung der Altriper Verkehrsnöte sollten aber erst in den Jahren 1946 und 1947 erreicht werden, doch darüber später. 

In den ersten Wochen nach dem Einrücken der Amerikaner ist die Bevölkerung von einem gewissen Taumel erfasst. Vom Alpdruck der Kriegsgefahren befreit, sind viele aus dem seelischen Gleichgewicht geraten, und die Tugend weisen Maßhaltens scheint in Misskredit geraten zu sein. Der Wein, von gerissenen Geschäftemachern aus den Weinorten der Haardt auf Schleichwegen herangeholt, fließt in Strömen und wird gleich eimerweise nach Hause getragen. Die halbwüchsige Jugend reagiert die lange niedergehaltene Lebenslust im Tanze ab, während Väter und Brüder noch hinterm Stacheldraht sitzen. Man gibt sich, wo nur die Möglichkeit sich bietet, längst entbehrten Genüssen hin. Bald jedoch sind die kargen Lebensmittelvorräte aufgezehrt, und die graue Not steht vor den Türen. Die Lebensmittelkarte, eine alte Vertraute der Hausfrauen aus der Kriegszeit, taucht wieder auf. Indes die auf ihr verzeichneten Rationen sind so kärglich bemessen, dass sie zum Leben keineswegs ausreichen. Frauen und oft auch Kinder gehen auf die Suche nach zusätzlicher Kost. Ihre Wege, die in der ersten Zeit der Besatzung zu Rad zurückgelegt werden, führen in die Südpfalz, in den Odenwald und tief in die Eifel. Als dann die durch Bombenwürfe und Brückensprengungen beschädigten Bahnanlagen, notdürftig hergestellt, wieder in Betrieb genommen werden, lassen sie sich von den Zügen bis nach Mainfranken, Oberbayern und hinauf zum Bodensee tragen. Das Geld verliert ständig an Wert, wird nicht mehr gern entgegengenommen und ist meist nur zum Kauf rationierter Waren und zur Bezahlung öffentlicher Dienste verwendbar. Beim Hamstern von Lebensmitteln aber benötigt man nur in seltenen Fällen Geld, man braucht Tauschgüter. Im Laufe der Zeit wandert in vielen Fällen das letzte entbehrliche Kleidungs- oder Wäschestück für Kartoffeln, Eier, Fett, Mehl oder Brot in begehrliche Bauernhände. Erstaunlich ist es zu beobachten, auf welch wunderliche Weise sich die Altriper hier zu helfen wissen. Sie lassen sich in den Fabriken Teile ihres Lohnes in Waren geben, und Puppen, Kämme, Erntestricke, Garne, Waschpulver u. dgl. sind beliebte Kompensationsartikel, wie man die Tauschgüter nennt. Pappelstämme verwandeln sich unter geschickten Händen zu Holzschuhen, Stoffreste zu Pantoffeln, Stearin aus einem in Dorfnähe befindlichen, zerstörten Ausweichlager der I.G. Farben zu Kerzen, Tabakblätter zu feingeschnittenem Rauchtabak und Weidenruten der Altrheingründe, den Winzern der Haardt gebracht, zu Wein. Mit solchen Kompensationsobjekten sind immer Lebensmittel zu erhalten.

Besonders groß ist der Kartoffelmangel. Die Gemeindeverwaltung schickt Lastwagen in die rheinhessischen und nordpfälzischen Gebiete und kauft dort, mit großen Schwierigkeiten kämpfend, größere Kartoffelmengen auf. Doch sie erweisen sich nur als Tropfen auf den heißen Stein, wie auch die Holzeinschläge in den Gemeindewäldern den Bedarf an Brennmaterial nicht im entferntesten decken können.

Besonders schlimm wirkt sich der Heizmaterialmangel in den Wintern 1945/46 und 1946/47 aus. Kohlen sind nicht aufzutreiben. Holzfällerkommandos werden von der Gemeindebehörde in die Waldungen um Johanniskreuz und in südpfälzische Wälder entsandt, um dort die von der Forstverwaltung freigegebenen Holzmengen zu schlagen. Zwei Wälder der Gemarkung ("Dudelsack" und Wörthspitze des Riedwaldes) fallen allmählich dem nächtlichen Raubhieb vollständig zum Opfer. So groß ist die Not. Sie erreicht ihren Höhepunkt 1948 und klingt erst nach der Währungsreform langsam ab.

In der Villa Baumann hat sich Mitte Mai 1945 eine größere Abteilung amerikanischer Brückenbauer einquartiert, meist Ingenieure und Pionieroffiziere, die den Bau der Notbrücke leiten, welche etwas unterhalb der zerstörten Ludwigshafener Rheinbrücke über den Fluss geschlagen wird. Es sind umgängliche Menschen, die, vom "Don't fraternize" des amerikanischen Oberbefehlshabers unberührt, helfen, wo es ihnen möglich ist. Auf eine Bitte der Gemeindeverwaltung schicken sie ihre schweren Lastwagen in den tiefsten Odenwald und holen aus den Walddörfern, deren Bewohner den Krieg nur vom Hörensagen kennen, in zahlreichen Transporten die so heißbegehrten Kartoffeln für die Bevölkerung heran. Sie suchen auf eine weitere Bitte den Strom nach der versunkenen Fähre ab. Die wird nach etlichen Suchaktionen schließlich in der Fahrrinne unterhalb der ehemaligen rechtsrheinischen Anlegestelle entdeckt, in 8 m Tiefe liegend. Die Hebung jedoch missglückt. Taucher haben den Schiffskörper an starken Stahltrossen befestigt. Schwere Raupenschlepper zerren ihn hoch, doch sobald er kiesbedeckt die Nase über die Wasseroberfläche reckt, zerreißen die Trossen, und er sinkt wieder in die Tiefe. Da die zerstörte Rheinbrücke die Heranschaffung eines entsprechenden Hebekrans nicht ermöglicht, müssen weitere Bergungsversuche aufgegeben werden. Die Bergung gelingt erst 1947 der Ludwigshafener Firma Kief, nachdem bereits 1946 die Gierkähne gehoben und repariert werden konnten.

Im August 1945 wird einer alliierten Abmachung über die Besatzungszonen zufolge die ganze Pfalz Teil des französischen Besatzungsgebietes. Die amerikanische Militärregierung in Ludwigshafen macht einer französischen Platz. Französische Quartiermacher erscheinen im Dorfe und suchen für zwei Kompanien Unterkunft. Doch scheinen die Säle, die zur Verfügung gestellt werden können, nicht zuzusagen, und so bleibt Altrip von französischer Besatzung verschont, nicht aber vom Druck der Besatzungsmacht. Während die Organe der amerikanischen Militärregierung als Berater und Helfer bei der Gemeindeverwaltung Vorsprache hielten, gefallen sich die Vertreter des Siegerstaates Frankreich in der Rolle des Befehlsgewaltigen. Die Requisitionen und Forderungen türmen sich zu Montblanc-Höhe. Was da alles an Requisitionsgut aus dem Dorfe wandert, ist kaum aufzuzählen. Decken, Betten, Teppiche, Möbelstücke, Fahrräder und viele andere Gebrauchsgegenstände, ja ganze Zimmereinrichtungen werden weggefahren, und selbst Hunde verfallen dem Zugriff. Jede Woche muss die Gemeinde 1 bis 2 Stück Großvieh abliefern, und bald sind die Viehställe der wenigen Bauern in erschreckendem Maße geleert. Dazu erscheinen zumeist an Wochenenden französische Soldaten als Selbstversorger im Dorfe, erzwingen von der Bevölkerung die Herausgabe von Federvieh oder stehlen der Einfachheit halber Gänse und Enten von den Weideplätzen, bei der schlechten Ernährungslage empfindliche Verluste. Beschwerden bei zuständigen Stellen sind in den Wind gesprochen.