Der 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit aus Altriper Sicht

Der Verbesserung der Überfahrtsverhältnisse auf dem Rhein bringen die Franzosen wenig Verständnis entgegen, denn der Strom ist Besatzungszonengrenze geworden, von ihnen ängstlich behütet. Und lassen sie auch nicht analog dem russischen Vorbild den berüchtigten "Eisernen Vorhang" an dieser Grenze nieder, so bekommt man doch die Tücken eines "Seidenvorhangs" unliebsam zu spüren.

Die Kontrolle der Überfahrt wird verschärft, die Ausstellung von Passierscheinen kleinlich gehandhabt. Der Gemeindeverwaltung ist es nach vielen Bemühungen gelungen ein Motorschiff zu chartern, das den Übergangsverkehr verbessern und an seiner sich als dringend erweisenden Hebung mithelfen soll. Während die Amerikaner in Mannheim sofort den Einsatz genehmigen, dauert es noch viele Monate und bedarf vieler Bittgänge bei französischen Stellen, bis endlich die Militärregierung die Erlaubnis zur Eröffnung des Schiffsverkehrs erteilt. Dabei schränkt sie aber die Fahrzeiten auf die wenigen Stunden ein, in denen die Betriebe überm Rhein öffnen und schließen. Doch die schlimmsten Übelstände sind behoben, und 1947 können mit der Wiedereröffnung des Fährbetriebs endlich auch die letzten Hemmnisse beseitigt werden.

Anfangs Oktober 1945 kann auch der Schulunterricht wieder aufgenommen werden. Die schauderhaft zugerichtet gewesenen Schulräume sind, soweit es der Materialmangel zuließ, wieder einigermaßen in Ordnung gebracht. Eine schwere Aufgabe steht vor der Lehrerschaft. Die Kinder haben unter den Ereignissen schwer gelitten, und die Hungersnot setzt lange auch ihnen stark zu, bis schließlich eine Schülerspeisung des Evangelischen Hilfswerks sie vor den schlimmsten Ernährungsschäden bewahrt. Im Winter müssen sie mit schlecht geheizten Schulsälen vorliebnehmen, weil es an Heizmaterial mangelt. Es mangelt aber auch an Unterrichtsmitteln. Die Lehrmittel sind zum Teil gestohlen oder beschädigt, Lernmittel, wie Hefte, Zeichenblöcke etc., nur schwer und in ungenügenden Mengen erhältlich, ganz zu schweigen von den bisher gebrauchten Lesebüchern und Atlanten, deren Weiterbenützung von der Besatzungsbehörde verboten ist, ohne dass einstweilen Ersatz zur Verfügung steht.

Es sind vorderhand nur drei Lehrkräfte tätig. Die andern sind wegen Mitgliedschaft bei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) vom Dienst suspendiert, in Kriegsgefangenschaft oder verzogen. Ein Lehrer, der Amtsträger bei der NSDAP war, befindet sich in amerikanischer Haft im Lager Ludwigsburg. Im ganzen hat die Nazipsychose der Besatzer 15 Einwohner in die Gefangenschaft geschleppt. Es sind durchweg kleine Leute, unbescholten und harmlos, die während der Zeit des "Tausendjährigen Reiches" niemanden etwas zuleide taten und deren einziges Vergehen scheinbar darin bestand, dass sie in nationalsozialistischen Organisationen ein Amt bekleideten, das ihnen vielfach noch aufgedrängt worden war. Sie kehren erst nach mehr als einjähriger Internierung in die Heimat zurück.

Nur einem, dessen Körper bei ohnehin schon angegriffener Gesundheit den Strapazen langer Lagerhaft nicht mehr gewachsen ist, bleibt das Wiedersehen versagt. In Ludwigsburg hat man ihn begraben.

Die französische Besatzungsbehörde behindert zunächst auch den Wiederaufbau. Alle Baumaterialien sind von ihr blockiert, wie die Franzosen diese verschleierte Form der Beschlagnahme bezeichnen. Zur Erwerbung braucht man DeblokageScheine, die nur schwer zu erlangen sind. Die Wiederherstellung zerstörter Objekte, selbst Reparaturen, deren Kosten 500 RM übersteigen, sind untersagt. Wenn sich auch die Verhältnisse allmählich bessern, so bleibt doch die Bautätigkeit gering.

Ein zügiger Wiederaufbau setzt erst nach 1948 ein. Heute sind alle zerstört gewesenen Wohnhäuser bis auf vier wieder errichtet und die Gebäudeschäden beseitigt. Darüber hinaus sind etwa 100 Neubauten erstellt, darunter eine ganze Reihe durch den Kreiswohnungsverband Ludwigshafen, einer sozialen Einrichtung der Kreisbehörde. Das infolge des Kriegsausbruchs unvollendet gebliebene Hitlerjugendheim am Messplatz wird z.Z. in ein Schulhaus umgebaut, in dessen Nähe sich eine neue, weiträumige Turnhalle erhebt, deren Räumlichkeiten auch zu kulturellen Veranstaltungen benützt werden können. Ein stolzes Rathaus ziert die Dorfmitte, und eine neuerstandene katholische Kirche, mächtiger und prächtiger als ihre Vorgängerin, geht der Vollendung entgegen. Es ist in den letzten Jahren viel Aufbauarbeit geleistet worden, und das Dorf präsentiert sich in frischem Glanz. Die Einwohnerzahl hat sich, nicht zuletzt durch den Zuzug von Ostvertriebenen und Sowjetzonenflüchtlingen, stark erhöht und steht an der Grenze zum vierten Tausend (3397 Einw.).

Zufriedenheit und Wohlstand sind wieder eingekehrt, und die Zeit hat sanft die Decke des Vergessens über harte Not und bitteres Leid gebreitet, die einst ertragen werden mussten.

(Quelle: Altrip - Porträt eines Dorfes, 1969)