Lange Geschichte eines verschollen geglaubten Meilensteins

So genannter Myriameterstein am Altrhein vorgestellt - Maßeinheit hat ihre Bedeutung inzwischen verloren

Lange hat der als „Altriper Grenzsteinsucher" bekannte Edgar Alt (60) auf die Präsentation des Myriametersteins am Ausfluss des Altriper Altrheins warten müssen. Bereits 1998 meldete sich nach einem RHEINPFALZ-Beitrag der Vermessungsingenieur beim Katasteramt Ludwigshafen, Gerhard Wenzel, um zusammen mit ihm den verschollen geglaubten Meilenstein am Rhein erfolgreich zu orten. Bis zur Vorstellung sind neun Jahre ins Land gezogen.

Dabei lag es nicht etwa an den Bergungs- und Aufstellungskosten, die sich die Gemeinde sowie der Heimat- und Geschichtsverein Altrip teilten, sondern am Umgang mit dem Stein im Allgemeinen. Sollte er an seinem angestammten Platz nach der Bergung bleiben oder an eine markante Stelle im Ort gebracht werden? Oder sollte der Stein lediglich kartiert werden und weiterhin in über zweieinhalb Metern Tiefe verbleiben?

Am 6. September 2006 waren die Würfel gefallen. Der tief in der Erde verkantete Stein, hart an der Einzäunung zum Gelände des Motorboot-Clubs gelegen, sollte auf dem Vereinsgelände in unmittelbarer Nähe zur Fundstelle platziert werden. In einer mehrstündigen Aktion machte sich der Bauamtsleiter Lutz Pfeuffer zusammen mit mehreren Mitarbeitern und mit Hilfe einer Fremdfirma an die Arbeit. Die Bergung erfolgte mit Hilfe eines Schaufel- und Löffelbaggers.

Schließlich war der Stein gehoben. Er wies einen sehr großen Sockel auf, der ihm einst im Erdreich einen festen Halt gab. Relativ schnell wurde der Stein an seinen jetzigen Standort versetzt. Das seitherige „Grab" hat dem Stein gut getan. Er wurde regelrecht vom Erdreich konserviert. Eine Spezialbehandlung mit Skalpell, Harzinjektionen zum Schließen von Fugen mit Sumpfkalk, Quarzsand und Marmormehl blieb ihm erspart.

Wichtige Rheinvermessung

In der Antike wurde die Länge des Rheinstromes, je nach Autor, umgerechnet mit zwischen 550 und 1100 Kilometern angegeben. Aus Respekt vor der Antike wurde Jahrhunderte lang keine exakte Rheinvermessung vorgenommen, obwohl sich im 18. Jahrhundert unterhalb von Germersheim nicht weniger als 54 Zollstationen befanden, die ein großes Interesse an einer Vermessung hatten, da sich ihre Tarife und auch die der Schifffahrt an den Transportlängen orientierten. Endlich: Von 1817 bis 1839 wurde der Strom vermessen. Doch die Ergebnisse der einzelnen Rheinuferstaaten waren so unbefriedigend, dass 1864 eine erneute Längenbestimmung angeordnet wurde. In den Jahren 1874/76 wurden auf pfälzischer Seite neue Myriametersteine (von griechisch „myria", übersetzt 10.000) aus Ibbenbührener Sandstein im Abstand von jeweils zehn Kilometern aufgestellt. Zoll und Schifffahrt waren nun zufrieden. Den Schiffsführern war der jeweilige Standort der beschrifteten Steine eine große Hilfe. Auf jedem Schiff gab es ein Strombuch, in welchem der Standort aller Myriametersteine mit allen dort eingemeißelten Daten angegeben war.

Der Altriper Stein zeigt auf der Stromseite die römische Zahl XXV, also ist er auf dem 25. Stein ab Basel. Außerdem ist die Höhenmarke 94,909 M + A.P. angegeben. Das bedeutet: Stromhöhe mit 94 Meter, 90 Zentimeter und neun Milimeter (!) über Amsterdamse Peil (Amsterdamer Pegel). Landseits verrät uns der Stein, dass er 25 Myriaden, also 250 Kilometer von Basel entfernt steht und 57,445 M von Rotterdam. Und noch etwas ist nun ersichtlich: Da der Stein etwa in Höhe von Rheinkilometer 416,7 steht, wissen wir nun, dass er auch 416,7 Kilometer von Konstanz, dem jetzigen Nullpunkt, entfernt platziert ist. Die stromauf- und stromabwärts gewandten Seiten geben die Myriaden zu den jeweiligen Landesgrenzen an.

Alles wurde einfacher. Bis zum Setzen der Myriametersteine wurden die Entfernungen stets nach Meilen und Stunden angegeben. Die „gewöhnliche deutsche Stunde" hatte 3703,5 Meter. Nur in den linksrheinischen Provinzen gab es die „gute" Recheneinheit mit 5000 Metern. Trotzdem setzte sich der Myriameter als Längeneinheit in Deutschland nicht durch und auch die Steine verloren schon nach wenigen Jahrzehnten ihre Bedeutung und wurden durch andere ersetzt.

Haben ausgedient: Myriametersteine dienten früher am Rhein als Entfernungsangabe. | FOTOS (2): LENZ

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 9. Mai 2007 / Wolfgang Schneider)