Die Klosterzelle von Altrip

Kaiser Karl der Dicke schenkte 882 Prüm den Königshof Neckarau

Karl der Dicke, Sohn von Ludwig dem Deutschen, hatte im sprichwörtlichen Sinne mehr Glück als Verstand. Nachdem 877 der Kaiser des westfränkischen Reiches Karl der Kahle auf der Flucht vor seinen Neffen in den Alpen zu Tode kam und auch dessen Kinder verstorben waren, löste sich das Westreich auf. Und so kam es, dass Karl der Dicke nach dem Tod seiner Brüder im Jahre 882 Alleinherrscher des gesamten Frankenlandes (außer Niederburgund) wurde. Das alte Reich von Karl dem Großen war ohne eigenes Dazutun nun wieder in einer Hand. Nachdem 882 das Kloster Prüm beim ersten großen Normannenüberfall verwüstet wurde, schenkte der Kaiser (auch Karl III. genannt) dem Kloster den Herrenhof Neckarau samt Zubehör sowie ein Drittel des Waldes von Liedolsheim. Die Schenkung erfolgte unmittelbar an Prüm. Karl der Dicke, der an Epilepsie litt und 887 gar am Kopf operiert wurde, musste auf dem Reichstag von Tribur abdanken und starb ein Jahr später. Arnulf von Kärnten wurde von den deutschen Stämmen als Nachfolger gewählt und 896 zum Kaiser gekrönt. Als solcher erhob er Anspruch auf das gesamte Frankenland. Doch nach dem Tod von Karl III. waren die ehemaligen drei Reichsteile als selbständige Staaten neu erstanden und wählten sich ihre Könige. 
 

Regino von Prüm Abt und Geschichtsschreiber in der Karolingerzeit

Das Geburtsjahr des in Altrip geborenen Regino ist in die Zeit von 838 bis 850 einzuordnen. Schon früh kam der hochbegabte Regino (d.h. Ratmann, von ragin oder regin, Rat, Beschluss) über die Altriper Klosterzelle zur Benediktinerabtei Prüm. Nach der zweiten Zerstörung des Klosters durch die Normannen resignierte der Abt Farabert, und die Mönche wählten aus ihren Reihen Regino an dessen Stelle. Regino, der den illegitimen Sohn von König Lothar II., Hugo, der 885 auf Verlangen von Kaiser Karl III. (dem Dicken) geblendet wurde, persönlich zum Mönch geschoren hatte, stand mit dem Herrscherhaus in gutem Einvernehmen. Karl der Dicke wurde jedoch 887 abgesetzt, und so richtete sich Regino nach König Arnulf von Kärnten aus. Doch schon ein Jahr nach seiner Abtswahl trat eine völlig neue Situation ein. Arnulf wurde ein legitimer Sohn - Ludwig das Kind - geboren. Nun wollte Arnulf aber auch für seinen bereits erwachsenen illegitimen Sohn Zwentibold einen Herrschaftsbereich und hatte dafür das alte Lotharingien vorgesehen.

Im Jahre 895 hatte er dies auch endlich geschafft. Zwentibold war allerdings großen Spannungen mit dem Adel ausgesetzt. Regino, der mehr zur lnteressensgruppe um den Trierer Bischof Ratbod tendierte, lag damit zwangsläufig in Gegnerschaft zu dem mächtigen Grafen Reginar im Maasgebiet sowie den Grafen Gerhard und Matfried mit Mittelmoselgebiet, die gerne ihren Bruder Richar (auch Richard, Richarius), Mönch in Prüm, auf dem Abtsessel gesehen hätten. Hinzu kam, dass seit 888 unter König Karl dem Einfältigen das Westfrankenreich erneuert wurde und der König von Lotharingien verlässliche Partner für seine politischen Pläne einer Expansion suchte. In den genannten Grafenfamilien fand er auch Unterstützung. Bekannt ist, dass Karl auch Regino in Prüm besuchte, offensichtlich um dessen politische Haltung zu erkunden. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Regino verlor 899 die Abtswürde, und sein Nachfolger wurde Richar, der die Abtei 21 Jahre lang ausplünderte und anschließend auch noch Bischof von Lüttich wurde. Der große Förderer von Regino, Bischof Ratbod aus Trier, übertrug dem Abgewählten den Aufbau des ebenfalls von den Normannen verheerten Klosters St. Martin in Trier. Lotharingien kam nach dem Tod von Arnulf (899) wieder zum Ostfrankenreich. Im Jahre 900 fand König Zwentibold in einer Schlacht gegen die Grafen der Mittelmoselgruppe den Tod. Nachfolger von Arnulf wurde mit sechs Jahren Ludwig das Kind.

Regino widmete sein 908 fertig gestelltes Chronikon, die erste von einem Deutschen verfasste Weltgeschichte, dem Augsburger Bischof Adalbero, der als Erzieher von Ludwig wirkte. Die Chronik (10) endet 906, und viele Aufzeichnungen der letzten Jahrzehnte enthalten die persönlichen Erlebnisse, Erkenntnisse und Bewertungen des Verfassers. Nach seinem Aufenthalt in St. Martin verbrachte Regino seine letzten Lebensjahre im Kloster St. Maximin bei Trier. Er starb 915 und erlebte damit noch den Untergang des Ostfrankenreiches nach dem Tod des 18-jährigen Königs Ludwig das Kind. Damit ging im Osten die Herrschaft der Karolinger zu Ende. 
 

Conclusio

Es lässt sich nicht mehr feststellen, wann die Altriper Klosterzelle untergegangen ist. Ob sie "aufgehoben", zerstört oder vom Rhein verschlungen wurde, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Im Güterverzeichnis (Urbar) von Prüm aus dem Jahr 893 ist die Zelle bereits nicht mehr erwähnt. Doch diese Tatsache muss nicht zwangsläufig heißen, dass sie zu jenem Zeitpunkt nicht mehr bestand, denn es fehlt im Urbar auch ein eigenes Kapitel über Altrip, obwohl die Abgaben und Dienste im Oberrheingebiet zum großen Teil auf Altrip bezogen sind. Zu Zeiten Karls des Großen (vor 814) hat die Zelle noch bestanden, da dessen Schenkung einer Kirche zu Neckarau in die seelsorgerische Betreuung von Altrip fiel. Andererseits wäre es auch unverständlich, wenn ausgerechnet der aus Altrip stammende Verfasser des Urbar eine 893 noch bestehende Klosterzelle unerwähnt ließ. Die Altriper Medarduscella hat etwa 200 bis 250 Jahre lang bestanden. Eine lange Zeit - selbst nach heutigen Maßstäben.

(Wolfgang Schneider | Mai 2007)

 

Anmerkungen:

  1. Frey: "Versuch einer geographisch-historisch-statistischen Beschreibung des Gerichtsbezirks Frankenthal, Rheinkreis", z. Bd., 1836, Speyer
  2. Dr. Kurt Oberdörffer: "Handbuch der historischen Stätten Deutschlands", Bd. V, 1959
  3. Franz Xaver Remling: "Abteien und Klöster", Bd. I. S. 156, Anmerkung 28
  4. Dr. Martina Knichel: "Geschichte des Fernbesitzes der Abtei Prüm in der alten Erzdiözese Mainz im B. und 9. Jahrhundert" in "Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte", S. 82, Koblenz, 1993
  5. H. Polenz: "Katalog der merowingerzeitlichen Funde in der Pfalz", 1988, S. 26 f.
  6. Heinrich Beyer: "Urkundenbuch zur Geschichte der jetzt die preußischen Regierungsbezirke Coblenz und Trier bildenden mittelrheinischen Territorien", 3 Bde., Coblenz, 1860 - 1874
  7. M. Willersch: "Die Grundherrschaft des Klosters Prüm", Diss. Berlin, 1912, hg. I. Schwab/R. Nolden, 1989, S.79-86
  8. Die "Venne" ist eine spezielle Fischfanganlage in Form eines Wehrs. Der Inhaber dieser Fischerrechte durfte den Strom mit einem Zaun, der von beiden Ufern ausging und quer in der Stromrichtung lag, absperren. In der Mitte des Stromes hatte der Zaun eine schmale Lücke, vor die ein großes Netz gespannt wurde. Die zu Tal schwimmenden Fische wurden dadurch in das Netz geleitet. Mit der Vennenfischerei war auch das Recht, entsprechend Holz zu schlagen, verbunden. Obwohl diese Art der Fischerei sehr ergiebig war, stellte sie doch in späterer Zeit eine erhebliche Gefahr für die Schifffahrt dar und wurde daher aufgegeben.
  9. J. G. Widder: "Versuch einer vollständigen geographisch-historischen Beschreibung der kurfürstlichen Pfalz am Rheine", Teil 2, Frankfurt/Leipzig, 1776, S.344
  10. Chronicon (906) in: "Scritores rerum Germanicum"; Deutsch von Dümmler und Büdinger (1890); sh. auch: Dümmler: "Die Chronik des Regino von Prüm" (1890)