Der Rhein-Durchbruch bei Altrip Ende des 16. Jahrhunderts

Die Rheinbefahrung im Jahre 1580 führte noch um das Seckenheimer Ried herum. Im gleichen Jahr empfahl die Rheinkommission eine Durchschrotung (Durchstich) der Schmalstelle. Da inzwischen 5 Jahre seit dem letzten Protokoll vergangen waren, dürfte die Entfernung weniger als 70 Ruten betragen haben. Allerdings finden sich weder in Altriper noch in Seckenheimer Unterlagen Hinweise auf einen Eingriff in den Stromverlauf. Die Schlingen um das Seckenheimer Ried werden im 1590er Protokoll als durchbrochen erwähnt. Doch einen Hinweis auf den genauen Zeitpunkt gibt es nicht . Manche Historiker haben sich auf einen Rheindurchbruch kurz nach 1580 festgelegt. Dies trifft aber nicht zu. Anhand der Protokolle kann der Zeitpunkt auf 10 Jahre (1580-1590) eingeengt werden.

Rudolf Wihr und nachfolgende Hobbyhistoriker haben sich fälschlicherweise beim Rheindurchbruch auf das Jahr 1584 festgelegt. Sie beziehen sich auf einen Bericht von David Pareus (s. Bild), der von 1548 bis 1622 gelebt hat. Der Text lautet wie folgt:

David PareusDavid Pareus

„Unser Rhein hat innerhalb von 12 Jahren seinen Lauf nicht fern von dem Dorf Altrip in bedeutender Weise geändert, dadurch, dass ein Damm eingebrochen ist, welchen ich selbst im Jahre 1584 gesehen und mit ungefähr 200 Schritten abgemessen habe, so dass man jetzt auf einem zweiten Flusse fahren und einen geraden Lauf innehalten kann. Es ist eine Insel liegen geblieben, die sie früher als Halbinsel in großem Bogen zu umfahren gezwungen waren.“

Was sagt uns das, wenn wir den Text aufmerksam lesen und die Aussagen getrennt betrachten?

  • Herr Pareus war 1584 in Altrip und hat einen Damm gesehen und abgemessen. (1 Schritt = 71-75cm, d.h. der Damm war 142-150m lang)
  • 12 Jahre später, also 1596, war bei seinem zweiten Besuch der Damm durchbrochen.
  • Zu diesem Zeitpunkt gab es zwei Flüsse. Das Seckenheimer Ried war eine Insel.
  • Man konnte also 1596 sowohl dem geraden Lauf als auch der Schleife folgen.

Diese These hat bereits Herr Wolber in der „Neckarauer Heimatglocke“, Juni 1938, vertreten und den Rheindurchbruch auf das Jahr 1596 datiert.. Auch Herr Albert H. Keil hat in seinem Beitrag bei Wikipedia (Januar 2006) auf diese Punkte hingewiesen. Er war der Meinung, die Jahreszahl 1509 (statt 1590) sei durch einen Zahlendreher entstanden .

Anhand der Protokolle und des Berichts von Pareus kann man den Durchbruch auf den Zeitraum nach 1584 und vor 1590 einengen. Aber hat der Rhein ab diesem Zeitpunkt dauerhaft den neuen Weg eingeschlagen? Das muss bezweifelt werden. Welche Kriterien legt man beim Durchbruch zugrunde?

  1. Wann nahm der Rhein zum ersten Mal die Abkürzung ?
  2. Wann erfolgte der Durchbruch, verursacht durch Seitenerosion und Hochwasser ?
  3. Ab wann ist der Durchbruch durch Verlandung der Seitenarme dauerhaft als Flussbett anzusehen ?

Zu 1:
Es ist eine Tatsache, dass sich das Hochwasser bei einem mäandrierendem Fluss immer den kürzesten Weg sucht. Also ist auch hier davon auszugehen, dass der Rhein schon vor 1580 sein altes Bett bei Hochwasser verlassen hat. Im Protokoll von 1580 ist dies schriftlich festgehalten: "Horrer wörth. ... Wann aber der Rhein etwas groß, geht der Rhein zum teil zwischen hin ..." Ob dies aber bereits 1509 der Fall war, kann nicht nachgewiesen werden.

Zu 2:
Wie bereits oben angeführt, muss der Durchbruch nach 1584 und vor 1590 erfolgt sein. Allerdings kann man davon ausgehen, dass der Flusslauf noch eine ganze Weile, je nach Wasserstand, zwischen altem und neuen Lauf gewechselt hat. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch Hanß G. Voltz in seinem Aufsatz über das Seckenheimer Ried („Neckarauer Heimatglocke“, Juni 1938). Er schreibt: „Vielleicht hat der Rhein bei einem Hochwasser um diese Zeit (1509) mit einem Teil seines Wassers zum ersten Mal einen neuen und kürzeren Weg durch das Ried gesucht und gefunden, und hat beim Zurückgehen des Hochwassers doch sein altes Flussbett beibehalten. Die Durchnagung des Rieds dürfte nur allmählich und zwar immer bei Hochwasser (Anmerkung: und durch Seitenerosion) erfolgt sein. Es ist kaum denkbar, dass der Rhein den Durchbruch durch das weite Riedgelände in kürzerer Zeit geschafft hat.“ Noch ein Beispiel aus der Rheinkorrektur durch Tulla: Als Durchstich wurden nur 20 bis 24m breite „Leitgräben“ gegraben. Den Rest der Arbeit hat Tulla der Zeit und dem Fluss überlassen. Nach 3 bis 10 Jahren (Durchstich Angelhof: über 50 Jahre) hat der Rhein die Durchstiche selbst auf 200 bis 250m Breite ausgewaschen. Dies beweist, dass es nach einem natürlichen Durchbruch noch eine ganze Weile dauerte, bis das neue Bett auch bei Niedrigwasser benutzt wurde.

Zu 3:
Wie bereits zu 2. ausgeführt, war die Verlegung des Rheinstroms ein langwieriger Vorgang. Beim zweiten Besuch von Herrn Pareus im Jahre 1596 waren die Seitenarme noch mit dem neuen Bett verbunden. Da die Seckenheimer weiterhin das abgetrennte Hintere Ried bewirtschafteten, muss der Wasserstand im neuen Flussbett nicht sehr hoch gewesen sein. Längere Zeit dürfte eine Furt bestanden haben. Nachdem sich der Rhein ein tieferes Bett gegraben hat, war eine Fähre erforderlich. Diese wurde 1607 von der Kurpfälzischen Hofkammer genehmigt und später vom Riedschützen betrieben. Von der Anlegestelle (Grenzstein N 3 ½, 1779) führte direkt ein Weg zum Hof des Riedschützen (heutiger Eulenhof). Auf einer Landkarte von 1666 ist ersichtlich, dass die Seitenarme verlandet sind. Wann dieser Vorgang abgeschlossen war, bleibt wohl wie so manches andere ein Geheimnis. Aus diesem Grund habe ich in der Überschrift keine konkrete Jahreszahl für den Rheindurchbruch bei Altrip angegeben.

Zum Schluss noch einige Beobachtungen, die der Verfasser während des Hochwassers gemacht hat. Wenn der Rhein aus seinem steinernen Bett steigt, sucht er sich seine alten Wege. Er trifft dann an der Klamm auf den mit Sandsteinen befestigten Prallhang. Dort, wo die Befestigung beseitigt oder nur notdürftig geflickt ist, nagt Vater Rhein immer noch an seinem alten Bett und verursacht Erosionen. Anschließend strömt er mit Macht den Prallhang entlang wieder in sein Bett zurück, wie man es am „faulen Eck“ beobachten kann.

An der „Dunnerswiese“ geht östlich ein Waldweg entlang. Für aufmerksame Beobachter ist erkennbar, dass dort Grenzsteine aus dem Boden lugen. Dies bedeutet, dass 1779 das Geländeniveau an dieser Stelle 80-100cm tiefer war. An der nördlichen Ecke war die Fähranlegestelle der „Seckenheimer Riedt fahr“. Hier ist auch die Durchbruchsstelle des alten Rheins. Wenn das Hochwasser den Waldweg erreicht hat, läuft es genau in der Mitte der „Dunnerswiese“ keilförmig in Richtung Damm. Es kommt einem dann vor, als wolle der Vater Rhein uns sagen: „Hier habe ich mein altes Bett gefunden.“

(Edgar Alt | August 2008)

Verwendetes Material:

  1. Landkarten aus vier Jahrhunderten, GLA Karlsruhe, Mai 1986
  2. Seckenheim, Hansjörg Probst, 1981
  3. Einführung in die Geologie Deutschlands, Henningsen/Katzung, 2002
  4. Mitteilungen des hist. Vereins der Pfalz, 76.Band, 1978 (Aufsatz H. Musall)
  5. Überschwemmungen und Niedrigwasser am Rhein (1500-2000), Chr. Pfister, Bern
  6. Hochwasser am Rhein, Jörg Lange (ww.akwasser.de)
  7. Neckarauer Heimatglocke, Nr. 36, Juni 1938
  8. Pareus, David , von Albert H. Keil (Wikipedia)
  9. Das Rheinschiff Nr. 12, 1931 (www. Rheinschifffahrtsgeschichte.de)
  10. Zentralarchiv der Ev. Kirche der Pfalz, Pareus,David (Bildnis)
  11. Karte der Umgebung von Altrip aus dem Jahre 1666, Stadtarchiv Schwetzingen
  12. Heimat- und Geschichtsverein Altrip, Rheindurchbruch bei Altrip, W. Schneider
  13. Flussdynamik, Transport der Flüsse und Erosionsformen, Vorlesung von Prof. H. Fischer, erstellt von W. Henebichler, Universität Wien