Vom „reißenden Strom" zum harmlosen „Rinnsal"

1954 geringster Wasserstand des Rheins gemessen - Im 14. Jahrhundert war Fluss in Gemarkung gar ausgetrocknet

Wer in den letzten Jahren bei Altrip am Rhein nach dem Wasserstand sah, der konnte vom Naturschutzgebiet „Horreninsel" stromab in Richtung Fähre häufig die quer zum Strom liegenden Steine (Buhnen) sehen, die dem Uferschutz dienen, aber üblicherweise überflutet sind.

Unmengen von Kies und Sand zeigen, welche Fracht Vater Rhein auf seinem langen Weg von den Alpen bis zur Nordsee mit sich führt. Noch vor 50 Jahren gab es bei Altrip eine sehr flache, aber bei extremem Niedrigwasser fast bis zur Strommitte reichende Sandbank, die sich unterhalb der Fähre als „Altriper Strandbad" rund 900 Meter lang hinzog. In den letzten Jahrzehnten haben sich jedoch die Sand- und Kiesmassen beachtlich verlagert.

Durch den Wellenschlag der Schiffe und durch Verlagerungen bei einem „reißenden Strom" in Hochwasserzeiten wurden die Kiesbänke regelrecht die Böschungen hinaufgeschoben und sind zum Teil gar mit Pflanzen und Sträuchern bewachsen. Niedrigwasser, das heute für die Altriper zumeist nur noch die Neugier weckt, beutelte hingegen in früheren Zeiten die Dorfbewohner ebenso wie das immer wiederkehrende Hochwasser. Bevor 1927 eine zentrale Wasserversorgung eingeführt wurde, schöpften die Altriper ihr Trink- und Spritzwasser aus eigenen oder den beiden öffentlich Brunnen. Bei stark gesunkenem Grundwasserspiegel versiegten oft die Brunnen und die Bewohner mussten mit Fässern Rheinwasser herbeischaffen.

Für die Bewässerung der Hausgärten mag dies noch angegangen sein, für die Felder reichte jedoch das kostbare Nass zumeist nicht und Missernten waren daher die Folge. Seit 1836 hat Altrip einen eigenen Rheinpegel und lange Zeit gab es auch einen tief in der Flusssohle verlaufenden Niedrigwasserpegel. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs wurde hier allerdings noch ein Wasserpegel von unter 1,50 Meter gemessen. Erst am 22. Dezember 1920 wurde mit 1,40 Meter ein extrem niedriger Wasserstand beobachtet. Doch schon im März 1921 war der Rhein nochmals „kleiner" und am 28. Dezember 1921 wurden gar nur noch 1,25 Meter gemessen.

1955 führte der Rhein bei Altrip Niedrigwasser (großes Foto) und die wiederentdeckte Pegelstand-Marke von 1921 (kleines Foto). -FOTOS: LENZ/PRIVATUm dieses Ereignis für die Nachwelt zu dokumentieren, wurde ein Hinweis „niedrigster Wasserstand" angebracht. In den ersten Nachkriegsjahren wurden allerdings noch niedrigere Wasserstände gemessen, so am 8. November 1949 mit nur noch 1,01 Meter. Aber „messen" konnte man in Altrip nichts mehr, denn der Niedrigpegel war längst mit Kies- und Geröll überzogen und so bezogen sich die Dorfbewohner auf den zehn Kilometer flussab liegenden Ludwigshafener Pegel. So auch am 6. Dezember 1954, als mit nur noch 89 Zentimetern der bis dahin niedrigste Wasserstand registriert wurde. Doch die Annalen weisen gar im Jahr 1303 eine Zeitspanne auf, in der der Rhein hier völlig ausgetrocknet war. Nach dem nun schon lange andauernden Niedrigwasser in diesem Jahr, brachte der 76-jährige Ernst Warnecker das von ihm in den Altriper Rheinkiesen gefundene Hinweisschild auf den Pegelstand von 1921 zu einem Mitglied des Heimat- und Geschichtsvereins. Das Hinweisschild war ursprünglich so gedacht, dass es bei einem noch niedrigerem Wasserstand stets an aktueller Stelle auf den Messpegel hinweisen konnte.

Der „Finder" ist schon seit 50 Jahren als passionierter Angler mit dem Leben am Wasser eng verbunden. Warnecker erinnert sich noch genau an den Niedrigwasserpegel in seiner Jugendzeit. Doch heute hat kaum noch jemand Kenntnis davon. Heute plagen die Bewohner eben mehr die Hochwasserattacken des Rheins. (wlf)

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 23. November 2005)