Weihnachten 1945

Weihnachten in der Stube

So sah die Wehrmacht noch 1944 ihre Funktion (Zeichnung aus Wehrmachtsschrift).So sah die Wehrmacht noch 1944 ihre Funktion (Zeichnung aus Wehrmachtsschrift).Froh waren alle Familien, in denen die zum Kriegsdienst eingezogenen Väter und Söhne wieder heil zu Hause waren, wenngleich wegen der ungewissen Zukunft auch bei ihnen keine echte Weihnachtsstimmung aufkommen konnte.

Mehr Tränen als sonst gab es hingegen in den Familien, die noch immer auf ein Lebenszeichen ihrer Lieben vergeblich gewartet hatten.

Etlichen Familien war jedoch eine Nachricht aus einem Gefangenenlager in Russland, Polen, Frankreich und Großbritannien zugegangen und sie quälten sich bei dem Gedanken, wie es den Gefangenen wohl gehen werde, zumal immer wieder Berichte über die katastrophalen Zustände, insbesondere in russischen Lagern, durchsickerten.

Auf vielen Tischen lagen die letzten Feldpostbriefe (Informationen aus Interviews mit Zeitzeugen.) von Gefallenen und Vermissten, daneben ein Foto mit und ohne Uniform, versehen mit einem kleinen Trauerflor. Einem Feldpostbrief lag ein Auszug aus einer Wehrmachtsschrift bei, dessen Zeichnung suggerieren sollte, dass der deutsche Soldat zum Schutz von Frau und Kind Wacht hielt. Auch selbst gemalte Weihnachtskarten mit der Aufschrift: „Kriegsweihnacht in Russland" und einer russischen Kirche waren dabei.

Tannenbäume standen in nur ganz wenigen Stuben. Zum einen, weil es in der Altriper Gemarkung nur ganz wenige Nadelbäume im Staatswald nahe der Grenze zu Waldsee gab und zum anderen, weil es strengstens verboten war, sich im Wald ohne eine Genehmigung zu „bedienen". Außerdem hätten beim Heimtragen der Bäume die Nachbarn neidisch werden können. Tannenzweige gab es hingegen in vielen Häusern, die per Lastkraftwagen von den Holzfällern des Dorfes aus dem Pfälzerwald mitgebracht wurden.

Vielfach gab es als Weihnachtsgabe nur einen rohen oder gebratenen Apfel, in den in eine Zigaretten-Stanniolhülle eine kleine Stearinkerze gesteckt wurde. Die wenigen kleinen Christbäume in den Altriper Privathäusern waren überwiegend mit aufgebügeltem Lametta und, sofern vorhanden, mit Äpfeln und mit Ofenbronze bemalten Walnüssen sowie Strohsternen behangen. Weihnachtsgutsel waren 1945 im Ort eine Rarität und wurden wie ein Schatz gehütet.

Im Vergleich zu den Nachbardörfern spielte nämlich in Altrip die Landwirtschaft keine große Rolle, denn die ehemaligen Fischer verdienten sich seit vielen Jahrzehnten in den Industriebetrieben von Mannheim und Ludwigshafen ihr Geld. „Landprodukte" waren daher für die Altriper schon lange überwiegend Lebensmittel, die sie in Kolonialwarengeschäften kaufen mussten.

Die Gedanken an Weihnachten schweiften bei vielen älteren Menschen zurück in die Kindheit oder in glücklichere Tage. Da war die junge Frau mit ihrem fünfjährigen Söhnchen, das der Vater nie gesehen hatte und von dem noch nicht bekannt war, ob er überhaupt noch am Leben war. Und da war die verwitwete Frau, die ihren einzigen Sohn vermisste, der in Friedenszeiten den landwirtschaftlichen Betrieb „schmiss".

Das erste Weihnachtsfest nach Jahren ohne Fliegeralarm und ohne Kampfhandlungen ließ die Menschen zwar aufatmen, aber es bestand eine unbeschreibliche Zukunftsangst. So ging auch an Weihnachten die Angst um, der Vater oder der Sohn könnte „geholt" werden, weil er in der NS-Zeit eine besondere Parteifunktion hatte. Schon etliche Altriper wurden deshalb interniert, übrigens überwiegend in der amerikanischen Zone. Insgesamt mussten 15 Altriper einsitzen und oftmals wurde ihnen noch nicht einmal eine Begründung gegeben.

In einigen Fällen stellte sich erst nach Jahr und Tag die völlige Unschuld heraus, wie etwa bei Emil Lebherz, der später von 1957 - 1967 der erste hauptamtliche Bürgermeister von Altrip wurde und dem man fälschlicherweise eine Tätigkeit für den SD („SD": Sicherheitsdienst der SS) nachsagte.

Erst nach 15-monatiger Haft wurde er arbeitsunfähig entlassen. Er war damals so geschwächt, dass er kaum mehr laufen konnte. Seine Frau mit den beiden Kindern bekam während der Haftzeit von der Gemeinde Altrip, bei der Lebherz beschäftigt war, keinerlei Bezüge und hielt sich mit dem Ertrag von Näharbeiten über Wasser. Eine Haftentschädigung gab es in jener Zeit auch nicht.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass das Weihnachtsfest 1945 in der auf 3000 Einwohner geschrumpften Gemeinde aber um einiges besser empfunden wurde als 1946, denn die Hungerzeit stand der Bevölkerung erst noch bevor. Die protestantische Pfarrkirche war auch lange Zeit nicht mehr so überfüllt wie am Heiligabend 1945, in der der neue Pfarrverweser Paul Heinrich Werron predigte und die Gemeinde den Choral anstimmte: „Nun danket alle Gott..."

(Quelle: Heimat-Jahrbuch Rhein-Pfalz-Kreis, Band 22, 2005 | Wolfgang Schneider,)