Das vergessene Buch

Frontroman über den Ersten Weltkrieg des Schriftstellers und späteren Ehrenbürgers Wilhelm Michael Schneider

Beim Stöbern auf einem Flohmarkt entdeckte der Wissenschaftler Dieter Storz einen Erste-Weltkrieg-Roman aus dem Jahr 1929, der kurz nach Remarques „Im Westen nichts Neues” herauskam. Titel: „Infantrist Perhobstler”. Unter dem Pseudonym Wilhelm Michael, hinter dem sich der Altriper Wilhelm Michael Schneider verbirgt, schrieb sich der „alte Marschierer” seine Kriegserlebnisse von der Seele. Beim Lesen entdeckte Storz, Konservator am Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt, nämlich schnell, dass die handelnden Personen keine erfundenen Gestalten, sondern tatsächlich existierende Bayern waren. Auch die Kriegstoten konnte er über die Verlustlisten im Kriegsarchiv eindeutig zuordnen.

Wenn Schneider auch als „Perhobstler” harte Kritik an den Zuständen in der Armee übt, so macht er aus ihr doch kein Panoptikum und erwähnt auch positive Beispiele. Natürlich bekommen bei Perhobstler auch sehr prominente Persönlichkeiten – wenn auch ohne Namensnennung – ihr Fett weg, wie etwa General Hugo Ritter von Huller (1859-1931), der den vielsagenden Spitznamen „Bayernschreck” hatte. Und Huller war in der Tat eine der menschlich unerfreulichsten Erscheinungen der bayerischen Armee.

Für Schneider/Perhobstler ist der Infantristenstatus im doppelten Sinne bestimmend. Zum einen ist damit die Waffengattung gemeint, also Soldaten, die zu Fuß kämpfen; andererseits der Platz in der militärischen Hierarchie, nämlich die Gruppe der Mannschaftsdienstgrade. Schneider verwendet den Begriff der Infanteristen in seiner sozialen Dimension als Proletarier des Krieges, der „Du” zu Millionen Brüdern sagen kann. Die Infanterie war die zahlenstärkste Waffengattung im Ersten Weltkrieg, die die Hauptlast des Kampfes zu tragen hatte und der auch die größten Opfer abverlangt wurden.

Schneider vermeidet heroisierende Stilisierungen, verlangt aber Anerkennung der Leistung der Kriegsteilnehmer. Hass auf den Feind ist ihm fremd. Tote Feinde sind für Perhobstler nicht etwa Gegenstand der Genugtuung, sondern ebenso wie tote Deutsche Opfer des Krieges.

In einem Brief an Thomas Mann schrieb er „von meinen vielen toten Engländern um mich herum”. Thomas Mann, der sich „Infantrist Perhobstler” zusenden ließ und das Werk zügig durcharbeitete, schrieb zurück: „Ich kann nicht sagen, was Ihre Erzählungen alles in mir aufgewühlt haben an menschlicher Ratlosigkeit” und „dass ich Sie und Ihresgleichen von ganzem Herzen ehren und, gerade mit dieser Ehrerbietung, den Krieg aus ganzer Seele verwerfen kann. Ihr sehr ergebener Thomas Mann.

”Perhobstler wartet nicht mit Allerweltsbeschreibungen wie „im Westen”, „an der Somme” oder „im Osten” auf, sondern schreibt das Geschehen stets konkreten Orten wie „dem Lehmhügel von St. Eloi”, der „Hohenzollernschanze” bei Auchy oder Roubaix zu. Schneider wurde, wie Perhobstler, fünf Mal verwundet. Trotz rauer Formen fehlt es der Titelgestalt nicht an kulturellem Schliff. Er pflegte Tischmanieren und beschrieb Landschaftseindrücke mit Vergleichen aus der bildenden Kunst.

Sein Persönlichkeitsbild weist zahlreiche menschenfreundliche Züge auf: Er steckt armen Kindern Brot zu, verzichtet auf Bestrafung eines französischen Quartiergenossen, der mit gezogenem Messer auf ihn los gegangen ist, hilft als Vorgesetzter den Mannschaften bei schwerer Arbeit, versucht unsinnige Bestrafungen abzumildern, liebt wehmütige und verabscheut „saumäßige” Lieder. Er versucht auch, einem australischen Stoßtruppführer, der verwundet in deutsche Gefangenschaft gerät, als Sterbendem Linderung zu verschaffen.

Schneider führte selbst 1937 in der Aufarbeitung der Kriegserlebnisse noch mit englischen Stellen Schriftwechsel, um etwa eine Bibel an Angehörige zurückzugeben, die ihm ein verwundeter Engländer als Dank für seine Rettung geschenkt hatte.

Verständlich, dass der Roman während des „Dritten Reiches” auf die Liste der ungeeigneten Bücher gesetzt und 1939 verboten wurde. Aber auch die ehemalige DDR-Zensur setzte ihn 1953 auf die „Liste der auszusondernden Literatur”. Die Bundesrepublik hatte Schneiders Werk dagegen schlichtweg vergessen. Nun wurde es von der Wissenschaft (wieder) entdeckt. Der Roman lässt sich weder unter „Militaria” noch unter „Belletristik” einordnen, sondern stellt eine eigenständige schriftstellerische Richtung von überhöhter und manchmal verfremdeter Autobiografie dar. In vielen Landesbibliotheken, so auch in Speyer, kann „Infantrist Perhobstler” entliehen werden. 

(Wolgang Schneider | Januar 2001)