Riesenvogel mit 50 Metern Spannweite und sechs Propellern

Es hatte sich in Altrip schnell herumgesprochen, dass das größte Flugboot seiner Zeit, die Do X, am 26. Oktober 1932 auch im Tiefflug in Altrip zu sehen wäre. Die Landung war am Bellenkrappen in Mannheim vorgesehen und so standen denn stundenlang viele Altriper auf der Holzbrücke, die zur damaligen Gierfähre führte. Alle wollten praktisch einen Tribünenplatz bekommen.

Ein Gigant, der Menschen aus der ganzen Region anlockte: Das Flugschiff Dornier (DO) X. | ARCHIVFOTO: RHP

Kurz nach 16 Uhr war auch im Dorf starker Motorenlärm zu hören. Die letzten „Gassenhauer” aus der Römer- und der Rheinstraße liefen flugs zum Rhein. Und was sie da zu sehen bekamen, war in der Tat atemberaubend. Entlang des Rheinstroms flog in sehr niedriger Höhe und dazu ganz langsam und praktisch zum Greifen nah die berühmte Do X in Richtung des vorgesehenen Landeplatzes in Mannheim. Männer schwenkten ihre Hüte, Frauen winkten mit weißen Tüchern und im Chor mit vielen Kindern erklang das „Hurra”, bis der Riesenvogel den Blicken entschwand. Durch die Tagespresse wussten die Altriper, dass das Flugboot, nachdem es nach seinem Atlantikflug in Amerika überwintert hatte, nun für einige Tage in Mannheim besichtigt werden konnte.

Die damals zwölfjährige Aurelia Baumann erinnert sich, wie sie mit ihrem technisch interessierten Vater das Flugschiff besichtigen durfte. Von Altrip aus waren sie zu Fuß zur Liegestelle gelaufen. Die riesenhaften Ausmaße der Do X auf dem Wasser kamen dem Mädchen noch viel imposanter als in der Luft vor. Die Spannweite der Flügel betrug immerhin 50 Meter und die sechs Propeller erhoben sich 6,45 Meter über die Wasserlinie. Die Flügelfläche umfasste gar 467,7 Quadratmeter und das Flugschiff hatte drei Decks.

Auch die Innenausstattung ließ die Besucher staunen: Von der Brücke führte eine Treppe hinunter in den eigentlichen Schiffsraum, in das für die Passagiere bestimmte Hauptdeck. Durch dieses Deck zog sich ein Gang, von dem zu beiden Seiten die Kabinen für je vier bis sechs Passagiere lagen. In der Mitte des Flugschiffs befand sich ein großer Speise- und Aufenthaltsraum, im Vorderteil war der Gepäckraum und am anderen Ende Küche und Waschräume. Der Kommandostand war gleichzeitig auch Navigationsraum. Seine Ausrüstung war beinahe wie die eines großen Ozeanschiffs. Und so fanden sich dort Kartentisch, Seekarten, Chronometer, Arbeitskompass, Höhenmesser, also alles, was ein Kapitän eines Schiffes braucht, um den Kurs zu halten.

In Altrip erinnern sich noch viele Hochbetagte daran, wie insbesondere auch Kapitän Christiansen als wahrer Held gefeiert wurde. Ein Mann, der als Fünfzehnjähriger zur See ging und 17 Jahre lang die Weltmeere befuhr, ehe er 1914 zur Kriegsmarine wechselte und dort einem Marinefluggeschwader zugeteilt wurde. Nach dem Krieg ging er nach Norwegen auf Heringsfang und dann wieder auf See. Bis ihn der Flugzeugbauer Dornier an Bord des Flugboots holte.

Die Begeisterung, an die sich auch der letzte Altriper Russlandheimkehrer, der heute 82-jährige Philipp Dietrich, noch gut erinnern kann, rührte auch daher, weil der Flug der Do X nach New York zu einem kräftigen Aufschwung der deutschen Luftfahrtindustrie führte. Die Zeppeline und das Flugschiff waren damals nationale Symbole für deutschen Erfindergeist. Die Do X landete schließlich in einem Berliner Museum, wo sie bei einem Luft-Angriff der Alliierten zerstört wurde. Geblieben aber ist die Erinnerung an einen Giganten der Luft und die Sehnsucht im Herzen der Zeitzeugen, einmal damit zu fliegen. (wlf)

(Quelle: Die Rheinpfalz - Ludwigshafener Rundschau - 11. Oktober 2002)