Rätselhaftes Siebenergeheimnis

27. Dezember 2011

Untersuchungen an Seckenheimer Grenzsteinen von 1774 und 1779 auf heutiger Altriper Gemarkung (April – Juni 2009)

Schon immer bestand in allen bäuerlichen Hochkulturen die Notwendigkeit, Grenzen zu markieren. Anfangs behalf man sich mit natürlichen Grenzmerkmalen wie z.B. Bach- und Flussläufen, natürlichen Geländeformationen, einzeln stehenden Bäumen, Felsen oder ähnlichem.

Von den Römern wurden dann die Sitten und Gebräuche der Grenzsteinsetzung übernommen. Aber erst im Mittelalter hat man in der Pfalz grob behauene Steine zur Grenzmarkierung verwendet. Das Setzen der Steine wurde in der Regel von sieben Männern (Siebener) ausgeübt. Sie wurden Feldgeschworene genannt, wurden aus den Reihen der Gemeindemitglieder ausgesucht und vom jeweiligen Hoheitsträger feierlich vereidigt. Eine „Ordnung für Feldschieder“ aus dem 16. Jahrhundert nennt die 7 Voraussetzungen für eine Ernennung.

Das Wort „Grenzstein“ ist neueren Datums. Früher sprach man von einem Bann oder einer Mark. Daher bedeutet z.B. das Wort „verbannen“: aus den Grenzen seines Machtbereichs ausweisen. Auch das Wort „markieren“ hat hier seinen Ursprung. Neben den üblichen Angaben (Ortszeichen, Wappen, Jahreszahl, lfd. Nummer) befindet sich auf der Kopfseite jedes Grenzsteins eine Rille, die den weiteren Grenzverlauf angibt, die sogenannte Weisung. Dieses Wort hat auch im allgemeinen Sprachgebrauch (Bedeutung: Auftrag, Befehl) richtungsweisende Bedeutung.

Ändert die Grenze die Richtung, dann werden sogenannte Haupt- oder Ecksteine gesetzt. Die dazwischen stehenden Steine werden als Läufer bezeichnet. Bereits die Römer legten beim Setzen der Grenzsteine Münzen der regierenden Kaiser unter die Steine. Die Feldgeschworenen hatten ähnliche Methoden. Sie legten Erkennungszeichen (Steine, Ton- oder Glasscherben) so unter die Steine, dass auch gewiefte Grenz-Betrüger das Geheimnis nicht lösen konnten. Dieses sogenannte „Siebenergeheimnis“ wurde unter den Feldgeschworenen von Generation zu Generation weitergegeben. Außenstehenden wurde das Geheimnis unter keinen Umständen verraten.

Grenzsteine Altrip – Bild 1

Grenzsteine Altrip – Bild 1

Ich habe versucht, die Einleitung so kurz wie möglich zu halten. Aber ich wollte nicht ganz darauf verzichten, damit auch Laien meinen Bericht besser verstehen. Bereits als Kind hat mich ein Grenzstein Nr. 3 nahe der „Dunnerswies“ fasziniert, da er von 1779 war und mir uralt vorkam. Nachdem unsere drei Kinder groß waren, und ich öfter mit unserem Westi „Alfi“ im Wald unterwegs war, wollte ich mehr über diesen Grenzstein wissen. Ich wandte mich deswegen an die „Pfälzische Arbeitsgemeinschaft für Grenz- und Flurdenkmäler“. Dort habe ich weitere Informationen erhalten. Mittlerweile bin ich ehrenamtlicher Mitarbeiter für Grenzsteine beim Landesamt für Denkmalpflege.

Im Jahr 1995 begann ich anhand von alten Landkarten, ausgehend von der Nr. 3, die Grenzsteine des „Hinteren Seckenheimer Rieds“ aufzuspüren. Ursprünglich waren 52 Grenzsteine aus der Zeit 1776/1779 vorhanden. Nachdem der Stein Nr. 12 gefunden und erfasst war, sah ich zufällig, dass sich 10 m in nordöstlicher Richtung ein weiterer Grenzstein in Hanglage befand.

Grenzsteine Altrip – Bild 2

Grenzsteine Altrip – Bild 2

Es handelt sich um einen Eckstein, versehen mit dem Seckenheimer Ortszeichen und der Jahreszahl 1774. Auf eine vollständige Freilegung habe ich verzichtet, da der weitergehende Grenzverlauf Priorität hatte. Irgendwann später kam mir die Idee, dem Stein das Siebenergeheimnis zu entreißen. Ich dachte, die Hanglage würde mir das Freilegen des unteren Steinbereichs erleichtern.

Nachdem diese Idee lange Jahre in mir geschlummert hatte, entschloss ich mich, nun endlich zur Tat zu schreiten. Am 8. April 2009, einem nicht zu heißen Frühlingstag, packte ich meine Grabungsutensilien ein und machte mich auf den Weg. Besagter Stein stand noch ganz unberührt im Gebüsch. Leider musste ich feststellen, dass er doch nicht so direkt am Abhang stand. Dies bedeutete mehr Arbeit. Wurzeln und ein fester Lehmboden machten mir und dem Klappspaten das Leben schwer. An diesem Nachmittag schaffte ich es, bis zum Fuß des Steines im Bereich der Vorderseite zu graben.

Grenzsteine Altrip – Bild 3

Grenzsteine Altrip – Bild 3

Der Stein hat folgende Ausmaße: 28 cm breit, 28 cm tief, 106 cm hoch. Da er nur ca. 30 cm aus dem Boden schaute, war die Grube gute 75 cm tief. Wie bereits erwähnt, befindet sich auf dem Kopf eine rechtwinklige Weisung. Auf der Vorderseite befindet sich oben das Ortszeichen von Seckenheim. Darunter steht die Jahreszahl 1774. Unter der Jahreszahl steht die Zahl 48, allerdings ohne „N“, das auf eine laufende Nummer hinweisen würde.

Grenzsteine sind meist nur zur Hälfte behauen, damit sich die raue, untere Hälfte im Erdreich verkeilt und so ein Absinken des Steines verhindert. Hier ist am Übergang zur unteren Hälfte eine waagerechte Markierung angebracht. So etwas habe ich an den anderen Grenzsteinen noch nicht gesehen. Mitten auf dem Stein, in Höhe der Marke, ist etwas abgeplatzt. Als ob ein Laie etwas einmeißeln wollte.

Nach einer alten Karte muss dieser Stein das Gebiet der „Seckenheimer Riedgemeinde der 48 Stämme“, einer Art Genossenschaft, markiert haben. Deshalb die 48 ohne zusätzliches „N“. Auffällig sind die unterschiedlichen Schreibweisen der Zahl 4. Anhand der Meiselspuren ist davon auszugehen, dass der Stein einige Zeit vor 1774 gesetzt wurde. In 1774, also zwei Jahre vor der Vermessung des gesamten Gebiets, ließ die Genossenschaft ihr Gebiet wohl nochmals vermessen, um einem Gebietsverlust vorzubeugen.

Grenzsteine Altrip – Bild 4

Grenzsteine Altrip – Bild 4

Ich musste leider feststellen, dass man hier mit dem Klappspaten nicht weiterkam, zumal das Loch für Grabungen unter dem Stein zu tief und zu schmal für meine Figur war. So beschloss ich, die Suche mit einem Gartenspaten zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen. Aufgrund des engen Schachtes stieß ich während der Grabung mehrmals am Stein an. Dabei fiel mir auf, dass das Material im oberen Bereich massiv klang. Je tiefer ich klopfte, desto hohler klang es. So kam ich auf den Gedanken, im Stein müsse irgendwo ein Hohlraum sein.

Bedingt durch private Termine fiel die Pause etwas länger aus. Erst am 2. Juni setzte ich nachmittags die Ausgrabung fort. Zuerst wurde der vorhandene Schacht so erweitert, dass ich in der Hocke bis zum Steinende kam. Vor dem Stein grub ich noch 30 cm tiefer, ohne auf Fundstücke zu stoßen. Durch das Gewicht war der Lehm unter dem Stein so hart, dass das Erdreich nur mit einem stabilen Schraubendreher gelockert werden konnte. Mit einer kleinen Kelle arbeitete ich mich unter dem Stein bis zur Mitte vor. Leider ohne Ergebnis. Auch hier grub ich bis in eine Tiefe von 30 cm. Da ich ohne Spiegel die Unterseite des Steines nicht näher untersuchen konnte und auch keine Funde machte, brach ich etwas frustriert die Grabung ab.

Grenzsteine Altrip – Bild 5

Grenzsteine Altrip – Bild 5

Am 3. Juni ging es um 9.30 Uhr weiter. Da konnte ich noch nicht ahnen, dass dies ein guter Tag werden würde. Ich grub weiter, bis die gesamte untere Fläche freilag. Bedauerlicherweise reichte das Sonnenlicht, das durch das Blätterdach drang, nicht für eine nähere Betrachtung aus. Da ich auf der Suche nach Hohlstellen war, entfernte ich an der linken und rechten Seite des Steines das Erdreich bis in eine Höhe von ca. 30 cm. Aber ohne Taschenlampe war nichts zu erkennen. Deshalb beendete ich die erfolglose Suche. Am Nachmittag wollte ich mir den Stein mit Spiegel und Taschenlampe von verschiedenen Seiten anschauen und dann das Loch wieder verfüllen.

Um 11.30 Uhr ging ich zurück zu meinem Fahrrad, das ich am Waldrand zurückgelassen hatte. Ich wollte nach Hause. Unterwegs fiel mir ein, dass sich dort, ca. 190 m südöstlich meiner Grabungsstelle, ein weiterer Grenzstein in Hanglage befindet. Da dieser Stein Nr. 11 55 cm aus der Erde herausragte und noch 1 Stunde Zeit bis zum Mittagessen war, packte ich den Klappspaten aus und es ging los. Der Boden war nicht fest. Nur einige kleinere Wurzeln behinderten meine Arbeit.

Grenzsteine Altrip – Bild 6

Grenzsteine Altrip – Bild 6

In einer Tiefe von 70 cm stieß ich auf zwei abgerundete Steinbrocken, die ich sofort einpackte. Da ich wusste, dass gerne vier Teile von Steinen oder Ziegeln verwendet werden (teils neben und teils unter dem Stein), setzte ich die Grabung fort. Unter dem Stein fand ich noch zwei Steinbrocken, einen abgerundeten und einen eckigen. Bei dem eckigen Teil hatte ich meine Bedenken, ob dieser dazu passt.

Zu Hause säuberte ich unter Anspannung die vier Teile mit Wasser und Bürste. Sie sind aus rotem Sandstein. Nach einigen Versuchen beim Zusammensetzen stellte sich heraus, dass es sich eindeutig um das Siebenergeheimnis dieses Grenzsteins handelt. Welch eine große Erleichterung. Neben dem Misserfolg beim 48er Stein hat sich glücklicherweise noch ein Erfolgserlebnis eingestellt. Die Schufterei hat sich zumindest teilweise gelohnt.

Der Sandsteinbrocken war in vier Teile zerlegt worden. Entlang der Sedimentschichten können die Teile fast nahtlos zusammengefügt werden. Bei dem Bruch quer zu den Schichten sind doch einige Absplitterungen zu erkennen. Aber es ist offensichtlich, dass die vier Teile ein Ganzes ergeben. Nach 230 Jahren erblickten sie wieder das Tageslicht.

Grenzsteine Altrip – Bild 7

Grenzsteine Altrip – Bild 7

Grenzsteine Altrip – Bild 8

Grenzsteine Altrip – Bild 8

Nach dem Essen fuhr ich zu den Grabungsstellen. Zum einen wollte ich den Fundort fotografieren und dann die Löcher zuschaufeln, um alles in den ursprünglichen Zustand zu bringen. Beim Grenzstein Nr. 11 ging es auch ganz zügig und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Als ich bei dem 48er Stein ankam, packte mich, beflügelt durch den Erfolg, nochmals der Ehrgeiz. Immerhin hatte ich die Rückseite noch nicht untersucht. Zuerst schaufelte ich das Erdreich von hinten auf die Vorderseite, damit der Stein wieder eine feste Basis bekommt und das Grabungsloch aufgefüllt wird. Bei der anschließenden Freilegung der Steinbasis entdeckte ich einen Steinbrocken aus rotem Sandstein und steckte ihn in die Tasche. Weiter Funde stellten sich leider nicht ein.

Grenzsteine Altrip – Bild 10

Grenzsteine Altrip – Bild 10

Grenzsteine Altrip – Bild 9

Grenzsteine Altrip – Bild 9

Dann legte ich die rechte Seite frei, um auch hier nach Hohlstellen zu suchen. So fand ich auf der Oberfläche zwei Stellen, die mit Lehm gefüllt waren. Mit dem Schraubendreher wurde das Erdreich entfernt. Das kleine Loch schien mir ohne Bedeutung. Aber das große Loch erregte meine Aufmerksamkeit, zumal dessen Querschnitt mit dem des gefundenen Steines übereinstimmen könnte. Ich holte das Fundstück aus der Tasche und reinigte es. Auch das Loch wurde von den letzten Erdresten befreit.

Meine Freude war riesengroß, als der Stein in das Loch passte, wie ein Schlüssel ins Schloss. Das Siebenergeheimnis des 48er Steines war wohl geknackt.

Grenzsteine Altrip – Bild 14

Grenzsteine Altrip – Bild 14

Grenzsteine Altrip – Bild 12

Grenzsteine Altrip – Bild 12

Aber die Feldgeschworenen, die das Geheimnis vor über 235 Jahren vergruben, haben es mir schwer gemacht, das Rätsel zu lösen. Da der kleine Stein ca. 2 cm aus dem 48er Stein herausschaut, kann man ihn auch wieder entfernen. Wenn er genau mit der Oberfläche abschließen würde, wäre das nicht möglich. Wenn es sich um einen natürlichen Einschluss gehandelt hätte und er wäre beim Eingraben herausgefallen, hätte man ihn an anderer Stelle und in anderer Höhe gefunden.

Durch diesen Fund erlangen die bisher nicht definierbaren Markierungen im mittleren Bereich der Vorderseite eine ganz neue Bedeutung.

Grenzsteine Altrip – Bild 15

Grenzsteine Altrip – Bild 15

Die waagerechte Markierung kann man in zweierlei Hinsicht interpretieren. Da sie rechts angebracht ist, muss die Lösung in diesem Bereich (vorn oder hinten) sein. Außerdem signalisiert der Strich, dass der vergrabene Schlüssel zur Lösung unter der Basis zu suchen ist. Damit das Ganze unauffällig wirkt, hat man den Strich direkt an der Grenze zwischen behauenem und unbehauenem Teil angebracht.

Das Meiselzeichen in der Mitte hat aus der Entfernung Ähnlichkeit mit der dreieckigen Form des Schlüsselsteins. Auch hier hat man versucht, die Lösung durch unfachmännisch wirkende Meiselspuren zu verschleiern. Eine andere Deutung macht meines Erachtens keinen Sinn, da es bei den bisher gefundenen, freistehenden Grenzsteinen nichts Vergleichbares gibt.

Zum Schluss noch ein Wort zur Bestandsaufnahme und Archivierung von historischen Grenzsteinen. Diese Tätigkeit ist von bleibender Bedeutung, da immer mehr Kleindenkmäler aus verschiedenen Gründen verloren gehen. Sie werden zwar durch ein Landesgesetz entsprechend geschützt, aber selbst staatliche Stellen achten bei Baumaßnahmen nicht immer auf deren Schutz.

Grenzsteine Altrip – Bild 16

Grenzsteine Altrip – Bild 16

Bei der letzten Deicherhöhung in den Jahren 2004/2005 verschwand der Seckenheimer Grenzstein Nr. 1.

Er war zwar durch Pflugscharen schon beträchtlich beschädigt, aber eine Bergung und Aufstellung mit einer Infotafel (Beispiel Infotafel Myriameterstein am Rheindamm, Fotos und Text von mir) hätte den Hochwasserlehrpfad sinnvoll ergänzt. Hoffentlich kann noch geklärt werden, ob der Stein nur zugeschüttet oder abtransportiert und entsorgt wurde.

Sollte der Polder gebaut werden, sehe ich für weitere historische Grenzsteine (u. a. für mehrere Grenzsteine von 1776/1779, den Dreimärker von 1755 an der Grenze Altrip/Neuhofen/Waldsee, aus einer römischen Säule gefertigt) eine große Gefahr. Hoffentlich beachtet die SGD Süd den Denkmalschutz für Kleindenkmäler bei künftigen Baumaßnahmen.

Sollte zu diesem Artikel noch Informationsbedarf bestehen, bin ich gerne bereit, Anfragen an mich oder an den Heimat- und Geschichtsverein zu beantworten.

Edgar Alt, 2009

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